Berufsbildung unter Reformdruck: Attraktiv in der Schweiz, zunehmend marginalisiert in Deutschland 

Berufs­bil­dungs­sys­te­me sind in den letz­ten dreis­sig Jah­ren stark unter Druck gera­ten. Grün­de dafür sind der tech­no­lo­gi­sche Wan­del sowie wirt­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen, wel­che die Anfor­de­run­gen an Fach­kräf­te kon­ti­nu­ier­lich anstei­gen las­sen. Die­ser Arti­kel geht der Fra­ge nach, wie die Schweiz im Ver­gleich zu Deutsch­land auf die­se Her­aus­for­de­rung reagiert. 

In Wis­sens­ge­sell­schaf­ten müs­sen Bil­dungs­sys­te­me lau­fend refor­miert wer­den, weil sich die Bedürf­nis­se des Arbeits­mark­tes ste­tig wan­deln. Die­se von Unter­neh­men ange­trie­be­ne Ent­wick­lung geschieht oft schnel­ler, als sich Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen ihr anpas­sen kön­nen. Da die Wirt­schaft aber auf gut aus­ge­bil­de­te Fach­kräf­te ange­wie­sen sein wird, kann dar­aus leicht ein Fach­kräf­te­man­gel resultieren.

Schweiz und Deutschland im Vergleich 

Die Schweiz und Deutsch­land sind inter­na­tio­nal für ihre qua­li­ta­tiv hoch­ste­hen­den Berufs­bil­dungs­sys­te­me bekannt. Aller­dings reagie­ren die bei­den Län­der unter­schied­lich auf die­se Her­aus­for­de­rung. Unse­re Ana­ly­se zeigt in einem Ver­gleich auf, wel­chen Weg die­se zwei Län­der ein­ge­schla­gen haben.

Abnehmende Relevanz der Berufsbildung in Deutschland

Der Ver­gleich der deut­schen und schwei­ze­ri­schen Refor­men zeigt, dass die Berufs­bil­dung in Deutsch­land an Bedeu­tung ein­ge­büsst, wäh­rend sie in der Schweiz kaum an Attrak­ti­vi­tät ver­lo­ren hat. Sym­pto­ma­tisch hier­für ist bei­spiels­wei­se die schwach aus­ge­bau­te höhe­re Berufs­bil­dung in Deutsch­land. Im Gegen­satz dazu sind die deut­schen Uni­ver­si­tä­ten und Fach­hoch­schu­len gewach­sen, wobei die Mehr­heit der Fach­hoch­schul­stu­die­ren­den eben­falls aus all­ge­mein­bil­den­den Schu­len stammt. Berufs­bil­den­de Inhal­te haben der­weil Ein­gang in die deut­schen Hoch­schu­len gefun­den. Mitt­ler­wei­le besu­chen zahl­rei­che Stu­die­ren­de ein soge­nann­tes dua­les Stu­di­um, wel­ches Pra­xis­pha­sen in einem Betrieb mit einem Stu­di­um an einer Hoch­schu­le kombiniert.

Nicht nur die Ter­tiär­stu­fe, son­dern auch all­ge­mein­bil­den­de Schul­ty­pen auf Sekun­dar­stu­fe ver­zeich­nen in Deutsch­land hohe Zuwachs­ra­ten. Hat 1975 noch rund ein Vier­tel aller Jugend­li­chen eine all­ge­mein­bil­den­de Schu­le auf Sekun­dar­stu­fe II besucht, liegt der Anteil heu­te bei rund vier­zig Pro­zent. In der Schweiz hin­ge­gen liegt die­ser Anteil heu­te bei knapp dreis­sig Pro­zent. Aber nicht alle Abiturient_innen fin­den ihren Weg an eine Hochschule.

Mitt­ler­wei­le sind rund dreis­sig Pro­zent aller Aus­zu­bil­den­den in der Berufs­bil­dung Abiturient_innen. Dies ist in der Schweiz nicht der Fall, wo es die Aus­nah­me bleibt, dass Maturand_innen eine Leh­re begin­nen. Des Wei­te­ren wur­de in Deutsch­land auf­grund der wach­sen­den Ansprü­che an die Aus­zu­bil­den­den und der abneh­men­den Aus­bil­dungs­tä­tig­keit deut­scher Fir­men ein Über­gangs­sys­tem ein­ge­führt. Die­ses küm­mert sich um die zahl­rei­chen Jugend­li­chen, die kei­ne Aus­bil­dungs­stel­le fin­den konnten. 

