Demonstrativer Bullshit in der politischen Kommunikation

In der Poli­tik fin­det sich zuneh­mend ein sprach­li­ches Mit­tel, das wir demons­tra­ti­ven Bull­shit nen­nen. Popu­lis­ten und Dem­ago­gen set­zen ihn ein, um die Nor­men des poli­ti­schen Dis­kur­ses in ihrem Sinn zu ver­schie­ben, wie unse­re Ana­ly­se auf­zeigt.

Aarauer Demokratietage

Lügen und Bullshit

Poli­ti­ker lügen von Zeit zu Zeit. Einer gän­gi­gen Defi­ni­ti­on zufol­ge ist eine Lüge eine Behaup­tung, die der Spre­cher für falsch hält und mit der Absicht tätigt, den Adres­sa­ten in Bezug auf den Inhalt zu täu­schen. Neben klas­si­schen Lügen offen­bart die gegen­wär­ti­ge öffent­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on jedoch auch in beson­de­rem Maße ein ver­wand­tes Phä­no­men, das in der phi­lo­so­phi­schen Fach­li­te­ra­tur als »Bull­shit« bezeich­net wird. Im Unter­schied zum Lüg­ner, der über die Tat­sa­chen täu­schen will, zeich­net sich Bull­shit durch die voll­stän­di­ge Gleich­gül­tig­keit des Spre­chers gegen­über der Wahr­heit aus. Ein gutes Bei­spiel für Bull­shit ist Donald Trumps Behaup­tung, bei sei­ner Amts­ein­wei­hung habe es im Moment sei­ner Ver­ei­di­gung zu reg­nen auf­ge­hört und die Son­ne habe geschie­nen. 

Demonstrativer Bullshit

Nor­ma­ler­wei­se bemü­hen sich Bull­shit­ter dar­um, ihre Gleich­gül­tig­keit gegen­über der Wahr­heit zu ver­schlei­ern. In der poli­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on lässt sich aller­dings in jün­ge­rer Zeit ein Phä­no­men beob­ach­ten, das wir demons­tra­ti­ven Bull­shit nen­nen wol­len: Das Auf­stel­len von Behaup­tun­gen, ohne an der Wahr­heits­fin­dung inter­es­siert zu sein und ohne den Ver­such zu unter­neh­men, die eige­ne wahr­heits­in­dif­fe­ren­te Hal­tung zu ver­ber­gen. Trumps Behaup­tung, die Son­ne habe wäh­rend sei­ner Amts­ein­wei­hung geschie­nen, ist ein sol­cher Fall.

Die Admi­nis­tra­ti­on Trump hat sich demons­tra­ti­ven Bull­shit immer wie­der zunut­ze gemacht. So etwa als sein Pres­se­spre­cher Sean Spi­cer auch dann noch behaup­te­te, die Men­schen­men­ge bei Trumps Amts­ein­füh­rung sei grö­ßer gewe­sen als bei Oba­mas Ein­füh­rung, als Fotos vor­la­gen, die die deut­lich klei­ne­re Men­schen­men­ge bei Trumps Ver­an­stal­tung beleg­ten. Trumps Bera­te­rin Kel­ly­an­ne Con­way recht­fer­tig­te Spi­cers Behaup­tung spä­ter mit der Aus­sa­ge, Spi­cer habe mit sei­ner Aus­sa­ge ledig­lich »alter­na­ti­ve Fak­ten« ange­bo­ten. Ähn­lich argu­men­tier­te Newt Ging­rich, als er in einem Inter­view mit der Jour­na­lis­tin Ali­syn Camero­ta äußer­te, Gefüh­le sei­en für ihn als Poli­ti­ker wich­ti­ger als Tat­sa­chen.

Auch in Deutsch­land haben Poli­ti­ker begon­nen, den Wert der Wahr­heit ganz offen in Zwei­fel zu zie­hen. So bemerk­te bei­spiels­wei­se der AfD-Pres­se­spre­cher Chris­ti­an Lüth dem Fak­ten­fin­der der ARD gegen­über expli­zit: »Wenn die Mes­sa­ge stimmt, ist uns eigent­lich egal, woher das Gan­ze kommt oder wie es erstellt wur­de. Dann ist es auch nicht so tra­gisch, dass es Fake ist« (Becker, 2017).

