Abstimmung über die 13. AHV-Rente: Eine Frage von Eigeninteressen, aber auch von sozialer Gerechtigkeit

Am 3. März 2024 wur­de das Schwei­zer Volk dazu auf­ge­ru­fen, über die Volks­in­itia­ti­ve «Für ein bes­se­res Leben im Alter» abzu­stim­men, die eine 13. AHV-Ren­te für Rent­ne­rin­nen und Rent­ner for­der­te. Die Annah­me die­ser Initia­ti­ve mit 58,3 % der Stim­men­den schrieb Geschich­te, da erst zum zwei­ten Mal eine Initia­ti­ve aus gewerk­schaft­li­chen Krei­sen auf Bun­des­ebe­ne erfolg­reich war. Die “uti­li­ta­ris­ti­sche” Dimen­si­on der Abstim­mung wur­de in den Ana­ly­sen nach dem Urnen­gang aus­führ­lich her­vor­ge­ho­ben. In die­sem Bei­trag gehen wir der Fra­ge nach, inwie­weit die indi­vi­du­el­len Ent­schei­dun­gen zu die­ser Vor­la­ge auch von mora­li­schen Über­le­gun­gen beein­flusst wurden.

Einleitung

Die ers­ten Ana­ly­sen, die nach der Abstim­mung vom 3. März durch­ge­führt wur­den, konn­ten den Ein­druck erwe­cken, dass die Erklä­rung des Abstimm­ver­hal­tens zur die 13. AHV-Ren­te eine aus­ge­mach­te Sache war. So ergab eine Tame­dia-Umfra­ge, dass die Unter­stüt­zung für die Initia­ti­ve bei Rent­ne­rin­nen und Rent­nern sowie bei Per­so­nen mit gerin­gem Ein­kom­men viel stär­ker aus­ge­prägt war als bei jun­gen und wohl­ha­ben­de­ren Stim­men­den. Die­se genera­tio­nen­be­zo­ge­nen und “sozio­öko­no­mi­schen” Gegen­sät­ze zwi­schen den Befür­wor­ten­den und der Geg­ner­schaft der Initia­ti­ve schei­nen also Aus­druck poli­ti­scher Prä­fe­ren­zen zu sein, die von den per­sön­li­chen Inter­es­sen der Wäh­ler gelei­tet wurden.

Ange­sichts die­ser Ergeb­nis­se scheint die uti­li­ta­ris­ti­sche Dimen­si­on des Stimm­ent­scheids unum­strit­ten zu sein. Zahl­rei­che Stu­di­en haben jedoch gezeigt, dass die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ihre Ent­schei­dun­gen auch auf der Grund­la­ge von Vor­stel­lun­gen tref­fen, was für die Gesell­schaft wün­schens­wert ist und somit von Vor­stel­lun­gen, die über ihre eige­nen Inter­es­sen hin­aus­ge­hen. Die­se mora­li­sche Dimen­si­on der Stimm­ab­ga­be kann sich auf bekann­te Ein­fluss­fak­to­ren wie poli­ti­sche Ideo­lo­gie und Wer­te bezie­hen. Doch auch ande­re mora­li­sche Kon­zep­tio­nen, die in der Poli­tik­wis­sen­schaft noch nicht so häu­fig ver­wen­det wur­den, ermög­li­chen es, all­ge­mei­ne­re Vor­stel­lun­gen von Gerech­tig­keit und dem Funk­tio­nie­ren der Gesell­schaft zu erfas­sen. Vor die­sem Hin­ter­grund wer­tet unser Bei­trag Daten des For­schungs­pro­jekts Direk­te Demo­kra­tie in der Schweiz im 21. Jahr­hun­dert (DDS21; sie­he Box 1) aus und zeigt, dass es bei der Abstim­mung über die 13. AHV-Ren­te auch um mora­li­sche Über­le­gun­gen ging.

