«Frauenlisten» bei den Nationalratswahlen seit 1987. Geschichte und Wirksamkeit.

Frau­en­lis­ten bei Par­la­ments­wah­len gibt es schon fast so lan­ge wie das Frau­en­stimm­recht. Sie las­sen sich in zwei Typen unter­tei­len: in die allei­ni­gen, femi­nis­ti­schen Frau­en­lis­ten und in die Frau­en­lis­ten, wel­che Teil der geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten einer Par­tei sind. Bei­de hat­ten ihren Höhen­flug in den Neun­zi­ger­jah­ren, als – beschleu­nigt durch den Frau­en­streik (1991) und die Nicht­wahl von Chris­tia­ne Brun­ner in den Bun­des­rat (1993) – das öffent­li­che Inter­es­se an der mas­si­ven Unter­ver­tre­tung der Frau­en in der Poli­tik gross war. Doch wie wirk­sam und erfolg­reich waren die­se Instru­men­te? Ein Blick in die Sta­tis­tik und die jün­ge­re Geschich­te.

Wahlen19

Die ers­ten geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten wur­den bei den Natio­nal­rats­wah­len 1987 von der FDP-Solo­thurn und der SP-Bern auf­ge­stellt. Für die Frau­en erfolg­reich war sie nur bei der SP-Bern, wo sie ihnen erst­mals zu Man­da­ten im Natio­nal­rat ver­half. Bis in die Acht­zi­ger­jah­re war die star­ke Ber­ner SP-Dele­ga­ti­on im Natio­nal­rat aus­schliess­lich männ­lich besetzt (mit 9 bis 11 Män­nern). Es brauch­te das ent­schlos­se­ne Auf­tre­ten der Juris­tin Gret Hal­ler und den ande­ren SP-Frau­en, wel­che 1987 das Instru­ment der geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­te durch­setz­te. Auf Anhieb wur­den zwei Frau­en die­ser Lis­te gewählt. In der Fol­ge ver­bes­ser­ten die Ber­ner SP-Frau­en mit der geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­te kon­ti­nu­ier­lich ihren Anteil unter den Gewähl­ten, bis sie bei den Natio­nal­rats­wah­len 1999 Pari­tät erreich­ten. Die­se konn­ten sie seit­her hal­ten.

Aufschwung und Höchststand in den Neunzigerjahren

In den Neun­zi­ger­jah­ren stell­ten meh­re­re Par­tei­en geschlech­ter­ge­trenn­te Wahl­lis­ten auf (sie­he Tabel­le). Bei den Natio­nal­rats­wah­len 1991 waren es sie­ben Lis­ten-Paa­re, 1995 und 1999 je zehn. Danach nahm die Zahl der geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten wie­der ab, 2011 gab es noch zwei Lis­ten-Paa­re. Bei den letz­ten Natio­nal­rats­wah­len 2015 waren es fünf. Ins­ge­samt wur­den bei den Natio­nal­rats­wah­len von 1987 bis 2015 48 geschlech­ter­ge­trenn­te Wahl­lis­ten-Paa­re auf­ge­stellt. Dabei las­sen sich deut­li­che Aus­prä­gun­gen nach Regio­nen und Par­tei­en fest­stel­len.

 

Abbildung 1: Erhaltene Mandate der geschlechtergetrennten Wahllisten bei den Nationalratswahlen 1987–2015, nach Parteien

 

Quel­le: Bun­des­amt für Sta­tis­tik / Wer­ner Seitz, Bern

Mehr als jedes vier­te Lis­ten-Paar wur­de im Kan­ton Bern ein­ge­reicht (13), in St. Gal­len waren es sie­ben und in Neu­en­burg fünf. Je drei geschlech­ter­ge­trenn­te Wahl­lis­ten-Paa­re gab es in Solo­thurn, Thur­gau, Waadt und Genf. Kei­ne sol­chen Lis­ten wur­de bis­her in vier Kan­to­nen (LU, SH, TI und JU) ein­ge­reicht.

