Die missglückte Demokratisierung von Lesotho — der „Schweiz Afrikas“

Nach dem Fall der Ber­li­ner Mau­er erfass­te die Wel­le der Demo­kra­ti­sie­rung vie­le Län­der süd­lich der Saha­ra, dar­un­ter auch Leso­tho, das klei­nes König­reich in den Ber­gen im süd­li­chen Afri­ka. Leso­tho gilt mitt­ler­wei­le vie­len als voll­stän­di­ge Demo­kra­tie. Doch mei­ne Stu­die zeigt ein dif­fe­ren­zier­tes Bild. 

Das König­reich Leso­tho im süd­li­chen Afri­ka wird ger­ne die „Schweiz Afri­kas“ genannt. Es ist ein klei­nes Land, gebir­gig und res­sour­cen­arm. Wäh­rend die Schweiz aber zu den reichs­ten Län­dern der Welt gehört, fin­det man Leso­tho am ande­ren Ende der ent­spre­chen­den Rang­lis­te.

INFOBOX: Leso­tho

Leso­tho ist 30’000 km² gross, rund 10’000 km² klei­ner als die Schweiz. Die ein­zi­gen Res­sour­cen sind Was­ser und weni­ge Dia­man­ten­mi­nen. Das Land ist kom­plett von der Regio­nal­macht Süd­afri­ka umge­ben, so wie die Schweiz ihrer­seits von der Euro­päi­schen Uni­on.

For­mell ist das Land seit sei­ner Unab­hän­gig­keit von Gross­bri­tan­ni­en im Jah­re 1966 eine par­la­men­ta­ri­sche Mon­ar­chie mit einem demo­kra­tisch gewähl­ten Par­la­ment, Minis­ter­prä­si­den­ten und einem mit mehr­heit­lich rein reprä­sen­ta­ti­ven Auf­ga­ben befass­ten König.

In sei­ner noch jun­gen Geschich­te erleb­te Leso­tho einen Mix aus Demo­kra­tie, auto­ri­tä­rer Ein­par­tei­en­herr­schaft und ver­schie­de­nen Mili­tär­re­gie­run­gen. Doch bis­lang konn­te kein Regime das Land aus sei­ner Armut und öko­no­mi­scher Abhän­gig­keit vom gros­sen Nach­bar Süd­afri­ka befrei­en. 

 Wind der Demokratisierung

Nach dem Ende des Kal­ten Krie­ges waren die Hoff­nun­gen gross. 1993 feg­te der Wind der Demo­kra­ti­sie­rung neben vie­len ande­ren auto­ri­tä­ren afri­ka­ni­schen Regi­men süd­lich der Saha­ra auch das damals herr­schen­de Mili­tär­re­gime in Leso­tho weg. Die­ser Wan­del ist auch der west­li­chen Ent­wick­lungs­hil­fe der 1990er-Jah­re zu ver­dan­ken, die mit dem Weg­fall der sowje­ti­schen Kon­kur­renz um Ein­fluss in Afri­ka ihre Hil­fe nun erst­mals effek­tiv an Kon­di­tio­nen wie freie Wah­len und Men­schen­rech­te knüp­fen konn­te. Vor­her unter­stütz­te der Wes­ten des­po­ti­sche afri­ka­ni­sche Regimes wie das von Mobu­tu Sese Seko im vor­ma­li­gen Zai­re (heu­te Demo­kra­ti­sche Repu­blik Kon­go) gross­zü­gig, solan­ge sie sich nicht der Sowjet­uni­on annä­her­ten.

Vollständige Demokratie nach Regierungswechsel? 

2012 erleb­te das Land sei­nen ers­ten fried­li­chen Macht­wech­sel durch eine demo­kra­ti­sche Wahl. Seit­her betrach­ten unab­hän­gi­ge Beob­ach­ter wie die NGO Free­dom House die Ent­wick­lung Leso­thos zur voll­stän­di­gen Demo­kra­tie als abge­schlos­sen.[1]

Mei­ne Stu­die zeigt hin­ge­gen ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild: Statt sich voll­stän­dig zu demo­kra­ti­sie­ren, folg­te Leso­tho dem Weg vie­ler Staa­ten der 1990er- und 2000er-Jah­re im sub­sa­ha­ri­schen Afri­ka, Latein­ame­ri­ka und Asi­en: Die for­mel­len Ein­par­tei­en­staa­ten sind end­gül­tig Geschich­te, regel­mäs­si­ge Wah­len mit meh­re­ren Par­tei­en und Kan­di­da­ten wur­den zum neu­en Stan­dard.

Doch die unfai­ren Spiel­re­geln für Oppo­si­ti­ons­par­tei­en und -kan­di­da­ten im Vor­feld von Wah­len sind ein gros­ses Pro­blem (vgl. Levits­ky und Way 2010). Regie­rungs­par­tei­en genies­sen nach wie vor wich­ti­ge Pri­vi­le­gi­en: Der Zugang zu staat­li­chen Rund­funk­me­di­en mit lan­des­wei­ter Reich­wei­te, wich­ti­gen Wahl­kampf­res­sour­cen im Kon­text man­gel­haf­ter Stras­sen­in­fra­struk­tur wie bei­spiels­wei­se Pick­ups mit Vier­rad­an­trieb oder Heli­ko­pter sowie die nöti­gen Wahl­kampf­hel­fer sind ihnen vor­be­hal­ten.

