Abstimmungsprognose mit impliziten Messverfahren zeigt JA zur Atomausstiegsinitiative

Zum Zeit­punkt der Befra­gung noch unentschlossene Stimm­bürg­er sind ein Prob­lem für Trend­be­fra­gun­gen. Obwohl das in der Regel nur eine kleine Gruppe ist, kön­nen diese unentschlosse­nen Stimm­bürg­er bei umstrit­te­nen und dementsprechend knap­pen Abstim­mungen (wie der Atom­ausstiegsini­tia­tive) entschei­dend sein. Die Umfrage­forschung sollte darum auf Meth­o­d­en zurück­greifen kön­nen, die auch für Per­so­n­en, die keine Stimm- oder Wahlab­sicht angeben, sta­tis­tisch eine Präferenz berech­nen kön­nen. Ich stelle im Fol­gen­den ein implizites Messver­fahren vor, welch­es unbe­wusste Ein­stel­lun­gen und Präferen­zen der befragten Per­so­n­en misst und im Vor­feld der Atom­ausstiegsini­tia­tive zur Anwen­dung kam. Sämtliche auf diesen Dat­en beruhen­den Prog­nosen zeigen, dass die Atom­ausstiegsini­tia­tive am 27. Novem­ber angenom­men wird.

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Am 27. Novem­ber 2016 wird das Schweiz­er Stim­mvolk über die Atom­ausstiegsini­tia­tive abstim­men. Gemäss der ersten SRG-Trend­studie vom 21. Okto­ber gedenken 57 Prozent der befragten Per­so­n­en der Ini­tia­tive zuzus­tim­men, 36 Prozent lehnen die Ini­tia­tive ab und 7 Prozent der befragten Per­so­n­en waren zum Zeit­punkt der Umfrage noch unentschlossen.

Geht man davon aus, dass die Zus­tim­mung im Ver­laufe des Abstim­mungskampfs — wie bei Volksini­tia­tiv­en üblich — abn­immt, so scheint ein knappes Ergeb­nis möglich. Selb­stver­ständlich kommt der Gruppe der unentschlosse­nen Stimm­bürg­er in genau diesen Sit­u­a­tio­nen eine grosse Bedeu­tung zu. Die jüng­ste Ver­gan­gen­heit hat gezeigt, dass unentschlossene Per­so­n­en bei Eid­genös­sis­chen Abstim­mungen dur­chaus das vielz­i­tierte Zün­glein an der Waage spie­len kön­nen.

Lei­der weiss man in der poli­tik­wis­senschaftlichen Forschung aber nach wie vor wenig über die Mei­n­ungs­bil­dung unentschlossen­er Wäh­ler und Wäh­lerin­nen. Hinzu kommt, dass ver­lässliche Prog­nosen  bezüglich des Stim­mver­hal­tens unentschlossen­er Stimm­bürg­er nach wie vor eine grosse Her­aus­forderung sind. Indi­rek­te bzw. implizite Messver­fahren set­zen an diesem Punkt an.

Wie misst man das Stim­mver­hal­ten unentschlossen­er Per­so­n­en?
Im Unter­schied zu direk­ten bzw. expliziten Fra­gen (z. B. Stim­mab­sicht) unter­suchen implizite Messver­fahren Ein­stel­lun­gen und Präferen­zen, welche den jew­eili­gen Per­so­n­en nicht zwangsläu­fig bewusst sind.

Vor dem Hin­ter­grund dieser Erken­nt­nis wurde in den let­zten Jahren argu­men­tiert, dass implizite Messver­fahren beson­ders gut in der Lage seien, das Stim­mver­hal­ten unentschlossen­er Per­so­n­en vorherzusagen. Die Idee dahin­ter ist, dass implizite Ein­stel­lun­gen eine Art Vorstufe zu den expliziten Ein­stel­lun­gen darstellen.