SP mit den meisten geschlechtergetrennten Wahllisten und den häufigsten Erfolgen

Am häu­figs­ten wur­de die geschlech­ter­ge­trenn­te Wahl­lis­te von der SP ange­wen­det: ihre 26 Lis­ten-Paa­re machen mehr als die Hälf­te aller ein­ge­reich­ten geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten aus. Als ein­zi­ge Par­tei trat die SP-Bern seit 1987 immer mit die­sem Lis­ten­typ an. Über­durch­schnitt­lich häu­fig (je 4-mal) zum Ein­satz kam sie auch bei der SP-St. Gal­len und der SP-Neu­en­burg.

Die CVP und die SVP stell­ten je 6-mal geschlech­ter­ge­trenn­te Wahl­lis­ten auf, die FDP 5-mal, die Grü­nen 4-mal und die Schwei­zer Demo­kra­ten 1-mal.

Auf den 26 geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten-Paa­re der SP wur­den ins­ge­samt 37 Frau­en und 58 Män­ner gewählt, was einen Frau­en­an­teil von 39 Pro­zent aus­macht. Dabei ist der Frau­en­an­teil mit der Zeit ange­stie­gen: von 1987 bis 1999 betrug er 34 Pro­zent und von 2003 bis 2015 47 Pro­zent. Zum Ver­gleich: Bei den gemisch­ten Wahl­lis­ten der SP betru­gen die Antei­le der gewähl­ten Frau­en 34 Pro­zent (1987/1999) bzw. 49 Pro­zent (2003/2015). 

Einen Erfolg von 100 Pro­zent erziel­ten die Frau­en auf den geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten der Grü­nen. Sie setz­ten sie aller­dings nur 4-mal ein, letzt­mals 1999. Ins­ge­samt wur­den drei Frau­en und kei­ne Män­ner gewählt.

Schwache Bilanz für Bürgerliche und Rechte

Bei den 17 geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten von CVP, FDP und SVP war die Wir­kung unter­durch­schnitt­lich, nament­lich wenn in Betracht gezo­gen wird, dass zwei Drit­tel der Frau­en­lis­ten (12) leer aus­gin­gen. Bei den fünf Frau­en­lis­ten mit Man­dats­ge­win­nen (je 1 bzw. 2) lagen die Frau­en­an­tei­le dage­gen teil­wei­se etwas über den Frau­en­an­tei­len der gemisch­ten Wahl­lis­ten.

Die CVP stell­te ins­ge­samt 6-mal geschlech­ter­ge­trenn­te Wahl­lis­ten auf. Dabei wur­de kei­ne Frau und neun Män­ner gewählt. In St. Gal­len ver­lor die CVP bei den Natio­nal­rats­wah­len 1995 gar ihr «tra­di­tio­nel­les» Frau­en­man­dat, das sie seit 1971 inne­hat­te. Als Kurio­sum sei erwähnt, dass die CVP-Frei­burg 1999 mit einer Frau­en­lis­te und zwei gemisch­ten Regio­nal­lis­ten in die Natio­nal­rats­wah­len zog: Gewählt wur­de – je auf einer gemisch­ten Regio­nal­lis­te – eine Frau und ein Mann. Die Frau­en­lis­te aber ging leer aus.

Die FDP trat 5-mal mit geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten an: In Bern hol­ten die Frau­en 1999 und 2003 je ein Man­dat (und die Män­ner vier bzw. drei). In Solo­thurn und Neu­en­burg gin­gen die Frau­en bei drei Wah­len leer aus, wäh­rend die Män­ner zusam­men sechs Man­da­te erhiel­ten.

Die SVP ver­such­te es 6-mal mit geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten. Im Kan­ton Bern ver­schaff­ten die drei Lis­ten-Paa­re den Frau­en zwi­schen 1999 und 2007 ins­ge­samt vier Man­da­te (und den Män­nern 22). In Solo­thurn, Zug und Basel-Stadt gin­gen die Frau­en der SVP auf der Frau­en­lis­te leer aus (und die Män­ner hol­ten zwei und je ein Man­dat). Ähn­lich hat­ten auch die Kan­di­da­tin­nen der Schwei­zer Demo­kra­ten 1987 in Basel-Land­schaft das Nach­se­hen.

