Was verstehen Menschen eigentlich unter «Europa»?

Viel For­schung in der poli­ti­schen Sozio­lo­gie und Poli­tik­wis­sen­schaf­ten beschäf­tigt sich damit, ob sich Men­schen mit Euro­pa iden­ti­fi­zie­ren. Doch was ist damit gemeint? Wir zei­gen, dass die Begrif­fe und Bedeu­tung des Kon­zepts Euro­pa ent­schei­dend sind, wenn es um Iden­ti­fi­ka­ti­on geht.

For­schung zur Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Euro­pa gibt es in der poli­ti­schen Sozio­lo­gie und den Poli­tik­wis­sen­schaf­ten wie Sand am Meer. Unklar ist dabei aber, was die Men­schen eigent­lich damit mei­nen, wenn sie von einer Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Euro­pa spre­chen. Was ver­bin­den Befrag­te mit die­sem Objekt der Iden­ti­fi­ka­ti­on, Euro­pa? Ist das ein geo­gra­phi­scher Raum, eine Gestalt der grie­chi­schen Mytho­lo­gie, das euro­päi­sche Sozi­al­mo­dell oder gar die Euro­päi­sche Union? 

Wir sind der Fra­ge, wel­che Bedeu­tun­gen Men­schen mit Euro­pa ver­bin­den, in einer empi­ri­schen Stu­die nachgegangen.

Daten und Methode
Im Rah­men des For­schungs­pro­jekts “Toward a Euro­pean Socie­ty: The Sin­gle Mar­ket, Bina­tio­nal Mar­ria­ges, and Social Group For­ma­ti­on in Euro­pe (EUMARR)” haben wir rund 2000 Men­schen in Zürich unter ande­rem nach ihren Vor­stel­lun­gen von Euro­pa befragt, wobei wir sowohl Per­so­nen mit Schwei­zer Staats­bür­ger­schaft als auch EU-Bür­ger in die Stu­die ein­ge­schlos­sen haben. Dabei haben wir Per­so­nen in unter­schied­li­chen Part­ner­schafts­kon­stel­la­tio­nen aus­ge­wählt, von EU-Bür­ge­rin­nen, die mit Schwei­zern ver­hei­ra­tet sind, bis hin zu Schwei­ze­rin­nen, die mit Schwei­zern ver­hei­ra­tet sind. Dahin­ter stand die Annah­me, dass eine über die eige­ne Nati­on hin­aus­rei­chen­de Part­ner­schaft auch eine grös­se­re Offen­heit für eine über­na­tio­na­le Iden­ti­fi­ka­ti­on mit sich bringt. Auf der Basis der vor­han­de­nen Lite­ra­tur haben wir elf ver­schie­de­ne Bedeu­tun­gen von Euro­pa zusam­men­ge­stellt: Gemein­sa­me Geschich­te, Geo­gra­phi­sche Region/Kontinent, Euro­päi­sche Uni­on, Chris­ten­tum, Kul­tu­rel­le Diver­si­tät, Domi­nanz öko­no­mi­scher Inter­es­sen, Poli­ti­sche Koope­ra­ti­on, Tole­ranz, Wohl­fahrts­staat, Tren­nung von Staat und Kir­che sowie den Ver­lust natio­na­ler Iden­ti­tät. Die­se Lis­te scheint den Bedeu­tungs­raum von Euro­pa weit­ge­hend abge­deckt zu haben. Die Befrag­ten konn­ten in einem Frei­feld näm­lich auch eige­ne Bedeu­tun­gen von Euro­pa ein­tra­gen, dies haben aber nur 5 % der Unter­su­chungs­per­so­nen getan. Dabei haben sich kei­ne zusätz­li­chen Inhal­te her­aus­kris­tal­li­siert, die von vie­len Per­so­nen geteilt wur­den. Die elf vor­ge­ge­be­nen Vor­schlä­ge konn­ten auf einer Ska­la von 1 (wird über­haupt nicht mit Euro­pa ver­bun­den) bis 7 (wird sehr mit Euro­pa ver­bun­den) bewer­tet werden.