Box 1: Daten und Methoden

Seit 2023 setzt sich das vom Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­fonds (SNF) finan­zier­te For­schungs­pro­jekt Direk­te Demo­kra­tie Schweiz im 21. Jahr­hun­dert (DDS21) zum Ziel, die Grün­de der Betei­li­gung und der Stim­mungs­ent­schei­de der Schwei­zer Bür­ge­rin­nen und Bür­ger nach jeder eid­ge­nös­si­schen Volks­ab­stim­mung zu unter­su­chen. Unter der Lei­tung des Zen­trums für Demo­kra­tie Aar­au (ZDA), das der Uni­ver­si­tät Zürich ange­glie­dert ist, ver­eint DDS21 Mit­glie­der der acht uni­ver­si­tä­ren poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tu­te der Schweiz sowie des Liechtenstein-Instituts.

Die in die­sem Arti­kel ver­wen­de­ten Daten stam­men aus dem Lang­fris­t­pa­nel von DDS21 (N=4748) und wur­den von FORS erho­ben. Die­se Längs­schnitt­un­ter­su­chung umfasst bis­her drei Wel­len zu den Volks­ab­stim­mun­gen von Juni 2023 und März 2024 sowie zu den eid­ge­nös­si­schen Wah­len im Okto­ber 2023. Die Ana­ly­sen wur­den anhand unge­wich­te­ter Daten durchgeführt. 

Der Effekt von moralischen Einstellungen

Am 3. März ging es laut dem Initia­tiv­ko­mi­tee dar­um, den pen­sio­nier­ten Per­so­nen ange­sichts stei­gen­der Lebens­hal­tungs­kos­ten auf gerech­te Wei­se das zurück­zu­zah­len, wofür sie ihre Bei­trä­ge ein­ge­zahlt hat­ten. Wäh­rend der Kam­pa­gne wur­den die The­men Armut, Soli­da­ri­tät und sozia­le Ver­ant­wor­tung den Über­le­gun­gen zur indi­vi­du­el­len Ver­ant­wor­tung und zum Fort­be­stand des Sys­tems gegen­über­ge­stellt. So schei­nen neben den mate­ri­el­len Her­aus­for­de­run­gen auch Fra­gen der Gerech­tig­keit, Gleich­heit und Fair­ness bei die­ser Abstim­mung eine gros­se Rol­le gespielt zu haben. Um die mora­li­sche Dimen­si­on der Abstim­mung zu unter­su­chen, grei­fen wir auf eini­ge theo­re­ti­sche Ansät­ze zurück, die erläu­tern, wie Indi­vi­du­en eine grund­le­gen­de Erklä­rung für die sozia­le Ord­nung ent­wi­ckeln, in der sozia­le Ungleich­hei­ten und Unge­rech­tig­kei­ten teils gerecht­fer­tigt, teils ver­ur­teilt werden.

Einer­seits beru­hen die Hal­tun­gen der “Sys­tem­recht­fer­ti­gung” (Jost, 2020) und der “Glau­be an eine gerech­te Welt” — im All­ge­mei­nen (Ler­ner, 1980) oder für sich selbst (Dal­bert, 1999) — auf einem Fest­hal­ten am Sta­tus quo und der Vor­stel­lung, dass das Gesell­schafts­sys­tem grund­sätz­lich und von Natur aus gerecht ist, sodass jede Per­son das erhält, was sie ver­dient. Die­se recht­fer­ti­gen­den Ein­stel­lun­gen könn­ten somit das Schuld­ge­fühl ange­sichts von Unge­rech­tig­kei­ten ver­rin­gern und eine Ableh­nung der Initia­ti­ve zur 13. Ren­te moti­vie­ren. Zum ande­ren inter­es­sie­ren wir uns für die Art und Wei­se, wie gewöhn­li­che Indi­vi­du­en Armut erklä­ren, wobei wir zwi­schen vier “Kau­sa­lat­tri­bu­tio­nen” unter­schei­den: Pech, Faul­heit, sozia­les Schick­sal (“Armut ist in der Ent­wick­lung der moder­nen Welt unver­meid­lich”) und sozia­le Unge­rech­tig­kei­ten (van Oor­schot & Hal­man, 2000). Die­se Erklä­run­gen sind nach ihrer Zuschrei­bungs­ebe­ne (indi­vi­du­ell oder sozi­al) und ihrem Grad an Hand­lungs­fä­hig­keit (Ver­ant­wor­tung oder Schick­sal) struk­tu­riert. Sie schei­nen rele­vant zu sein, um zu ver­ste­hen, wie die Fra­ge der AHV-Ren­ten von den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern im Hin­blick auf Fra­gen der sozia­len Unsi­cher­heit und der indi­vi­du­el­len Ver­ant­wor­tung bewer­tet wurde.