Anhaltende Attraktivität der Berufslehre in der Schweiz

Im Ver­gleich zu Deutsch­land hat sich die Schweiz im glei­chen Zeit­raum inten­siv dar­um bemüht, die Berufs­bil­dung für Jugend­li­che und Fir­men attrak­tiv zu hal­ten. Infol­ge der Ein­füh­rung der Berufs­ma­tu­ra und den Fach­hoch­schu­len ermög­licht die Berufs­bil­dung heu­te einen direk­ten Zugang zu einer ter­tiä­ren Ausbildung.

Heu­te erhal­ten rund vier­zig Pro­zent aller Maturand_innen eine Berufs­ma­tu­ra. Nicht zuletzt dank der Berufs­ma­tu­ra ver­fü­gen heu­te fast sech­zig Pro­zent aller Stu­die­ren­den an Schwei­zer Fach­hoch­schu­len über einen Berufs­bil­dungs­ab­schluss. Par­al­lel wur­de in der Schweiz die höhe­re Berufs­bil­dung stark ausgebaut.

Der Anteil der Absolvent_innen einer beruf­li­chen Aus­bil­dung, die anschlies­send einen wei­te­ren Bil­dungs­ab­schluss in der höhe­ren Berufs­bil­dung erwer­ben, ist von rund 25 Pro­zent im Jahr 2000 auf mitt­ler­wei­le vier­zig Pro­zent gestie­gen. Heu­te wird fast jeder zwei­te Abschluss auf Ter­tiär­stu­fe im Rah­men der höhe­ren Berufs­bil­dung erwor­ben. Zur anhal­ten­den Attrak­ti­vi­tät der Berufs­bil­dung in der Schweiz hat auch bei­getra­gen, dass alle nicht-aka­de­mi­schen Aus­bil­dun­gen in die Berufs­bil­dung auf­ge­nom­men wur­den und damit die Rol­le der Berufs­bil­dung gera­de auch im wach­sen­den Dienst­leis­tungs­sek­tor gestärkt wurde.

Spielraum für Innovationen, starke Präsenz von KMU

Wie las­sen sich die­se unter­schied­li­chen bil­dungs­po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen erklä­ren? Zwei­fels­oh­ne tra­gen ver­schie­de­ne Fak­to­ren dazu bei, die Unter­schie­de zwi­schen Deutsch­land und der Schweiz zu erklä­ren. Im Fol­gen­den möch­ten wir aber zwei Fak­to­ren beson­ders her­vor­he­ben. Ers­tens lässt das Schwei­zer Berufs­bil­dungs­sys­tem den Betrie­ben und den Orga­ni­sa­tio­nen der Arbeits­welt (OdA) ver­gleichs­wei­se viel Spielraum.

OdAs sind für die Aus­bil­dun­gen ver­ant­wort­lich. In die­ser Funk­ti­on defi­nie­ren sie Lern­in­hal­te, ent­wi­ckeln neue Aus­bil­dungs­pro­gram­me und pas­sen die Aus­bil­dung an die Bedürf­nis­se der Fir­men an. Zudem gibt es kei­ne natio­na­len Regu­la­to­ri­en für Berufs­ver­bän­de, wel­che die Wir­kungs­kraft der OdAs ein­schrän­ken könn­ten. Dies steht im Gegen­satz zum hier­ar­chi­sche­ren und struk­tu­rier­te­ren deut­schen Sys­tem. Die­se Fle­xi­bi­li­tät erhöht die Inno­va­tions- und Anpas­sungs­fä­hig­keit des Schwei­zer Berufsbildungssystems.

Zwei­tens spie­len im Schwei­zer Berufs­bil­dungs­sys­tem klei­ne und mitt­le­re Unter­neh­men (KMU) eine deut­lich grös­se­re Rol­le als in Deutsch­land. Rund vier­zig Pro­zent der Schwei­zer Ler­nen­den arbei­ten in Betrie­ben mit neun oder weni­ger Mit­ar­bei­ten­den, wäh­rend in Deutsch­land nur 15 Pro­zent der Aus­zu­bil­den­den in sol­chen Unter­neh­men arbei­ten. Klei­ne Betrie­be haben ein weit grös­se­res Inter­es­se an einer star­ken Berufs­bil­dung, da sie im Gegen­satz zu grös­se­ren Unter­neh­men nur schwer auf dem exter­nen Arbeits­markt rekru­tie­ren kön­nen und auch nicht betriebs­ei­ge­ne Aus­bil­dungs­pro­gram­me oder Koope­ra­tio­nen mit Hoch­schu­len auf­bau­en kön­nen. Die KMU sind damit die stärks­te Lob­by für ein attrak­ti­ves Berufs­bil­dungs­sys­tem. Jedoch bleibt die Schwei­zer Berufs­bil­dung auf­grund Ihrer Fle­xi­bi­li­tät und Inno­va­ti­ons­kraft auch für gros­se Betrie­be und damit letzt­lich auch für Jugend­li­che attraktiv.


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Bild: Unsplash

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