Twitter & Co: Nicht nur Waffen der Demokratisierung

Die welt­wei­te digi­ta­le Ver­net­zung wird von Wis­sen­schaft­lern, Poli­tik und NGOs als Erfolgs­ge­schich­te der Demo­kra­ti­sie­rung gefei­ert. Mil­lio­nen an Men­schen sol­len dadurch befreit und mobi­li­siert wer­den. Doch ist dem so? Mei­ne For­schung zeigt, wie sich auch Regimes die Eigen­hei­ten von Soci­al Media zu Nut­ze machen, bei­spiels­wei­se im anhal­ten­den Krieg in Syri­en.

Die Auf­stän­de der Zivil­be­völ­ke­rung von Damas­kus bis Kai­ro zeig­ten, dass sozia­le Medi­en das Poten­zi­al haben, die kol­lek­ti­ve Mobi­li­sie­rung von Demons­trie­ren­den in einer Art und Wei­se zu ver­ein­fa­chen, wie sie bis­her für unmög­lich gehal­ten wur­de.

Jede Öff­nung von digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­for­men bringt jedoch auch neue Mög­lich­kei­ten der digi­ta­len Unter­drü­ckung von Sei­ten der Regie­run­gen mit sich. Denn mit dem stei­gen­den Ver­trau­en in die demo­kra­ti­sie­ren­den Eigen­schaf­ten der digi­ta­len Ver­net­zung wächst die Gefahr, die von Netz­werk­un­ter­bre­chun­gen durch Regie­run­gen und Behör­den aus geht. 

 Politischer Wandel dank digitaler Vernetzung?

Die digi­ta­le Ver­net­zung gilt mitt­ler­wei­le als wirk­sa­mes Instru­ment zur Beschleu­ni­gung und Stär­kung des poli­ti­schen Wan­dels und als effek­ti­ve Waf­fe im Kampf gegen repres­si­ve Herr­schafts­for­men aller Art.

Die­se Hoff­nung teil­te bei­spiels­wei­se die ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung und bat Twit­ter im Jah­re 2009 offi­zi­ell, geplan­te War­tungs­ar­bei­ten zu ver­schie­ben, um Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten wäh­rend der Pro­tes­te im Iran vol­len Zugang zu allen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­len zu ermög­li­chen. Ein Bera­ter des Natio­na­len Sicher­heits­rats des Weis­sen Hau­ses ging sogar so weit zu behaup­ten, dass Twit­ter als „wei­che Waf­fe“ der Demo­kra­tie einen Frie­dens­no­bel­preis erhal­ten soll­te.

Das Internet im Zentrum des Syrienkonflikts

Zwei Jah­re spä­ter, als sich zivi­le Auf­stän­de wie ein Lauf­feu­er im gesam­ten Nahen Osten sowie im ara­bi­schen Maghreb ver­brei­te­ten, wur­den sozia­le Medi­en zur wirk­sams­ten Waf­fe die­ser neu­en Pro­test­be­we­gung erklärt. So auch in Syri­en.

Noch nie zuvor ist ein Kon­flikt sol­chen Aus­mas­ses so stark durch die sozia­len Medi­en beglei­tet und doku­men­tiert wor­den wie aktu­ell in Syri­en. Täg­lich wer­den hun­der­te Ereig­nis­se akri­bisch erfasst, doku­men­tiert und via ver­schie­dens­ter Inter­net­platt­for­men kom­mu­ni­ziert.

Tau­sen­de von You­Tube-Vide­os hal­ten Bil­der der Toten und Ver­letz­ten in Lei­chen­hal­len, Kran­ken­häu­sern und Markt­plät­zen fest. Akti­vis­tin­nen und Akti­vi­si­ten nut­zen Twit­ter und Face­book-Kon­ten, um sich gegen­sei­tig über die mili­tä­ri­schen Ope­ra­tio­nen und Mas­sa­ker zu infor­mie­ren und eige­ne Aktio­nen zu koor­di­nie­ren.

