Die Wahlfreiheit der Bundesversammlung: schon viele nicht-offizielle Bundesratskandidaten gewählt

Für die kom­men­den Bun­des­rats­wah­len wird die SVP meh­re­re Kan­di­da­ten nomi­nie­ren. Dafür ver­langt sie von der Bun­des­ver­samm­lung, dass ein offi­zi­el­ler Kan­di­dat gewählt wird. Sonst wer­de die­se Per­son – sofern sie denn die Wahl anneh­me – aus der Par­tei aus­ge­schlos­sen. Lan­ge lief es im Schwei­zer Par­la­ment umge­kehrt: die Par­tei­en nomi­nier­ten nur einen ein­zi­gen Kan­di­da­ten, dafür wahr­te die Bun­des­ver­samm­lung ihre Wahl­frei­heit und wähl­te regel­mäs­sig auch nicht-offi­zi­el­le Kan­di­da­ten. Der Druck, offi­zi­el­le Kan­di­da­ten zu wäh­len, wur­de aller­dings nicht zuerst von der SVP auf­ge­baut, son­dern von der SP.

Eve­li­ne Wid­mer-Schlumpf tritt nach acht Jah­ren im Bun­des­rat zurück. Dar­um wird am 9. Dezem­ber auch jemand neu­es ins Regie­rungs­gre­mi­um der Schweiz gewählt. Für die sie­ben Sit­ze gilt eine simp­le Regel: wähl­bar sind alle Stimm­be­rech­tig­ten und gewählt ist, wer das abso­lu­te Mehr an Stim­men der ver­ei­nig­ten Bun­des­ver­samm­lung erreicht.

Die SVP verlangt Wahl offizieller Kandidaten

Nach­dem die Mit­te­par­tei­en kei­ne Kan­di­da­tur für die Nach­fol­ge von Wid­mer-Schlumpf auf­stel­len, ist der SVP der zwei­te Sitz so gut wie sicher, soll­te sich die Par­tei nicht noch grö­be­re Pat­zer bei der Kan­di­da­ten­kür leis­ten. Im Gegen­satz zu 2011 muss die SVP auch nicht mehr gegen eine amtie­ren­de Bun­des­rä­tin antre­ten, son­dern kann sich auf die inter­ne Vor­auswahl der Kan­di­da­ten kon­zen­trie­ren und damit Volk und Medi­en unter­hal­ten.

Die SVP wird der Bun­des­ver­samm­lung eine Kan­di­da­ten­aus­wahl prä­sen­tie­ren. Dafür besteht die SVP im Gegen­zug dar­auf, dass die Bun­des­ver­samm­lung einen ihrer offi­zi­el­len Kan­di­da­ten zu wäh­len hät­te. Die SVP droht zudem damit, dass ein nicht offi­zi­el­ler Kan­di­dat, der eine all­fäl­li­ge Wahl annäh­me, auto­ma­tisch aus der Par­tei aus­ge­schlos­sen wür­de. Eine ent­spre­chen­de Klau­sel gelang­te 2008 im Nach­gang an die Wahl von Eve­li­ne Wid­mer-Schlumpf in die Par­tei­sta­tu­ten.

Umstrittene SVP-Regelung

Die Rege­lung in den SVP-Sta­tu­ten ist umstrit­ten. Der Staats­recht­ler Phil­ip­pe Mastro­nar­di hält sie gar für ver­fas­sungs­wid­rig, weil sie die Wahl­frei­heit der Bun­des­ver­samm­lung in unzu­läs­si­ger Wei­se ein­schrän­ke, wie er jüngst in einem NZZ-Gast­kom­men­tar fest­hielt. Rein for­mal ist die Bun­des­ver­samm­lung selbst­ver­ständ­lich nicht an die SVP-Sta­tu­ten gebun­den, sie kann wäh­len, wen sie will. Weder die Kon­kor­danz, noch die Zau­ber­for­mel sind irgend­wo fest­ge­schrie­ben. Fak­tisch trägt die­se Klau­sel aber sehr wohl dazu bei, dass nur offi­zi­el­le Kan­di­da­ten gewählt wer­den. Dies weni­ger, weil es das Par­la­ment bin­det, aber weil der Druck auf nicht-offi­zi­el­le SVP-Kan­di­da­ten rie­sig wird, sich ent­we­der aus dem Ren­nen zu neh­men oder aber eine all­fäl­li­ge Wahl aus­zu­schla­gen.

Lange Zeit nur Einerkandidaturen

Lan­ge Zeit gab es  in der Schweiz nur Ein­zel­no­mi­na­tio­nen für den Bun­des­rat: zwi­schen 1919 und 1979 schlu­gen die Par­tei­en aus­nahms­los einen ein­zi­gen Kan­di­da­ten für einen frei­wer­den­den Sitz im Bun­des­rat vor. 

Die­se Gewohn­heit wur­de 1979 bei der Nach­fol­ge von Rudolf Gnä­gi durch­bro­chen, als mit der SVP erst­mals eine Par­tei mit zwei Kan­di­da­ten antrat. Dies des­halb, weil inner­halb der SVP Unmut über den Dau­er­an­spruch der Ber­ner SVP auf einen Bun­des­rats­sitz ent­stan­den war. Um die Wogen zu glät­ten, stell­te die Par­tei eine Dop­pel­kan­di­da­tur auf. Gewählt wur­de der Bünd­ner Leon Schlumpf, Vater von Eve­li­ne Wid­mer-Schlumpf.

Fünf Jah­re spä­ter prä­sen­tier­te auch die  FDP nach dem Rück­tritt von Rudolf Fried­rich ein Zwei­er­ti­cket, bestehend aus einer Frau und einem Mann. Gewählt wur­de Eli­sa­beth Kopp, die ers­te Bun­des­rä­tin.