In der Tat haben wir alle gewisse implizite Ein­stel­lun­gen bzw. Präferen­zen, ohne dass wir uns deren aber notwendi­ger­weise bewusst sind. Genau dies kön­nte bei unentschlosse­nen Stimm­bürg­ern der Fall sein. Sie mögen sich zwar ein paar Wochen vor ein­er Abstim­mung ihrer Präferenz noch nicht bewusst sein, eine implizite Ein­stel­lung zu ein­er Vor­lage oder Partei haben aber auch sie.

Sollte sich diese implizite Präferenz im Ver­laufe des Mei­n­ungs­bil­dung­sprozess­es in eine explizite und damit bewusste Ein­stel­lung ver­wan­deln, so sollte die implizite Ein­stel­lung in der Tat ein guter Prädik­tor sein für das Stim­mver­hal­ten unentschlossen­er Per­so­n­en.

Was sind unbewusste Einstellungen und woher kommen sie?

Gemäss ihrer klas­sis­chen Def­i­n­i­tion (Green­wald und Bana­ji 1995) sind implizite bzw. unbe­wusste Ein­stel­lun­gen das Pro­dukt von Erfahrun­gen und Erleb­nis­sen. Basierend auf den Erken­nt­nis­sen der Forschung über das soge­nan­nte implizite Gedächt­nis („implic­it mem­o­ry“)[1], hat sich in der Psy­cholo­gie mit­tler­weile ein Kon­sens darüber ergeben, wie das men­schliche Langzeitgedächt­nis aufge­baut ist.

Ähn­lich einem mod­er­nen Com­put­er, sind Objek­te in einem kom­plex­en Net­zw­erk miteinan­der ver­bun­den. Erleb­nisse und Erfahrun­gen wer­den evaluiert und so abge­spe­ichert, dass eine enge Verbindung beste­ht zwis­chen der Eval­u­a­tion (pos­i­tiv oder neg­a­tiv) und dem Erfahrung­sob­jekt (z. B. Per­son, Organ­i­sa­tion).

Ein Kunde, welch­er zum Beispiel schlechte Erfahrun­gen mit einem Pro­dukt gemacht hat, wird diese neg­a­tive Bew­er­tung in enger Verknüp­fung mit dem fraglichen Pro­dukt abspe­ich­ern. Die Verbindung zwis­chen dem Objekt (d.h. dem Pro­dukt) und der dies­bezüglichen Eval­u­a­tion entspricht dem, was in der Psy­cholo­gie gemein­hin als Ein­stel­lung definiert wird.

Zen­tral für das Ver­ständ­nis impliziter Ein­stel­lun­gen ist nun, dass wieder­holt neg­a­tive oder pos­i­tive Erfahrun­gen zu ein­er höheren Ver­füg­barkeit von Ein­stel­lun­gen führen. Hat der zuvor erwäh­nte Kunde zum Beispiel wieder­holt neg­a­tive Erfahrun­gen mit einem Pro­dukt gemacht, so reicht der kle­in­ste Anlass (z. B. Wer­bung dieser Fir­ma), um die neg­a­tive Ein­stel­lung inner­halb kürzester Zeit (d.h. automa­tisch) zu aktivieren. Sowohl die Aktivierung als auch die mit ihr ver­bun­de­nen Ver­hal­tensweisen müssen dem Kun­den jedoch nicht zwangsläu­fig bewusst sein. So ist es wahrschein­lich, dass der Kunde auf­grund der automa­tisch aktivierten neg­a­tiv­en Ein­stel­lung gegenüber dem Pro­dukt bei ein­er Kaufentschei­dung unbe­wusst ein kom­plett anderes Pro­dukt der­sel­ben Fir­ma mei­det.

Doch wie lassen sich diese abstrak­ten Ideen nun auf unser aktuelles Beispiel der Atom­ausstiegsini­tia­tive anwen­den? Schauen wir uns zu diesem Zweck einen kleinen hypo­thetis­chen Auss­chnitt des Langzeitgedächt­niss­es von Frau G. an.