Doch auch das syri­sche Regime hat sei­ne vir­tu­el­le Prä­senz kon­se­quent aus­ge­baut, nicht zuletzt durch sei­ne berüch­tig­te Elec­tro­nic Army. Das sind Hacker, die mit einer Rei­he von Über­wa­chungs­pro­gram­men, so genann­ter Spy­wa­re,  gegen die eige­ne Bevöl­ke­rung vor­ge­hen.

Syri­sche Behör­den nut­zen dazu unter­schied­lichs­te Tricks. So sen­den sie bei­spiels­wei­se unech­te Sicher­heits­zer­ti­fi­ka­te an Face­book-Nut­zer, um deren Pass­wör­ter abfan­gen zu kön­nen und um Zugriff auf die sozia­le Medi­en­prä­senz poten­ti­el­ler Zie­le zu erlan­gen. Berich­ten zufol­ge wur­den Zivi­lis­ten in Ver­hö­ren sogar gefol­tert, um an Face­book-Pass­wör­ter zu kom­men. In den letz­ten vier Jah­ren hat das syri­sche Regime aber vor allem in regel­mäs­si­gen Abstän­den den Zugang zum Inter­net gesperrt.

Internet-Abschaltungen gehen mit Gewalt einher

Ich habe unter­sucht, ob es einen Zusam­men­hang zwi­schen Inter­net­ab­schal­tun­gen und Regime­tö­tun­gen gibt. Mei­ne Resul­ta­te zei­gen, dass Inter­net­aus­fäl­le in Syri­en mit einer höhe­ren Anzahl von Gewalt­ta­ten sei­tens des syri­schen Regimes auf­tre­ten. Das bewuss­te, kurz­fris­ti­ge Abschal­ten des Inter­nets führt zu Kom­mu­ni­ka­ti­ons­brü­chen auf Sei­ten der Oppo­si­ti­on, was die Koor­di­na­ti­on von Gegen­an­grif­fen erschwert und die Posi­ti­on des Regimes stärkt. 

 An Tagen, an denen das Inter­net in Syri­en  unter­bro­chen wird, wird signi­fi­kant mehr Regie­rungs­ge­walt aus­ge­übt (Abbil­dun­gen 1 und 2). Das deu­tet dar­auf hin, dass das Assad-Regime Inter­net­aus­fäl­le in Ver­bin­dung mit grös­se­ren repres­si­ven Ope­ra­tio­nen gegen die Oppo­si­ti­ons­grup­pen ein­setzt.

Abbildung 1:

 Grafik 1

Abbildung 2:

Grafik 2

Die Abbil­dun­gen zei­gen, an wel­chen Tagen es zu Inter­net­aus­schal­tun­gen kam (gelb). Die schwar­zen Bal­ken ste­hen für die doku­men­tie­ren Tötun­gen pro Tag (in Hama und Rif Dimaschq). 

An Tagen, an denen das Inter­net blo­ckiert ist, wur­den im Durch­schnitt neun Pro­zent mehr Men­schen durch das Regime getö­tet, als an Tagen mit nor­ma­ler Inter­net­ver­bin­dung. Die­se Berech­nun­gen zei­gen das Aus­mass der Grau­sam­kei­ten, die das Assad-Regime höchst­wahr­schein­lich auch heu­te noch täg­lich begeht.

Eine Ana­ly­se der Dun­kel­zif­fer der Gewalt vor und wäh­rend den Netz­werk­stö­run­gen zeigt aus­ser­dem, dass es sich dabei nicht um Ver­de­ckungs­stra­te­gi­en han­delt – das Regime also nicht ver­sucht, sei­ne Gräu­el­ta­ten durch Inter­net­aus­schal­tung zu ver­ber­gen. Viel­mehr han­delt es sich um mili­tä­ri­sche Aktio­nen, die ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te nach dem Aus­schal­ten der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le gegen die Bevöl­ke­rung durch­ge­führt wur­den.

