Mit dem richtigen #Hashtag die Abstimmung gewinnen?

Die Dig­i­tal­isierung verän­dert unsere Lebens­ge­wohn­heit­en in grossem Aus­mass. Auch die Poli­tik ist davon betrof­fen. Wir haben mit­tels ein­er ersten empirischen Analyse zu unter­suchen ver­sucht, wie in der Schweiz ein Abstim­mungskampf auf Sozialen Medi­en geführt wird. Unser Faz­it ist zweis­pältig: Bish­er spie­len Social Media im Abstim­mungskampf noch keine grosse Rolle — doch das kön­nte sich bald ändern. 

Wie gross der tat­säch­liche Ein­fluss von Social Media auf die Poli­tik in der Schweiz ist, kann nie­mand bez­if­fern. Dazu fehlen schlicht und ein­fach Dat­en und Unter­suchun­gen. Wir haben aber einen Anfang gewagt und den Abstim­mungskampf über die Atom­ausstiegsini­tia­tive auf Face­book und Twit­ter unter­sucht.

Der Abstimmungskampf auf Twitter

Auf Twit­ter fing der Abstim­mungskampf unge­fähr ein Monat vor der Abstim­mung an, wie obige Abbil­dung zeigt. Inter­es­sant ist dabei die Lancierung des Hash­tags #aai. Dieser wird zuerst kaum benützt, gewin­nt dann rel­a­tiv schnell an Bedeu­tung und set­zt sich an der Spitze der in diesem Kon­text ver­wen­de­ten Hash­tags fest. Er wird sowohl von der Befür­worter- wie der Geg­n­er­seite ver­wen­det.

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Die Verteilung der Parteisympathien auf Facebook

Die Parteien fassten ihre Parolen im Hin­blick auf die Atom­ausstiegsini­tia­tive wie erwartet: die Grü­nen, die SP, die Grün­lib­eralen und die EVP unter­stützten sie, die CVP, die BDP, die FDP, die SVP und die EDU emp­fahlen die Ablehnung der Vor­lage. Allerd­ings haben sich nicht alle Parteien gemäss ihrer Parole auf Social Media engagiert. Dafür haben etliche Parteien durch den Abstim­mungskampf zur Atom­ausstiegsini­tia­tive neue Fol­low­ers gewon­nen.

Auf Face­book kon­nten wir im Zusam­men­hang mit der Abstim­mung 267 Posts isolieren, davon 122 in Deutsch und 145 in Franzö­sisch. Die FB-Posts führten total zu 1’640’902 Inter­ak­tio­nen bei 19’281 unter­schiedlichen Nutzern. 177’350 Per­so­n­en auf Face­book, die auf deutsch- und franzö­sis­chsprachi­gen Posts reagiert haben, kön­nen ein­er Partei, zumin­d­est als Sym­pa­thisan­tin bzw. Sym­pa­thisant, zuge­ord­net wer­den.

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Jede vierte Per­son, die sich auf Face­book zur Atom­ausstiegsvor­lage geäussert hat, sym­pa­thisiert mit den Sozialdemokrat­en. Rund 15 Prozent der Inter­ak­tio­nen fall­en auf Parteisym­pa­thisan­ten der Grü­nen, weit­ere 13 Prozent auf die der GLP. Sym­pa­thisan­tInnen der CVP kom­men eben­falls auf 13 Prozent, die der FDP auf 10 Prozent. Die SVP, die grösste Partei der Schweiz, kon­nte auf Face­book während des Abstim­mungskampf zur Atom­ausstiegsini­tia­tive hinge­gen nur wenige Anhänger zu Inter­ak­tio­nen bewe­gen. 

Wie sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger informieren

Über die Aktiv­ität der Stimm­bürg­erin­nen und Stimm­bürg­er auf Sozialen Medi­en liegen keine Dat­en vor. Wir wis­sen lediglich, wie sich Stimm­bürg­erin­nen und Stimm­bürg­er über Poli­tik informieren und wer in der Schweiz — unge­fähr — in den Sozialen Medi­en präsent ist.[1] Es ist aber nicht möglich, genau zu bes­tim­men, welche Stimm­bürg­erin­nen und Stimm­bürg­er auf welchen Sozialen Medi­en in welch­er Art und Weise aktiv sind. Wir wis­sen dafür, wer sich wie informiert hat.

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Datenbasis: Voto

Bei der Atom­ausstiegsini­tia­tive haben sich sieben von zehn Abstim­menden vor allem via Print­me­di­en und Fernse­hen informiert. Eine von zehn Per­so­n­en informierte sich vor allem online, zwei von zehn Per­so­n­en nutzen on- und offline Medi­en zu unge­fähr gle­ichen Teilen (Lutz und Lebert 2017). Ganz all­ge­mein nutzen Herr und Frau Schweiz­er zur Infor­ma­tion­s­gewin­nung vor Abstim­mungen vor allem das Bun­des­büch­lein und Artikel in Zeitun­gen. In der Voto-Studie wer­den die sozialen Medi­en als das Medi­um genan­nt, welch­es am wenig­sten zur Infor­ma­tion genutzt wurde (siehe Lutz und Lebert 2017). Allerd­ings wird nicht unter­schieden, ob jemand via Soziale Medi­en oder direkt zu einem Zeitungsar­tikel gelangt.