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Legende:
Die Struktur politischer Überzeugungen, Einstellungen und Absichten von Frau G. (in Anlehnung an Lodge und Taber, 2013).
□ = Einstellungsobjekte
▢ = Emotionen
◇ = Verhaltensabsichten
+ = positive Evaluationen
– = negative Evaluationen
Ausgefüllte Symbole (+/–) bedeuten, dass die jeweiligen Bewertungen überwiegen.

Wie obiger Abbil­dung zu ent­nehmen ist, hat Frau G. ten­den­ziell eine eher pos­i­tive Ein­stel­lung gegenüber der Atom­ausstiegsini­tia­tive. Diese pos­i­tive Ein­stel­lung grün­det in erster Lin­ie auf ihrer pos­i­tiv­en Hal­tung gegenüber den Grü­nen und deren Engage­ment für Umweltschutz, aber auch auf der abschreck­enden Erfahrung von Tsch­er­nobyl und den damit ver­bun­de­nen Äng­sten.

Allerd­ings befürchtet Frau G., dass bei ein­er Annahme der Ini­tia­tive frag­würdi­ge Stro­mim­porte aus dem Aus­land getätigt wer­den müssten. Aus diesem Grund gibt Frau G. in ein­er Umfrage an, sich bezüglich ihres Stim­mentschei­ds noch nicht sich­er zu sein.

Es liegt nun auf der Hand, dass die blosse Frage nach der Stim­mab­sicht nicht in der Lage ist, die abge­bildete Struk­tur akku­rat zu erfassen. Selb­stver­ständlich ver­mö­gen zusät­zliche (explizite) Fra­gen wie jene nach der Parteisym­pa­thie oder Frau G.‘s Ein­stel­lung zum Umweltschutz dabei helfen, ein voll­ständi­geres Bild zu liefern. Auch sie wer­den aber scheit­ern, wenn es darum geht, die stärk­sten und damit für Frau G. zugänglich­sten Assozi­a­tio­nen sowie deren Rich­tung (positiv/negativ) zu erfassen.

Implizite Messver­fahren wie beispiel­sweise der implizite Assozi­a­tion­stest (IAT) sind in dieser Hin­sicht den expliziten Massen über­legen und soll­ten deshalb eben­falls in poli­tis­chen Umfra­gen berück­sichtigt wer­den.

Empirische Evidenz: Ecopop

Eine drei Wochen vor der Ecopop-Abstim­mung (30. Novem­ber 2014) durchge­führte Umfrage (Rac­cuia 2016) hat gezeigt, dass implizite Ein­stel­lun­gen gegenüber der Ini­tia­tive sowohl für die entschlosse­nen wie auch die unentschlosse­nen Stimm­bürg­er sta­tis­tisch sig­nifikante Prädik­toren sind.

Ein Ver­gle­ich der expliziten und impliziten Ein­stel­lun­gen zeigte aber, dass die impliziten Ein­stel­lun­gen für die Gruppe der unentschlosse­nen Stimm­bürg­er bessere Prädik­toren sind als für die Gruppe der entschlosse­nen Stimm­bürg­er.

Konkret kon­nte das Stim­mver­hal­ten von 78 Prozent der unentschlosse­nen Stimm­bürg­er mit­tels ihrer impliziten Ein­stel­lun­gen kor­rekt vorherge­sagt wer­den. [2] Bei den entschlosse­nen Stimm­bürg­ern betrug dieser Anteil hinge­gen nur 73 Prozent.

Weit­er zeigte sich, dass das explizite Mass für die Gruppe der entschlosse­nen Stimm­bürg­er ein besseres Prog­no­se­in­stru­ment war als das implizite Mass.

Dieser Befund deckt sich mit ein­er Rei­he ähn­lich­er Unter­suchun­gen, die im Kon­text nationaler Wahlen durchge­führt wur­den (z.B. Friese et al. 2012). Im Unter­schied zu diesen Stu­di­en waren die impliziten und expliziten Ein­stel­lun­gen für die Gruppe der unentschlosse­nen Per­so­n­en hinge­gen ähn­lich gute Prädik­toren (bei­de kon­nten rund 78 Prozent der Per­so­n­en kor­rekt klas­si­fizieren).