Internetzensur als gefährliche neue Waffe

Die syri­sche Regie­rung ist nicht die ein­zi­ge, die in regel­mäs­si­gen Abstän­den den Inter­net­zu­gang inner­halb ihrer Lan­des­gren­zen abschal­tet. Gemäss der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on Access Now haben 2016 bereits fünf­zehn Staa­ten den Inter­net­zu­gang ihrer Bevöl­ke­rung abge­schal­tet, dar­un­ter Bra­si­li­en, Indi­en, Malay­sia und Paki­stan. Eine Unter­su­chung von Human Rights Watch zeigt, dass die äthio­pi­sche Regie­rung regel­mäs­sig vor und an wich­ti­gen Fei­er­ta­gen sowie bei geplan­ten Pro­tes­ten das Inter­net aus­schal­tet. Akti­vis­ten aus Paki­stan berich­ten, dass Inter­net­aus­schal­tun­gen in ihrem Land oft unter dem Vor­wand von “Ter­ror­prä­ven­ti­on” ange­ord­net wer­den, dabei aller­dings vor allem die per­sön­li­chen Frei­heits­rech­te der paki­sta­ni­schen Bevöl­ke­rung unter­gra­ben wer­den.

INFOBOX: Daten und Metho­den
Die­se Unter­su­chung nutzt eine Daten­bank, die sämt­li­che doku­men­tier­ten Tötun­gen des syri­schen Regimes erfasst, die zwi­schen März 2011 und April 2014 von den fünf wich­tigs­ten in Syri­en agie­ren­den Men­schen­rechts­grup­pen gemel­det wur­den. Die Orga­ni­sa­tio­nen sind das Syri­an Cen­ter for Sta­tis­tics and Rese­arch (SCSR), das Syri­an Net­work for Human Rights (SNHR), das Syri­an Obser­vato­ry for Human Rights (SOHR), die Inter­net­sei­te Syri­an Shuh­a­da (SS) und das Vio­la­ti­ons Docu­men­ta­ti­on Cent­re (VDC).

Tei­le die­ser Daten­bank wur­den im Auf­trag des UNO-Hoch­kom­mis­sa­ri­ats für Men­schen­rech­te erstellt und in einer Rei­he von Repor­ten ver­öf­fent­licht. Da nicht alle Gewalt­ta­ten beob­ach­tet oder gar doku­men­tiert wer­den kön­nen, bedient sich die Arbeit der mul­ti­ple-recap­tu­re esti­ma­ti­on Metho­de, um die schwan­ken­de Dun­kel­zif­fer der nicht gemel­de­ten Tötun­gen zu schät­zen. Hier­bei wer­den die Über­schnei­dun­gen zwi­schen den ver­schie­de­nen Quel­len ver­wen­det, um den Doku­men­ta­ti­ons­pro­zess sta­tis­tisch zu model­lie­ren und für jede Regi­on in Syri­en sowie jeden Zeit­punkt die Zahl der nicht doku­men­tier­ten Todes­fäl­le akku­rat vor­her­zu­sa­gen. Um aus­zu­schlies­sen, dass der Zusam­men­hang zwi­schen Inter­net­aus­schal­tun­gen und erhöh­ter Gewalt zufäl­lig ist, wird die Robust­heit der Ergeb­nis­se mit einem soge­nann­ten Pla­ce­bo­tests über­prüft. Dazu wer­den zeit­lich ver­scho­be­ne Pla­ce­boevents erstellt und getes­tet, ob die­se Pla­ce­bos den glei­chen Effekt haben. Die Tests zei­gen, dass der Effekt zwi­schen Inter­net­aus­schal­tun­gen und erhöh­ter Gewalt robust ist.


Refe­ren­zen: 

  • Goh­des, Ani­ta. 2015. “Pul­ling the plug: Net­work dis­rup­ti­ons and vio­lence in civil con­flict”, Jour­nal of Peace Rese­arch, 52(3): 352–367
  • Pri­ce, Megan, Ani­ta R. Goh­des and Patrick Ball. 2014. “Updated Sta­tis­ti­cal Ana­ly­sis of Docu­men­ta­ti­on of Kil­lings in the Syri­an Arab Repu­blic.” Report com­mis­sio­ned by the Office of the UN High Com­mis­sio­ner for Human Rights.

Titel­bild: DeFac­to

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