Gemäss den Daten der DDS21-Befra­gung (sie­he Box 2) wird das sozia­le Umfeld ten­den­zi­ell als gerech­ter für einen selbst wahr­ge­nom­men, als dies im All­ge­mei­nen (und damit auch für ande­re) der Fall ist. Aus­ser­dem nei­gen die Schwei­zer Bür­ger dazu, das bestehen­de Sys­tem zu recht­fer­ti­gen und den Sta­tus quo eher zu ver­tei­di­gen als ihn in Fra­ge zu stel­len. Unter den Erklä­run­gen für Armut stösst jene auf brei­te Zustim­mung, die die sozia­le Ver­ant­wor­tung betont (“viel Unge­rech­tig­keit in unse­rer Gesell­schaft”) — im Gegen­satz zur indi­vi­du­el­len Ver­ant­wor­tung (“Faul­heit, man­geln­der Wille”).

Box 2: Beschrei­bung der Indikatoren

Die ers­ten drei mora­li­schen Ein­stel­lun­gen wer­den anhand von Ska­len von 0 bis 10 gemes­sen, die jeweils aus Bat­te­rien von sechs Fra­gen kon­stru­iert wur­den. Die Relia­bi­li­tät all die­ser Ska­len erweist sich als zufrie­den­stel­lend (Cron­bachs α > 0.7). Dabei erge­ben sich fol­gen­de deskrip­ti­ve Sta­tis­ti­ken: Recht­fer­ti­gung des Sys­tems (M=5.8; SD=1.7), Glau­be an eine gerech­te Welt im All­ge­mei­nen (M=3.6; SD=1.7), Glau­be an eine gerech­te Welt für sich selbst (M=6.4; SD=2.0). Die Armuts­zu­schrei­bun­gen wur­den anhand von vier Ska­len gemes­sen, die von 0 (stim­me über­haupt nicht zu) bis 10 (stim­me voll und ganz zu) abge­stuft sind. Es wur­den fol­gen­de deskrip­ti­ve Sta­tis­ti­ken ermit­telt: “Pech” (M=4.1; SD=2.8), “Faul­heit” (M=3.1; SD=2.7), “Sozia­les Ver­häng­nis” (M=4.8; SD=3.0) und “Sozia­le Unge­rech­tig­kei­ten” (M=6.1; SD=2.8).

Wir haben den simul­ta­nen Ein­fluss aller mora­li­schen Ein­stel­lun­gen auf die Stimm­ab­ga­be für eine Annah­me der 13. AHV-Ren­te getes­tet — unter Kon­trol­le der rele­van­tes­ten sozio­de­mo­gra­fi­schen und poli­ti­schen Varia­blen (sie­he das Regres­si­ons­mo­dell im Anhang). Die Abbil­dung 1 zeigt die vor­her­ge­sag­ten Wahr­schein­lich­kei­ten des Stimm­ent­scheids in Abhän­gig­keit der Ein­stel­lun­gen, deren Effekt sich als signi­fi­kant (p<.05) erwie­sen hat. Zusam­men­fas­send stel­len wir fest, dass die Befür­wor­tung der 13. AHV-Ren­te mit der Nei­gung der Indi­vi­du­en abnimmt, das bestehen­de Sys­tem zu recht­fer­ti­gen (Abbil­dung 1A) sowie mit dem Glau­ben, dass die Welt für sie selbst gerecht ist (Abbil­dung 1D). Im Gegen­satz dazu steigt die Akzep­tanz der Initia­ti­ve mit dem Glau­ben, dass die Welt im All­ge­mei­nen gerecht ist (Abbil­dung 1C). Dies bestä­tigt, dass die­se bei­den Wahr­neh­mun­gen der “natür­li­chen Gerech­tig­keit” unab­hän­gi­ge Effek­te aus­üben (Dal­bert, 1999).