Abstimmungsprognose für die Atomausstiegsinitiative vom 27. November 2016

Da die selb­st­berichtete Stim­mab­sicht in der Regel ein sehr zuver­läs­siger Prädik­tor für das tat­säch­liche Stim­mver­hal­ten entschlossen­er Per­so­n­en ist (90.6 % kor­rekt voraus­ge­sagt bei der Ecopop-Ini­tia­tive), soll­ten sich Abstim­mung­sprog­nosen mein­er Mei­n­ung nach auch weit­er­hin darauf stützen. Es kann unter gewis­sen Umstän­den allerd­ings ange­bracht sein, die selb­st­berichtete Stim­mab­sicht mit den impliziten Ein­stel­lun­gen der Per­so­n­en zu ver­gle­ichen. Schwache Kor­re­la­tio­nen zwis­chen den bei­den Massen kön­nten ein Hin­weis darauf sein, dass die befragten Per­so­n­en auf­grund sozialer Erwün­schtheit falsche Angaben machen. Da unentschlossene Per­so­n­en sta­tis­tisch gesprochen ein „miss­ing data“ Prob­lem darstellen (fehlende Angaben bei der Stim­mab­sicht), kann in einem zweit­en Schritt mit­tels ver­schieden­er Impu­ta­tionsver­fahren eine Stim­mab­sicht geschätzt wer­den und für die unentschlosse­nen Stimm­bürg­er einge­set­zt wer­den.

Diese Schätzun­gen kön­nen sowohl kon­ven­tioneller Natur (d.h. mit­tels lin­ear­er oder logis­tis­ch­er Regres­sion­s­mod­elle) sein, als auch mit­tels mul­ti­pler Impu­ta­tion erfol­gen. In allen Fällen dienen die Dat­en der entschlosse­nen Stimm­bürg­er (Stim­mab­sicht und implizite Ein­stel­lung) sowie jene der Per­so­n­en, welche zum Zeit­punkt der Umfrage bere­its abges­timmt haben (Stim­mentscheid und implizite Ein­stel­lung) als Grund­lage für die Impu­ta­tion. Die unten­ste­hende Tabelle liefert eine Über­sicht über die ver­schiede­nen Mod­elle, deren Resul­tate wir am 25. Novem­ber zusam­men anschauen wer­den.

Prog­nose­mod­elle basierend auf expliziten und impliziten Messver­fahren

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* Konventionelle Methoden imputieren für jede fehlende Beobachtung nur einen Wert und unterschätzen daher die Varianz der imputierten Werte. +Multiple Imputationsverfahren imputieren für jede fehlende Beobachtung mehrere Werte und liefern deshalb weniger verzerrte Varianzschätzungen.

Anmerkun­gen:

[1] Die zen­trale Leis­tung dieser Forschung war es aufzuzeigen, inwiefern Men­schen bere­its erwor­benes Wis­sen und Erfahrun­gen automa­tisch (d.h. unbe­wusst) für die Lösung drin­gen­der Prob­leme und Auf­gaben (z. B. in Not­si­t­u­a­tio­nen) abrufen und anwen­den kön­nen.

[2] Ein Fall gilt dann als kor­rekt klas­si­fiziert, wenn die vorherge­sagte Wahrschein­lichkeit für eine Ja-Stimme min­destens 50% beträgt und die Per­son auch tat­säch­lich für die Vor­lage ges­timmt hat oder wenn die vorherge­sagte Wahrschein­lichkeit weniger als 50% beträgt und die Per­son tat­säch­lich „Nein“ ges­timmt hat. Für das explizite Mass wurde eine Skala ver­wen­det, welche die Sor­gen der befragten Per­so­n­en bezüglich der Zuwan­derung erfasste.

Ref­eren­zen:

Titel­bild: AKW Gös­gen, aufgenom­men von Falk Lade­mann (CC-BY)

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