 

Die femi­nis­ti­sche Frau­en­lis­te
Die Lis­te «Poli­tisch Inter­es­sier­te Frau­en» war die ers­te Frau­en­lis­te, die bei den Natio­nal­rats­wah­len auf­ge­stellt wur­de (1975 in Zürich). Sie war eine Reak­ti­on der «Stimm­rechts­frau­en» auf das ent­täu­schen­de Abschnei­den der Frau­en bei den Natio­nal­rats­wah­len 1971. Ihre Pro­mo­to­rin war die Jour­na­lis­tin Lydia Benz-Bur­ger; mit auf der Lis­te war etwa auch Susan­ne Woodtli, wei­te­re Frau­en­stimm­rechts­ak­ti­vis­tin­nen sowie eini­ge 68er-Frau­en. Das Ergeb­nis der Lis­te war schlecht (0,8%).

Die ers­te femi­nis­ti­sche Frau­en­lis­te («Frau­en macht Poli­tik!», FraP!) bil­de­ten sich Ende der Acht­zi­ger­jah­re in der Deutsch­schweiz. Sie zogen in meh­re­re städ­ti­sche und kan­to­na­le Par­la­men­te ein, nament­lich in Zürich, Luzern, Basel-Stadt und St. Gal­len.

Bei den Natio­nal­rats­wah­len 1991 reüs­sier­te in Zürich die ers­te femi­nis­ti­sche Frau­en­lis­te. Chris­ti­ne Goll konn­te ihr Man­dat 1995 ver­tei­di­gen. Weil aber kein «femi­nis­ti­scher Durch­bruch» gelang und Chris­ti­ne Goll allei­ne im Natio­nal­rat war, wech­sel­te sie in die SP. Ende der Neun­zi­ger­jah­re waren die­se femi­nis­ti­schen Lis­ten nur noch kom­mu­nal prä­sent, aktu­ell gibt es eine femi­nis­ti­sche Ver­tre­tung im St. Gal­ler Stadt­par­la­ment.

Bei den jüngs­ten Wah­len ins Gen­fer Kan­tons­par­la­ment bewarb sich auch eine Frau­en­lis­te («Lalis­te – Femmes 2018 au Grand Con­seil»). Sie schei­ter­te jedoch mit 3 Pro­zent am Quo­rum von sie­ben Stim­men­pro­zen­ten.

 

Ambivalente Wirkungen der geschlechtergetrennten Wahllisten

Die Unter­schie­de der Wir­kun­gen zwi­schen den Par­tei­en zei­gen bereits, dass die geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten nicht per se ein Zau­ber­mit­tel sind. Die Sen­si­bi­li­tät der Wäh­len­den muss genau­so in Betracht gezo­gen wer­den. Dies gilt auch für die rot­grü­nen Par­tei­en, wie dies zwei schon etwas län­ger zurück­lie­gen­de Bei­spie­le illus­trie­ren. Bei den Natio­nal­rats­wah­len 1991 peil­ten die Grü­nen in St. Gal­len ein Man­dat an, wel­ches sie – ihrer Pro­gram­ma­tik ent­spre­chend – mit einer Frau beset­zen woll­ten. Favo­rit war das bis­he­ri­ge Aus­hän­ge­schild, der Akti­vist Albert Nufer. Mit geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten hol­ten die Grü­nen das Man­dat, wobei die Frau­en­lis­te stär­ker abschnitt als die Män­ner­lis­te. Damit war Pia Hol­len­stein, die 10‘799 per­sön­li­che Stim­men hol­te, gewählt. Albert Nufer erhielt zwar 11‘932 Stim­men, ging aber wegen der schwä­che­ren Män­ner­lis­te leer aus.

Im zwei­ten Bei­spiel rich­te­te sich der Effekt der geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten gegen die Frau. Die Sozi­al­de­mo­kra­tin Men­ga Danu­ser war 1987 als ers­te Natio­nal­rä­tin des Thur­gaus gewählt wor­den. 1995 beschloss die SP, mit geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten ihr Man­dat zu ver­tei­di­gen. Da aber die Män­ner­lis­te mehr Stim­men als die Frau­en­lis­te hol­te, wur­de Men­ga Danu­ser abge­wählt, obwohl sie mit 12‘578 Stim­men deut­lich bes­ser abschnitt als Jost Gross (8‘594 Stim­men).

