Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Karriere von Nachwuchsforschenden

Die Pan­de­mie hat die Arbeits­rou­ti­ne von For­schen­den auf der gan­zen Welt durch­ein­an­der gebracht. For­sche­rin­nen und For­scher die am Anfang ihrer Kar­rie­re ste­hen, sind davon beson­ders betrof­fen, da zu die­sem Zeit­punkt inter­na­tio­na­le Mobilität und Ver­net­zung von ent­schei­den­der Bedeu­tung sind. Wie haben sich die ers­ten Mona­te der Pan­de­mie auf ihre Arbeit aus­ge­wirkt und wie schätzen sie die Fol­gen für ihre zukünftige Kar­rie­re ein?

Die­ser Blog­bei­trag wur­de erst­mals auf dem Blog des nccr – on the move publi­ziert (25.3.2021)

«Home-Office» rund um den Globus

Die Umfra­ge­teil­neh­men­den wur­den gefragt, wie oft sie vor der Einführung der COVID-19- Maß­nah­men, im Frühjahr 2020 sowie zum Zeit­punkt der Befra­gung von zu Hau­se aus gear­bei­tet haben. Bevor Maß­nah­men gegen die Aus­brei­tung des Coro­na­vi­rus in Kraft gesetzt wur­den, hat­ten die For­sche­rin­nen und For­scher sel­ten von zu Hau­se aus gear­bei­tet. Im Frühjahr 2020, als mehr oder weni­ger stren­ge Maß­nah­men eingeführt wur­den (je nach­dem, wo die Befrag­ten leb­ten), arbei­te­te die Mehr­heit der Befrag­ten von zu Hau­se aus. Dies gilt für Euro­pa und Nord­ame­ri­ka (sie­he Abbil­dung 1). Im Okto­ber 2020 arbei­te­ten die Men­schen im Durch­schnitt etwas sel­te­ner im Home-Office als im Frühjahr. Was die Regio­nen betrifft, ist das Bild etwas dif­fe­ren­zier­ter: In der Schweiz kehr­ten die For­schen­de häufiger in ihr Büro zurück als im Durch­schnitt der übrigen Europäerinnen und Euro­pä­er und Nord­ame­ri­ka­ne­rin­nen und Nordamerikaner.

Abbildung 1: Arbeit von zu Hause aus
Eltern arbeiteten weniger und zu anderen Zeiten

Die Umfra­ge­teil­neh­men­den berich­te­ten außer­dem, ob sich ihre tatsächliche Arbeits­zeit im Frühjahr 2020, als die Maß­nah­men gegen COVID-19 eingeführt wur­den, im Ver­gleich zur Zeit vor der Pan­de­mie verändert hat. Im Durch­schnitt änderte sich der Zeit­auf­wand für die Arbeit nicht wesent­lich. Während jedoch Befrag­te, die kei­ne Kin­der haben, etwa gleich viel arbei­te­ten wie zuvor, arbei­te­ten jene mit Kin­dern weni­ger als zuvor (sie­he Abbil­dung 2).

Abbildung 2: Veränderung der Ist-Arbeitszeit

Die Teil­neh­men­den wur­den eben­falls nach poten­zi­el­len Ände­run­gen ihrer Arbeits­plä­ne gefragt (Mehr­fach­nen­nun­gen waren möglich). Tatsächlich gab etwa die Hälfte an, dass sie häufiger am frühen Mor­gen und/oder am späten Abend arbei­ten. Darüber hin­aus gab ein Drit­tel an, häufiger am Wochen­en­de und/oder in den Feri­en zu arbei­ten. Zudem ist ein Zusam­men­hang zwi­schen der Ver­schie­bung der Arbeits­zei­ten und dem Eltern­sein zu beob­ach­ten. Tatsächlich gaben mehr als sech­zig Pro­zent der Teil­neh­men­den mit Kin­dern an, ihre Arbeit auf mor­gens und/oder abends zu ver­la­gern, dies taten aber nur die Hälfte der Teil­neh­men­den ohne Kin­der. Eben­so ver­scho­ben Eltern ihre Arbeits­zeit etwas häufiger auf Wochen­en­den und/oder Fei­er­ta­ge als Per­so­nen ohne Kin­der (sie­he Abbil­dung 3).

Abbildung 3: Änderung des Arbeitsplans

Verminderte Arbeitsproduktivität

Auf die Fra­ge nach Veränderungen in ihrer Arbeitsproduktivität gaben sowohl Män­ner als auch Frau­en an, dass ihre Produktivität im Frühjahr, als die Maß­nah­men eingeführt wur­den, etwas eingeschränkt war. Unser mul­ti­va­ria­tes Modell zeigt, dass Unter­schie­de in der selbst eingeschätzten Arbeitsproduktivität ein­deu­tig mit den Veränderungen der Arbeits­zeit zusam­men­hin­gen. Per­so­nen, die sich auf­grund von Betreu­ungs­auf­ga­ben extra frei­neh­men muss­ten, erleb­ten einen Rückgang der Arbeitsproduktivität, während eine Erhöhung der Arbeits­zeit zu einem signi­fi­kan­ten Anstieg der Produktivität führte. Außer­dem war Home-Office mit einem leich­ten Rückgang der selbst­be­rich­te­ten Produktivität ver­bun­den. In Bezug auf die Regio­nen stel­len wir fest, dass in der Schweiz arbei­ten­de For­schen­de im Ver­gleich zu For­schen­den im Aus­land im Durch­schnitt eine höhere Produktivität ange­ben. Dies könnte auf bes­se­re Bedin­gun­gen fürs Home-Office zurückzuführen sein, zum Bei­spiel in Bezug auf die Infra­struk­tur. Das Ergeb­nis könnte aber auch ein Arte­fakt sein, da die Mehr­heit der For­schen­den, die sich zu dem Zeit­punkt in der Schweiz befan­den, zur jüngsten Kohor­te gehört. Sie waren zu Beginn der Pan­de­mie gera­de dabei, ihren Förderantrag vor­zu­be­rei­ten, und befan­den sich daher in einer ande­ren Situa­ti­on. Die­je­ni­gen, die zu den früheren Kohor­ten gehören, hat­ten sich in den Jah­ren zuvor bewor­ben und ein Teil von ihnen hat­te vom SNF eine Förderung erhal­ten und verfügte zu die­sem Zeit­punkt über ein lau­fen­des Mobilitätsstipendium im Aus­land (sie­he Abbil­dung 4).