Ziele des demonstrativen Bullshittens

Die Zie­le demons­tra­ti­ver Bull­shit­ter sind viel­fäl­tig. Wir wol­len hier nur eines nen­nen: Demons­tra­ti­ver Bull­shit kann ein wirk­sa­mes Mit­tel sein, um die Nor­men des poli­ti­schen Dis­kur­ses in eine Rich­tung zu ver­schie­ben, die Popu­lis­ten und Dem­ago­gen in die Kar­ten spielt. Wenn poli­ti­sche Akteu­re öffent­lich­keits­wirk­sam und regel­mä­ßig demons­tra­tiv bull­shit­ten, dann wider­set­zen sie sich damit ganz expli­zit den Nor­men der Wahr­heits­fin­dung im gesell­schaft­li­chen Dis­kurs. Auf die­se Wei­se tra­gen sie dazu bei, die Grund­la­ge für demo­kra­ti­sche Mei­nungs­bil­dungs- und Ent­schei­dungs­pro­zes­se zu zer­set­zen.

Das ist nicht nur ein mora­li­sches Pro­blem. Zwar sind sich die gro­ßen deon­to­lo­gi­schen und kon­se­quen­tia­lis­ti­schen Moral­theo­rien einig, dass Lügen und Bull­shit­ten mora­lisch falsch sind. Ent­schei­den­der für unse­re Zusam­men­hän­ge ist aber, dass die Ero­si­on der genann­ten Erkennt­nis­nor­men Demo­kra­tien erheb­li­chen Scha­den zufü­gen kann.

Wie Ber­nard Wil­liams anmerkt, nei­gen Poli­ti­ker zu ille­gi­ti­men Hand­lun­gen, die ohne eine ent­spre­chen­de Infor­miert­heit der Bür­ger nicht auf­ge­deckt wer­den kön­nen: »Governments are dis­po­sed to com­mit ille­gi­ti­ma­te actions which they will wish to con­ce­al […]. It is in citi­zens’ inte­rest that the­se be che­cked. They can­not be che­cked without true infor­ma­ti­on.« (Wil­liams, 2010, S. 207)

Dar­über hin­aus beruht die Qua­li­tät der öffent­li­chen Debat­te ins­ge­samt wesent­lich auf dem Zugang der Bür­ger zu hin­rei­chend genau­en und kor­rek­ten Infor­ma­tio­nen und damit auf der Wahr­haf­tig­keit derer, die an ihr teil­ha­ben (z.B. Fish­kin, 2009, S. 126). Ver­steht man die öffent­li­che Debat­te als ent­schei­den­den Teil des demo­kra­ti­schen Deli­be­ra­ti­ons­pro­zes­ses und in die­ser Funk­ti­on als grund­le­gend für die Legi­ti­mi­tät poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen, ist Wahr­haf­tig­keit als Norm zudem eine zen­tra­le Bedin­gung dafür, dass die erfolg­ten poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen legi­tim sind und als sol­che aner­kannt wer­den soll­ten (Cohen, 1997; Haber­mas, 1998, S. 141).

Eine Nor­men­ver­schie­bung, die den Wert der Wahr­haf­tig­keit in Bedräng­nis bringt, ist also eine direk­te Bedro­hung für das Funk­tio­nie­ren der öffent­li­chen Debat­te und damit für die (deli­be­ra­ti­ve) Demo­kra­tie als sol­che. Man kann davon aus­ge­hen, dass eini­ge popu­lis­ti­sche Akteu­re sie aus genau die­sem Grund aktiv anstre­ben. Demons­tra­ti­ves Bull­shit­ting kann ein wirk­mäch­ti­ges poli­ti­sches Instru­ment sein, um demo­kra­ti­sche Deli­be­ra­ti­ons­pro­zes­se zu unter­mi­nie­ren. Es lässt sich stra­te­gisch ein­set­zen, um Bull­shit­ting als Form des poli­ti­schen Dis­kur­ses zu eta­blie­ren und die Wahr­heits­fin­dungs­pro­zes­se der demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen nach und nach zu unter­lau­fen.