Allerd­ings gibt es dies­bezüglich starke Unter­schiede zwis­chen den Gen­er­a­tio­nen. Jün­gere Stimm­bürg­erin­nen und Stimm­bürg­er informieren sich häu­figer über Online-Medi­en als ältere. Es zeigt sich sog­ar, dass die Gen­er­a­tion der „dig­i­tal natives“ mehr als dop­pelt so häu­fig als die Gen­er­a­tion der „dig­i­tal immi­grants“ angab, sich über Soziale Medi­en über die Abstim­mung informiert zu haben.[2]

 Was noch nicht ist, kann noch werden…

Abschliessend kön­nen wir fes­thal­ten, dass bei der Abstim­mung über die Atom­ausstiegsini­tia­tive zwar das linke Lager stark mobil­isierte — was sich auch in den Sozialen Medi­en zeigte — es den Ini­tianten allerd­ings nicht gelang, die Vor­lage zu ein­er Abstim­mung über die Sicher­heit von Atom­kraftwerken zu machen. Eine Mehrheit der Schweiz­erin­nen und Schweiz­er ist näm­lich eher gegen Atom­en­ergie und wäre fol­glich dur­chaus geneigt, dies­bezüglichen Argu­menten zu fol­gen.

In der Schweiz nutzt vor­erst eine noch über­schaubare Gruppe poli­tisch stark inter­essiert­er Bürg­erin­nen und Bürg­er die Möglichkeit­en zur poli­tis­chen Par­tizipa­tion im Netz, vor allem auf Twit­ter und Face­book. Zum aktuellen Zeit­punkt ist deshalb davon auszuge­hen, dass poli­tis­che Prozesse in der Schweiz noch nicht durch die Dig­i­tal­isierung und Social Media in ihren Grundpfeil­ern verän­dert wur­den — was aber nicht heisst, dass dem nicht in Zukun­ft so sein kön­nte.

Forschungs­de­sign für Analy­sen zum Ein­fluss von SoMe auf Abstim­mungen
Um eine Aus­sage über den Zusam­men­hang zwis­chen der Nutzung von Sozialen Medi­en und der Teil­nahme an ein­er Abstim­mung bzw. dem Abstim­mungsentscheid machen zu kön­nen, müsste man über fol­gende Infor­ma­tio­nen auf indi­vidu­eller Ebene ver­fü­gen, die wir für unsere Analyse nicht zur Vergü­gung hat­ten:
  • Wer nimmt (in welch­er Häu­figkeit) an Abstim­mungen teil und welche sind die poli­tis­chen Präferen­zen dieser Per­son?
  • Ist diese Per­son auf Social Media? Auf welchen?
  • Was tut sie dort? (z.B. Sieht sie Posts mit poli­tis­chem Inhalt? Sehen bes­timmte Per­so­n­en­grup­pen eigens auf sie zugeschnit­tene Posts, die andere nicht so sehen? Kom­men­tiert und disku­tiert jemand poli­tis­che Inhalte? Falls ja, mit wem und in welch­er Inten­sität?)
  • Wie bildet sich jemand eine Mei­n­ung zu einem Abstim­mungs­ge­gen­stand bzw. zu ein­er poli­tis­chen Frage? Auf Grund welch­er Infor­ma­tio­nen bildet sich jemand eine Mei­n­ung bzw. ändert sie sie im Ver­lauf eines Abstim­mungskampfes? Falls ja, zu welchem Zeit­punkt ändert sie ihre Mei­n­ung?
  • Wie bilden sich diejeni­gen Per­so­n­en, die nicht auf Social Media sind, ihre Mei­n­ung bzw. ändern sie sie eben­falls im Ver­lauf des Abstim­mungskampfes?
  • Welche The­men wer­den in den anderen Medi­en im Ver­lauf eines Abstim­mungskampfes behan­delt? Wie ver­läuft die Kam­pagne?

Diese Dat­en gibt es in der Schweiz nicht gibt, weil sie bish­er noch nie­mand sys­tem­a­tisch erheben kon­nte. Um dies zu tun, müsste man sowohl Indi­viduen wie auch die geführten (Medi­en) Kam­pag­nen während der Dauer eines Abstim­mungskampfes beobacht­en und zu mehrere Zeit­punk­ten mit­tels ver­schieden­er Messin­stru­mente Dat­en erheben und anschliess­nd analysieren.

[1] Es gibt verschiedene Organisationen, die Nutzungszahlen und Profile erheben. Daten, die eine direkte Verbindung zwischen Social Media Nutzung und Abstimmungsbeteiligung herstellen könnten, gibt es für die Schweiz nicht.
[2] Die Kategorieneinteilung wurde vom Jugendbarometer übernommen, siehe Golder et al.
[3] Lutz, Georg und Florence Lebert (2017). “VOTO-Studie zur eidgenössischen Volksabstimmung vom 27. November 2016.” FORS, ZDA, LINK: Lausanne/Aarau/Luzern. www.voto.suisse (Datensatz)

Quelle: Bütikofer, Sarah und Thomas Willi (2017). Mit dem richti­gen Hash­tag die Abstim­mung gewin­nen?, in: Fichter, Adri­enne (Hg). Smart­phone Democ­ra­cy. Zürich: NZZ Libro.

Das Buch Smart­phone Democ­ra­cy, her­aus­gegeben von Adri­enne Fichter bei NZZ Libro, ist ab sofort liefer­bar.

Bild: Pix­abay.

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