Die Erfolgsquote ist nicht grösser als bei gemischten Wahllisten

Ver­glei­chen wir die Erfolgs­bi­lanz der geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten mit jener der gemisch­ten Wahl­lis­ten, las­sen sich – im Par­tei­en­ver­gleich – kei­ne deut­li­chen Unter­schie­de fest­stel­len. Bei den bür­ger­li­chen und rech­ten Par­tei­en hat­ten die Frau­en seit der Ein­füh­rung des Frau­en­wahl­rechts bei Par­la­ments­wah­len einen schwe­ren Stand, sowohl auf gemisch­ten Wahl­lis­ten wie auf geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten.

Auch bei der SP, wel­che die geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten am häu­figs­ten ein­setz­te, gibt es in der Sta­tis­tik kei­ne bedeu­ten­den Dif­fe­ren­zen in der Erfolgs­bi­lanz der geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten und der gemisch­ten Wahl­lis­ten. Gleich­wohl gibt es inter­es­san­te regio­na­le Unter­schie­de.

Regional unterschiedliche Erfolge

Die SP-Zürich trat bei den Natio­nal­rats­wah­len nur ein­mal mit geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten an, bei den Natio­nal­rats­wah­len 1991. Es wur­den nur zwei Frau­en, aber fünf Män­ner gewählt. Seit 1995 kan­di­dier­ten Frau­en und Män­ner immer auf einer gemein­sa­men Wahl­lis­te, mit posi­ti­ven Aus­wir­kun­gen für die Frau­en: Es wur­den stets mehr Frau­en als Män­ner gewählt. Gute Ergeb­nis­se auf gemisch­ten Wahl­lis­ten erziel­ten die SP-Frau­en in den letz­ten zwölf Jah­ren meis­tens auch im Aar­gau und in der Waadt.

Bei der SP-Bern sind die geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten gewis­ser­mas­sen zu einem «Erken­nungs­merk­mal» gewor­den. Sie kamen seit den Natio­nal­rats­wah­len 1987 immer zum Ein­satz und seit 1999 garan­tier­ten sie unter den Gewähl­ten Geschlech­ter­pa­ri­tät. Als in Bern bei den kan­to­na­len Par­la­ments­wah­len der Frau­en­an­teil der gewähl­ten SP-Frau­en von 50 Pro­zent (2002) auf 34 Pro­zent (2010) absack­te, setz­te die SP-Bern 2018 in meh­re­ren Wahl­krei­sen geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten ein, was offen­sicht­lich zu einer beson­de­ren Mobi­li­sie­rung und zum Erfolg führ­te: Der Frau­en­an­teil der SP unter den Gewähl­ten stieg auf 58 Pro­zent. Dazu bei­getra­gen haben nament­lich die geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten, auf denen 18 Frau­en und 11 Män­ner gewählt wur­den.

Genaue Analyse der Ausgangslage

Die Fra­ge «geschlech­ter­ge­trenn­te Wahl­lis­te oder gemisch­te Wahl­lis­te?» kann nicht ein für alle Mal für alle Par­tei­en beant­wor­tet wer­den. Es gibt kei­ne Wun­der­waf­fe auf dem Weg ins Par­la­ment. Viel­mehr braucht es eine genaue Ana­ly­se der Akzep­tanz die­ses Instru­men­tes. Zudem ist vor jeder Wahl auch eine Neu­ein­schät­zung der Situa­ti­on zu machen, und zwar auch im Hin­blick auf künf­ti­ge Rück­trit­te, nament­lich hin­sicht­lich der Per­so­nal­po­li­tik. Sind im Ver­lau­fe der Legis­la­tur­pe­ri­ode Rück­trit­te zu erwar­ten, so müs­sen die­se auch im Hin­blick auf die Geschlech­ter­ver­tre­tung ana­ly­siert wer­den. Wur­den die Par­la­men­ta­rie­rin­nen und Par­la­men­ta­ri­er auf geschlech­ter­ge­trenn­ten Wahl­lis­ten gewählt, so bleibt die Zahl der gewähl­ten Frau­en und der Män­ner gesi­chert bzw. zemen­tiert, denn auf zurück­tre­ten­de Frau­en fol­gen Frau­en und auf zurück­tre­ten­de Män­ner Män­ner.


Bild: Auf­nah­me ent­stan­den wäh­rend der Lan­cie­rung der über­par­tei­li­chen neue Frau­en­wahl­be­we­gung Hel­ve­tia ruft der alli­an­ce F und der Ope­ra­ti­on Libe­ro.

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