Was der Charakter über unser politisches Denken und Handeln verrät

Gewis­senhafte Schweiz­erin­nen und Schweiz­er stim­men gegen die Erhöhung des Rentenal­ters. Diesen und weit­ere Ein­flüsse der fünf zen­tralen Charak­ter­merk­male auf das poli­tis­che Denken und Han­deln hat Markus Fre­itag in sein­er soeben erschiene­nen Studie Die Psy­che des Poli­tis­chen unter­sucht.

Dass bes­timmte Aus­prä­gun­gen des Charak­ters unser poli­tis­ches Denken und Han­deln in gewisse Bah­nen lenken, davon han­delt die Studie Die Psy­che des Poli­tis­chen* und betritt im Schweiz­er Kon­text Neu­land. An die Stelle soziopoli­tis­ch­er Milieus, ratio­naler Kalküle oder des per­sön­lichen Sta­tus’ tritt die «Seele» der Wäh­lerin bzw. des Wäh­lers als aus­lösendes Moment poli­tis­ch­er Ansicht­en und Ver­hal­tensweisen in den Vorder­grund.

Im Mit­telpunkt ste­hen mit der Offen­heit für Erfahrun­gen, Gewis­senhaftigkeit, Extra­ver­sion, Verträglichkeit und dem Neu­ro­tizis­mus fünf zen­trale Charak­ter­merk­male («Big Five»), anhand der­er sich jede Per­sön­lichkeit anschaulich beschreiben lässt. Je nach Grad der Offen­heit denken oder ver­hal­ten wir uns altherge­bracht oder orig­inell, geben uns acht­sam oder waghal­sig. Wie gewis­senhaft wir sind, erken­nen wir daran, ob wir allzu sor­g­los oder eher umsichtig han­deln. Der Charak­terzug Extra­ver­sion gibt Auf­schluss darüber, wie zurück­ge­zo­gen, gesel­lig, gehemmt oder sozial dom­i­nant wir uns geben. Verträglichkeit wiederum beze­ich­net das Mass unseres selb­st­losen oder ego­is­tis­chen Ver­hal­tens. Und Neu­ro­tizis­mus etiket­tiert die ent­ge­genge­set­zten Merk­male emo­tionaler Belast- und Ver­let­zbarkeit.

Auswer­tun­gen von bis zu 14’000 Inter­views machen deut­lich, dass sich rund die Hälfte der Schweiz­erin­nen und Schweiz­er als gewis­senhaft ein­stuft. Demge­genüber bescheinigt sich nur etwa ein Vier­tel eine gewisse Offen­heit für neue Erfahrun­gen. Noch weniger Men­schen schätzen sich als beson­ders extro­vertiert ein (nur etwa 14 bis 19 Prozent). Allerd­ings hal­ten sich beina­he 40 Prozent der Schweiz­erin­nen und Schweiz­er für beson­ders beschei­den, altru­is­tisch, mit­füh­lend, warmherzig und nett. Und nicht ein­mal 5 Prozent nehmen sich als beson­ders anges­pan­nt, nervös und ängstlich wahr. Allerd­ings tick­en nicht alle Schweiz­erin­nen und Schweiz­er gle­ich. Frauen zeigen einen anderen Charak­ter als Män­ner, Alte unter­schei­den sich von Jun­gen eben­so wie Städter von Bewohn­ern auf dem Land. Und die Men­schen der Deutschschweiz zeigen wiederum andere Wesen­szüge als diejeni­gen des Tessins und der Romandie.

Die Analy­sen brin­gen aber nicht nur Charak­ter­pro­file von Schweiz­erin­nen und Schweiz­ern her­vor. Überdies wird deut­lich, dass sich beispiel­sweise die Ein­stel­lun­gen gegenüber der Zusam­menset­zung des Bun­desrates, der Zuwan­derung, der Europäis­chen Union oder gegenüber der Erhöhung des Rentenal­ters eben­so von Charak­ter­merk­malen abhängig zeigen wie der Medi­enkon­sum, die Auswahl der Tageszeitung, die Empfänglichkeit für poli­tis­che Botschaften, die Nei­gung sich poli­tisch zu beteili­gen oder die Parteisym­pa­thie: Sind die Net­ten auch wirk­lich die Linken?

Mit Blick auf die ide­ol­o­gis­che Grund­hal­tung lassen sich rel­a­tiv klare Befunde bericht­en, die auch weit­ge­hend den Ergeb­nis­sen der inter­na­tionalen Lit­er­atur entsprechen: Während Gewis­senhaftigkeit in den jew­eili­gen Befra­gun­gen durch­weg mit ein­er Selb­stveror­tung im recht­en ide­ol­o­gis­chen Spek­trum ein­herge­ht, entsprechen hohe Werte auf der Verträglichkeitsskala ein­er linken Gesin­nung (Abbil­dung 1): Wer sich als nett, fre­undlich, zuvork­om­mend und mit­füh­lend ein­stuft, tendiert eher zu linken Posi­tio­nen. Hier verorten sich auch offene Men­schen und mit Abstrichen gilt dies auch noch für emo­tion­al wenig belast­bare Per­so­n­en. Umgekehrt sehen sich Schweiz­erin­nen und Schweiz­er mit aus­geprägter Extra­ver­sion eher auf der recht­en Seite in der poli­tisch-ide­ol­o­gis­chen Are­na.