Herausforderungen für die politische Bildung

Vor die­sem Hin­ter­grund ergibt sich, dass ein Ziel poli­ti­scher Bil­dung dar­in bestehen soll­te, Erkennt­nis­nor­men wie Ori­en­tie­rung an der Wahr­heits­su­che, Stre­ben nach Wahr­haf­tig­keit und Ein­for­dern von Recht­fer­ti­gung in der öffent­li­chen Debat­te zu stär­ken. Die Prä­va­lenz demons­tra­ti­ven Bull­shits unter­mi­niert die epis­te­mi­schen Nor­men, die für das Funk­tio­nie­ren einer Demo­kra­tie, ein­schließ­lich des demo­kra­ti­schen Deli­be­ra­ti­ons­pro­zes­ses, von zen­tra­ler Bedeu­tung sind. Die­ser Ent­wick­lung ent­ge­gen­zu­wir­ken erfor­dert zwei­er­lei: eine Ver­mitt­lung der Wirk­wei­se demons­tra­ti­ven Bull­shits und eine Stär­kung der unter Beschuss ste­hen­den Erkennt­nis­nor­men selbst.

Das beinhal­tet unter ande­rem die Pro­ble­ma­ti­sie­rung von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien, die die­se Wer­te sys­te­ma­tisch unter­lau­fen, und die Stär­kung eines selbst­stän­di­gen, reflek­tier­ten und krea­ti­ven Umgangs mit die­sen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien durch Bür­ge­rin­nen und Bür­ger.

Bei­des erfor­dert die För­de­rung von drei, mit­ein­an­der ver­bun­de­ner Ein­sich­ten:

  • Wahr­heit ist ein kost­ba­res Gut.
  • Bull­shit in der Poli­tik ist pro­ble­ma­tisch, destruk­tiv und in letz­ter Kon­se­quenz demo­kra­tie­ge­fähr­dend.
  • Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ste­hen als Nut­ze­rin­nen und Nut­zer digi­ta­ler Medi­en in der Pflicht, Infor­ma­tio­nen aus­rei­chend zu prü­fen; und sel­bi­ges soll­ten sie auch von ande­ren Men­schen ein­for­dern, indem sie Bull­shit und die (still­schwei­gen­de) Akzep­tanz von Bull­shit sozi­al sank­tio­nie­ren.

 Anders gewen­det: Es ist eine drän­gen­de Auf­ga­be poli­ti­scher Bil­dung, Dis­po­si­tio­nen der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger zu stär­ken, sich an der Wahr­heits­fin­dung zu ori­en­tie­ren.


Lite­ra­tur:

  • Becker, K. (2017). AfD teilt fal­sches Anti­fa-Foto: Fake? Egal! »Es geht um die Mes­sa­ge«. ARD-Fak­ten­fin­der. https://web.archive.org/web/20180330201709/http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/falsches-antifa-foto-101.html. Abge­ru­fen am 12.08.2020.
  • Cohen, J. (1997). Deli­be­ra­ti­on and Demo­cra­tic Legi­ti­ma­cy. In J. Boh­man & W. Rehg (Hrsg.), Deli­be­ra­ti­ve Demo­cra­cy: Essays on Rea­son and Poli­tics (67–92). Cam­bridge, MA: MIT Press.
  • Frank­furt, H. G. (2005). On Bull­shit. Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press.
  • Haber­mas, J. (1998). Fak­ti­zi­tät und Gel­tung: Bei­trä­ge zur Dis­kurs­theo­rie des Rechts und des demo­kra­ti­schen Rechts­staats. Frank­furt am Main: Suhr­kamp.
  • Wil­liams, B. (2010). Truth and Truth­ful­ness. An Essay in Genea­lo­gy. Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press.

 

Bild: wiki­me­dia com­mons

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