Wel­che Bedeu­tung ver­bin­den nun die Befrag­ten mit Euro­pa? Dar­über gibt Gra­fik 1 Auf­schluss. Ins­be­son­de­re der geo­gra­phi­sche Raum, die kul­tu­rel­le Diver­si­tät und die gemein­sa­me Geschich­te wer­den von vie­len als zen­tral für Euro­pas Bedeu­tung ange­se­hen. Eine mitt­le­re Rele­vanz neh­men die Tole­ranz, der Wohl­fahrts­staat, die Tren­nung von Kir­che und Staat sowie die EU und die poli­ti­sche Koope­ra­ti­on ein. Nicht so bedeu­tend ist für einen gros­sen Teil der Befrag­ten die Domi­nanz öko­no­mi­scher Inter­es­sen, das Chris­ten­tum und der Ver­lust der natio­na­len Iden­ti­tät. Unum­strit­ten sind also eher offen­sicht­li­che Merk­ma­le von Euro­pa, wäh­rend typi­sche sozio­kul­tu­rel­le Merk­ma­le nur von einem Teil der Befrag­ten geteilt wer­den. Dar­über hin­aus sticht ins Auge, dass die EU-Bür­ger, die mit ande­ren EU-Bür­gern ver­hei­ra­tet sind, mit Euro­pa deut­lich mehr ver­bin­den als die Per­so­nen mit Schwei­zer Staats­bür­ger­schaft, die wie­der­um mit einer ande­ren Per­son mit Schwei­zer Staats­bür­ger­schaft ver­hei­ra­tet sind. Dies gilt ins­be­son­de­re für die Euro­päi­sche Uni­on. Ledig­lich den Ver­lust natio­na­ler Iden­ti­tät asso­zi­ie­ren die Schwei­ze­rin­nen und Schwei­zer stär­ker mit Euro­pa als die Men­schen mit euro­päi­schem Pass. Gene­rell zeigt sich in unse­ren Daten, dass Men­schen, die vom Pro­zess der euro­päi­schen Inte­gra­ti­on eher pro­fi­tie­ren, also EU-Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, Per­so­nen mit hoher Bil­dung, mit vie­len trans­na­tio­na­len Erfah­run­gen und in bina­tio­na­len Part­ner­schaf­ten mit ande­ren Men­schen aus Euro­pa eher die posi­ti­ven Bedeu­tungs­merk­ma­le von Euro­pa teilen.

N.B. Arith­me­ti­sche Mit­tel­wer­te auf einer Ska­la von 1–7.

Was aber folgt nun aus die­sen unter­schied­li­chen Bedeu­tun­gen von Euro­pa? Sind die­se über­haupt rele­vant oder kann man Men­schen nicht ein­fach trotz­dem nach ihrer Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Euro­pa fra­gen und die Bedeu­tun­gen ein­fach unbe­ach­tet las­sen? Wir den­ken nicht. Betrach­tet man die­se Bedeu­tun­gen von Euro­pa genau­er auf ihre Kor­re­la­tio­nen mit der euro­päi­schen Iden­ti­fi­ka­ti­on, so zeigt sich, dass man­che eher posi­tiv wir­ken, ande­re neu­tral und eine sogar nega­tiv. Wenn man Euro­pa mit dem Ver­lust natio­na­ler Iden­ti­tät ver­bin­det, so ist dies mit einer gerin­ge­ren euro­päi­schen Iden­ti­fi­ka­ti­on ver­bun­den. Dage­gen sind Inhal­te, die eher mit Gemein­sam­kei­ten (Geschich­te, Geo­gra­phie) und euro­päi­schen Errun­gen­schaf­ten (Wohl­fahrts­staat, Säku­la­ri­tät, poli­ti­sche Koope­ra­ti­on) ver­bun­den sind, posi­tiv mit einer Iden­ti­fi­ka­ti­on mit Euro­pa kor­re­liert. Das Chris­ten­tum und die Domi­nanz öko­no­mi­scher Inter­es­sen sind eher neu­tra­le Inhal­te, sie sind weder posi­tiv noch nega­tiv mit euro­päi­scher Iden­ti­fi­ka­ti­on ver­bun­den. Das Fazit ist: Die Bedeu­tung Euro­pas ist aus­schlag­ge­bend für die euro­päi­sche Identifikation!

Ins­ge­samt zeigt unse­re Stu­die, dass in der quan­ti­ta­ti­ven Sozi­al­for­schung, sowohl in der poli­ti­schen Sozio­lo­gie als auch in den Poli­tik­wis­sen­schaf­ten, bestimm­te Kon­zep­te nicht ein­fach unter­hin­ter­fragt ver­wen­det wer­den soll­ten. Dies gilt ins­be­son­de­re für umfas­sen­de, bedeu­tungs­schwan­ge­re Begrif­fe, wie Euro­pa. Hier lohnt es sich zu unter­su­chen, wel­che Bedeu­tun­gen die unter­such­ten Per­so­nen eigent­lich selbst mit die­sen Begrif­fen ver­bin­den und die­se Bedeu­tun­gen auch sys­te­ma­tisch in der For­schung zu berücksichtigen.


Bild: unsplash.com

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