Abbildung 1: Persönlichkeitseigenschaften und die Einstufung auf der Links-rechts Skala

Abbildung Politische Ideologie

Anmerkungen: Grafische Darstellung der Koeffizienten und 90%-Konfidenzintervalle. Quellen: «Politik und Gesellschaft in der Schweiz» (PUGS) 2012; «Freiwilligen-Monitor Schweiz» (FWM) 2014; «Schweizer Wahlstudie» (Selects) 2015; «Demokratie und Gesellschaft in der Schweiz» (DUGS) 2016: eigene Auswertungen.
 

Ein weit­eres Beispiel: Immer dann, wenn es um die Bestel­lung des Schweiz­er Bun­desrates geht, wird über Ver­fahren zu dessen Zusam­menset­zung disku­tiert. Bedarf es ein­er inhaltlichen Konko­r­danz, also der sach­poli­tis­chen Übere­in­stim­mung der beteiligten Akteurin­nen und Akteure, oder genügt eine arith­metis­che Konko­r­danz­formel, die sich rein an den Parteistärken ori­en­tiert? Zu welch­er Option tendieren wir einge­denk unser­er Per­sön­lichkeit?

Abbil­dung 2 gibt hier Auf­schluss. Gewis­senhafte Schweiz­erin­nen und Schweiz­er sprechen sich dafür aus, dass der Bun­desrat entsprechend den Stim­menan­teilen der grössten Parteien zusam­men­zuset­zen ist und die Bere­itschaft zu Kom­pro­miss und Kon­sens der beteiligten Akteurin­nen und Akteure keine Rolle spie­len darf. Dazu tendieren auch extro­vertierte Schweiz­erin­nen und Schweiz­er, allerd­ings fall­en hier die Zusam­men­hänge weniger sys­tem­a­tisch aus. Die übri­gen Charak­ter­merk­male (Offen­heit, Verträglichkeit und Neu­ro­tizis­mus) lassen sich eher mit ein­er inhaltlichen als mit ein­er arith­metis­chen Konko­r­danz verbinden. Ger­ade offene und verträgliche Men­schen erken­nen in der Tol­er­anz und der Kom­pro­miss­bere­itschaft fun­da­men­tale Ele­mente der Schweiz­er Poli­tik.

Abbildung 2: Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen zur Zusammensetzung des Bunderates

abbildung_bundesrat

Anmerkung: Grafische Darstellung der Koeffizienten und 90%-Konfidenzintervalle. Quelle: «Schweizer Wahlstudie» (Selects) 2015: eigene Auswertungen.

Neb­st den Bestä­ti­gun­gen ver­meintlichen All­t­agswis­sens fordern die Unter­suchun­gen auch altherge­brachte Klis­chees her­aus und brin­gen ver­gle­ich­sweise über­raschende Befunde jen­seits gängiger Vorstel­lun­gen her­vor. Wer hätte etwa erwartet, dass sich Westschweiz­er und Tessin­er ten­den­ziell weniger extro­vertiert sehen als die Deutschschweiz­er? Und wer hätte ver­mutet, dass sich gewis­senhafte Schweiz­erin­nen und Schweiz­er, die ide­ol­o­gisch eher auf der bürg­er­lichen Seite zu verorten sind, gegen eine Erhöhung des Rentenal­ters aussprechen? Da sich nach den hiesi­gen Auswer­tun­gen nahezu die Hälfte der Befragten als gewis­senhaft ein­stuft, erscheint eine prob­lem- und geräuschlose Umset­zung dieses Unter­fan­gens an der Urne in naher Zukun­ft zweifel­haft.


Quelle: Fre­itag, Markus (2017). Die Psy­che des Poli­tis­chen. Was der Charak­ter über unser poli­tis­ches Denken und Han­deln ver­rät. Zürich: NZZ Libro.

Das Buch  ist ab sofort im Han­del und richtet sich an Psy­cholo­gen, Parteis­trate­gen, Jour­nal­is­ten und poli­tisch inter­essierte Men­schen all­ge­mein. Allerd­ings kann der Inhalt auch für all diejeni­gen von Inter­esse sein, die Gefall­en an der psy­chol­o­gis­chen Ausleuch­tung des Charak­ters und den damit ver­bun­de­nen Kon­se­quen­zen find­en.

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