Abbildung 4: Veränderung der Arbeitsproduktivität

Negative Karriereaussichten

Ins­ge­samt erwar­te­ten die befrag­ten Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler, dass sich die COVID-19-Maß­nah­men eher nega­tiv auf ihre zukünftige Kar­rie­re aus­wir­ken würden. Dies ist zumin­dest teil­wei­se dar­auf zurückzuführen, dass sie ver­schie­de­ne Einschränkungen in ihrer Forschungstätigkeit erleb­ten, ins­be­son­de­re auch in Bezug auf die Mobilität. Vie­le gaben an, dass Kon­fe­ren­zen und For­schungs­auf­ent­hal­te ver­scho­ben oder gestri­chen wur­den. Außer­dem wur­den die For­schungs­pro­jek­te verzögert oder unter­bro­chen, und Labo­re wur­den geschlos­sen. Per­so­nen, die berich­te­ten, dass Kon­fe­ren­zen abge­sagt wur­den, die weni­ger als geplant publi­zier­ten, deren Labor geschlos­sen wur­de, und Per­so­nen, die Pro­jekt­an­trags­fris­ten ver­pass­ten, bewer­te­ten die Aus­wir­kun­gen auf ihre Kar­rie­re nega­ti­ver als die­je­ni­gen, die von die­sen Einschränkungen weni­ger betrof­fen waren. Darüber hin­aus machen sich For­schen­de in Nord­ame­ri­ka mehr Sor­gen um ihre zukünftige Kar­rie­re als ihre Kol­le­gen in Euro­pa (ein­schließ­lich der Schweiz). Schließ­lich bewer­ten Teil­neh­men­de, die in der Bio­lo­gie oder Medi­zin arbei­ten, sowie die­je­ni­gen, die mit der For­schung an COVID-19 begon­nen haben (in ver­schie­de­nen Dis­zi­pli­nen), ihre zukünftigen Kar­rie­re­aus­sich­ten etwas weni­ger nega­tiv als der Rest der Teil­neh­men­de (sie­he Abbil­dung 5).

Abbildung 5: Auswirkungen der eingeschränkten Forschungstätigkeit auf die zukünftige Karriere

Auswirkungen der Pandemie

Die COVID-19-Pan­de­mie hat sich deut­lich auf den All­tag von For­schen­den rund um den Glo­bus aus­ge­wirkt. Wie unse­re Befra­gun­gen zei­gen, waren vie­le von ihnen von diver­sen Einschränkungen betrof­fen, wie z. B. geschlos­se­ne Labo­re oder abge­sag­te Kon­fe­ren­zen. Dies hat Aus­wir­kun­gen auf die selbst eingeschätzte Arbeitsproduktivität und die erwar­te­ten Kar­rie­re­aus­sich­ten. Die Pan­de­mie verdüstert die Kar­rie­re­hoff­nun­gen unse­rer Befrag­ten. Da sie alle Antrag­stel­ler für Postdoc-Mobilitätsstipendien des SNF sind, soll­ten sie die Welt berei­sen und ihren For­schungs­ho­ri­zont erwei­tern. Statt­des­sen wer­den sie von der aktu­el­len Pan­de­mie zu einem kri­ti­schen Zeit­punkt in ihrer Kar­rie­re getrof­fen. Da das CTC-Pro­jekt eine Längsschnittstudie ist, hof­fen wir, in eini­gen Jah­ren zei­gen zu können, ob die­se Pan­de­mie ein kurz­fris­ti­ger Schock für die Kar­rie­ren der For­schen­den ist oder ob sie längerfristige Aus­wir­kun­gen hat.

Daten und Methode
Im Rah­men der vom Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­fonds SNF geförderten Care­er Tra­cker Cohorts (CTC)-Studie haben wir im Herbst 2020 For­schen­de auf Post­doc-Ebe­ne befragt. Ins­ge­samt nah­men 765 Per­so­nen an den Befra­gun­gen teil, die sich 2018, 2019 oder 2020 für ein Postdoc-Mobilitätsstipendium des SNF bewor­ben hat­ten. Die Stich­pro­be umfasst For­schen­de aus allen Dis­zi­pli­nen und von For­schungs­stand­or­ten aus der gan­zen Welt. Es ist kei­ne Überraschung, dass fast alle Umfra­ge­teil­neh­men­den berich­te­ten, dass im Frühjahr 2020 an ihrem Wohn­ort Maß­nah­men zur Bekämpfung von COVID-19 ergrif­fen wur­den. Wir waren dar­an inter­es­siert, mehr über mögliche Veränderungen in ihren Arbeitsabläufen, Aus­wir­kun­gen auf ihre For­schung und ihre eige­ne Einschätzung der Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie auf ihre Kar­rie­re zu erfah­ren. Die Ergeb­nis­se in die­sem Arti­kel bezie­hen sich hauptsächlich auf das Frühjahr 2020, während die Befra­gun­gen im Herbst 2020 stattfanden.

Pro­jekt­web­site und Team: https://careertrackercohorts.ch/

Bild: pixabay.com

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