Es ist jedoch zu beach­ten, dass auf biva­ria­ter Ebe­ne bei­de Über­zeu­gun­gen von einer gerech­ten Welt nega­tiv mit der Akzep­tanz der Initia­ti­ve in Zusam­men­hang ste­hen. Die Effek­te, die sich aus unse­rer mul­ti­va­ria­ten Ana­ly­se erge­ben, legen daher nahe, dass das rela­ti­ve Niveau der bei­den Über­zeu­gun­gen ent­schei­dend ist: Die Wahr­schein­lich­keit, dass die Initia­ti­ve ange­nom­men wird, steigt in dem Mas­se, in dem die Stim­men­den die Welt als gerech­ter für ande­re als für sich selbst wahr­neh­men. Schliess­lich begüns­tigt die Zuschrei­bung von Armut zu sozia­len Unge­rech­tig­kei­ten die Befür­wor­tung der 13. AHV-Ren­te (Abbil­dung 1B).

Abbildung 1. Vorhergesagte Wahrscheinlichkeiten, mit Ja zu stimmen (mit 95%-Konfidenzintervall) — Initiative für eine 13. AHV-Rente (N=2421)

Abbildung: Autoren · Formatierung: Alix d’Agostino, DeFacto · Daten: Direkte Demokratie Schweiz im 21. Jahrhundert (DDS21)
Fazit

Die­ser Bei­trag befass­te sich mit der Abstim­mung über die Initia­ti­ve für eine 13. AHV-Ren­te, über die am 3. März 2024 abge­stimmt wur­de. Wir haben die Fra­ge gestellt, ob die Schwei­zer Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ihre Ent­schei­dung auf­grund von mora­li­schen Über­le­gun­gen getrof­fen haben — zusätz­lich zu (oder anstel­le von) ihren eige­nen. Mit­hil­fe einer DDS21-Befra­gung konn­ten wir die­se Fra­ge ein­ge­hen­der unter­su­chen. Dabei hat sich gezeigt, dass der Stimm­ent­scheid zur 13. Ren­te von meh­re­ren mora­li­schen Ein­stel­lun­gen abhing — von den Wahr­neh­mun­gen, dass “die Welt gerecht” (oder unge­recht) ist, dass das bestehen­de Sys­tem erhal­tens­wert ist (oder nicht) und dass Armut auf sozia­le Unge­rech­tig­keit zurück­zu­füh­ren ist (oder nicht). In der Ten­denz stimm­ten Per­so­nen, die einem auf Unge­rech­tig­kei­ten beru­hen­den “Inter­pre­ta­ti­ons­rah­men” (injus­ti­ce frame) anhän­gen, der 13. Ren­te zu, im Gegen­satz zu Per­so­nen, die von der Legi­ti­mi­tät des sozia­len Sys­tems über­zeugt sind (legi­ti­ma­cy frame).


Refe­ren­zen:

Dal­bert, C. (1999). The world is more just for me than gene­ral­ly: About the per­so­nal belief in a just world sca­le’s vali­di­ty. Social Jus­ti­ce Rese­arch, 12(2), 79–98. https://psycnet.apa.org/doi/10.1023/A:1022091609047

Jost, J. T. (2020). A Theo­ry of Sys­tem Jus­ti­fi­ca­ti­on. Har­vard Uni­ver­si­ty Press. https://doi.org/10.4159/9780674247192

Ler­ner, M. J. (1980). The Belief in a Just World: A Fun­da­men­tal Delu­si­on. Sprin­ger https://doi.org/10.1007/978–1‑4899–0448‑5  

van Oor­schot, W., & Hal­man, L. (2000). Bla­me or fate, indi­vi­du­al or social? An inter­na­tio­nal com­pa­ri­son of popu­lar explana­ti­ons of pover­ty. Euro­pean Socie­ties, 2(1), 1–28. https://doi.org/10.1080/146166900360701  

Bild: unsplash.com


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