Lesotho

Abbil­dung 1: Pass­stras­se in Leso­tho (© Jona­than van Eerd)

Erfolg­rei­che Regie­rungs­wech­sel sind unter sol­chen Bedin­gun­gen zwar nicht aus­ge­schlos­sen, jedoch weni­ger wahr­schein­lich als in den voll­stän­di­gen Demo­kra­ti­en West­eu­ro­pas. Zudem füh­ren Regie­rungs­wech­sel in einem sol­chen Kon­text nicht not­wen­di­ger­wei­se zu Ver­bes­se­run­gen der Spiel­re­geln im Vor­feld von Wah­len. Denn eine neue Regie­rung mag es als genau­so vor­teil­haft anse­hen, unfai­re Spiel­re­geln zu ihren Guns­ten zu nut­zen.

Stille Regionalmacht Südafrika

2012 erfolg­te in Leso­tho ein Regie­rungs­wech­sel. Doch die­ser brach­te nicht die erhoff­ten Ver­än­de­run­gen. Ich ging im Rah­men mei­ner Stu­die auch dem Ver­mö­gen bzw. Unver­mö­gen des demo­kra­ti­schen Post-Apart­heid-Süd­afri­kas, sei­ne poli­ti­sche und öko­no­mi­sche Regio­nal­macht für ein demo­kra­ti­sche­res süd­li­ches Afri­ka ein­zu­set­zen, nach.

Süd­afri­ka ver­moch­te im süd­li­chen Afri­ka im Gegen­satz zur EU in Ost­eu­ro­pa oder den USA in Mit­tel­ame­ri­ka den gene­rel­len Demo­kra­ti­sie­rungs­druck der 1990er-Jah­re in sei­nem „Hin­ter­hof“ weni­ger erfolg­reich ver­stär­ken. Obwohl Man­de­la eine Poli­tik der Demo­kra­tie­för­de­rung in Afri­ka ver­folg­te, fiel die­se bereits unter sei­ner Füh­rung und danach noch mehr unter der Regie­rung Thabo Mbe­kis regio­na­len Sta­bi­li­täts­in­ter­es­sen und einer Poli­tik der „afri­ka­ni­schen Soli­da­ri­tät“ zum Opfer.

Der ehe­ma­li­ge Apart­heid­staat woll­te nach Jahr­zehn­ten der Iso­la­ti­on auf dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent die fra­gi­le Akzep­tanz sei­ner neu­ar­ti­gen regio­na­len Hege­mo­nie nicht durch über­mäs­si­ge Ein­fluss­nah­me in inne­re Ange­le­gen­hei­ten ande­rer Län­der ver­scher­zen. Ent­spre­chend beschränk­te sich der Ein­fluss Süd­afri­kas auf stil­le Diplo­ma­tie im Zuge der poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Kri­sen in Muga­bes Sim­bab­we bis hin zu rei­nem Des­in­ter­es­se im Fall der desas­trö­sen Regie­rungs­füh­rung des letz­ten abso­lu­ten Mon­ar­chen Afri­kas, Mswa­ti III in Swa­si­land (oft ver­wech­selt mit Leso­tho).

Lesotho: noch keine vollständige Demokratie

In Leso­tho ging der Ein­fluss um eini­ges wei­ter als in Sim­bab­we oder Swa­si­land, doch kon­zen­trier­te er sich vor allem auf die Pro­mo­ti­on regel­mäs­si­ger Wah­len, wäh­rend Defi­zi­te bezüg­lich Medi­en­frei­heit und -zugang und unglei­cher Wahl­kampf­res­sour­cen ver­nach­läs­sigt wur­den. Das Land kann nach zwei Jahr­zehn­ten regel­mäs­si­ger Wah­len noch nicht als voll­stän­di­ge Demo­kra­tie bezeich­net wer­den.

Hin­weis: Die­ser Bei­trag bezieht sich auf: Van Eerd, Jona­than (2016). The limits of demo­cra­tiza­ti­on through a regio­nal hege­mon: South Afri­can linkage and leverage and the ske­wed play­ing field in Leso­tho par­ty com­pe­ti­ti­on. Zeit­schrift für Ver­glei­chen­de Poli­tik­wis­sen­schaft 10(1): 137–154.


[1] https://freedomhouse.org/report/freedom-world/2013/lesotho

Lite­ra­tur:

  • Levits­ky, Ste­ven, and Lucan A. Way. 2010. Com­pe­ti­ti­ve Aut­ho­ri­ta­ria­nism: Hybrid Regimes after the Cold War. New York: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press.

Titel­bild: Mase­ru, die Haupt­stadt Leso­thos. Quel­le: Wiki­me­dia Com­mons. 

Abbil­dung 1: Pass­stras­se in Leso­tho (© Jona­than van Eerd)

Lek­to­rat: Sarah Büti­ko­fer

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