Ab 1993 wur­den Zwei­er­ti­ckets zur Norm, für die Nach­fol­ge von Fla­vio Cot­ti prä­sen­tier­te die CVP sogar drei offi­zi­el­le Kan­di­da­ten. Nur ein­mal wich eine Par­tei seit­her von die­sem neu­en Sys­tem ab: Die CVP schlug 2006 für die Nach­fol­ge von Josef Deiss ein­zig ihre Par­tei­prä­si­den­tin Doris Leu­thard zur Wahl vor, die dann  auch gewählt wur­de. 

Abbildung 1: Anzahl offizieller Kandidaturen

Jeder fünfte offizielle Kandidat wurde nicht gewählt

In der Ver­gan­gen­heit wur­den aller­dings regel­mäs­sig nicht die offi­zi­el­len Kan­di­da­ten gewählt. In den letz­ten 100 Jah­ren wähl­te das Par­la­ment in einem von fünf Fäl­len kei­nen offi­zi­el­len Kan­di­da­ten. Neben Eve­li­ne Wid­mer-Schlumpf (Wahl 2007) und Samu­el Schmid (2000) von der SVP waren dies in jüngs­ter Zeit etwa die Sozi­al­de­mo­kra­ten Otto Stich (1983) und sein Vor­gän­ger Wil­li Rit­s­chard (1973), der Christ­de­mo­krat Hans Hür­li­mann (1973) sowie der Frei­sin­ni­ge Geor­ges-André Che­val­laz (1973).

Dabei gibt es einen kla­ren Zusam­men­hang zwi­schen der Zahl der Kan­di­da­ten und den Wahl­chan­cen der offi­zi­el­len Kan­di­da­ten. In der Zeit, als die Par­tei­en nur Ein­er­kan­di­da­tu­ren prä­sen­tier­ten, wur­den offi­zi­el­le Kan­di­da­ten deut­lich häu­fi­ger über­gan­gen. Bei den 55 Wah­len, bei denen die Par­tei­en nur eine Per­son zur Wahl vor­schlu­gen, wähl­te die Bun­des­ver­samm­lung in zwölf Fäl­len einen nicht-offi­zi­el­len Kan­di­da­ten (22%). Bei den 15 Dop­pel­kan­di­da­tu­ren kam es bis­her nur ein ein­zi­ges Mal vor, dass kei­ner der offi­zi­el­len Kan­di­da­ten ins Amt gewählt wur­de. Dies war im Dezem­ber 2000, als die Bun­des­ver­samm­lung an Stel­le der offi­zi­el­len SVP-Kan­di­da­ten Rita Fuh­rer und Roland Eber­le den Ber­ner Samu­el Schmid als Nach­fol­ger von Adolf Ogi bestimm­te.

Abbildung 2: 

Offizielle Kandidaten

 
Am häufigsten traf es die SP, am seltensten die FDP

Alle gros­sen Par­tei­en waren schon von Nicht-Wah­len ihrer offi­zi­el­len Kan­di­da­ten betrof­fen. Bei der SP wur­den bei vier von 15 Vakan­zen (27%) nicht die offi­zi­el­len Kan­di­da­ten gewählt, wobei einer davon Fran­cis Mat­they war, der die Wahl nicht antrat. Bei der SVP war dies in zwei von elf Fäl­len der Fall (18%). Zum einen bei der bereits erwähn­ten Wahl von Samu­el Schmid und zum ande­ren, als Eve­li­ne Wid­mer-Schlumpf im Dezem­ber 2007 anstel­le von Chris­toph Blo­cher gewählt wur­de.

Die CVP traf es drei­mal, das letz­te Mal 2003, als Ruth Metz­ler von Chris­toph Blo­cher aus dem Amt ver­drängt wur­de. Die FDP muss­te vier Mal eine Nie­der­la­ge ihrer offi­zi­el­len Bun­des­rats­kan­di­da­tu­ren hin­neh­men. Die FDP stell­te bis­her ins­ge­samt am meis­ten Bun­des­rä­te, pro­zen­tu­al wur­den auch am häu­figs­ten ihre offi­zi­el­len Kan­di­da­ten gewählt. 

Par­teiOffi­zi­el­ler Kan­di­dat nicht gewähltOffi­zi­el­ler Kan­di­dat gewähltTotalAnteil nicht-offi­zi­el­ler Kan­di­da­ten in %
CVP3141718 %
FDP4232715 %
SP4111527 %
SVP291118 %
Total13577019 %
Druck zuerst von der SP

His­to­risch betrach­tet war es nicht die SVP, son­dern die SP, die am hef­tigs­ten gegen die­se Pra­xis der Nicht­wahl von offi­zi­el­len Kan­di­da­tu­ren auf­be­gehr­te. Die SP ebne­te den Weg für den neu­en Modus bei Bun­des­rats­wah­len. Zu rumo­ren begann es bei der Wahl für die Nach­fol­ge von Wil­li Rit­s­chard 1983, da die Bun­des­ver­samm­lung Otto Stich der von der SP nomi­nier­ten Lili­an Uch­ten­ha­gen vor­zog. In der Fol­ge dis­ku­tier­te die SP inten­siv über einen Aus­tritt aus dem Bun­des­rat. Doch sie blieb.

1993 kam es erneut zu einer höchst umstrit­te­nen Wahl. Die SP nomi­nier­te für die Nach­fol­ge von Bun­des­rat René Fel­ber die Gen­fe­rin Chris­tia­ne Brun­ner. Doch die Bun­des­ver­samm­lung wähl­te statt der offi­zi­el­len Kan­di­da­tin der SP den Neu­en­bur­ger Fran­cis Mat­they. Er war nicht nomi­niert und schlug die Wahl nicht zuletzt auf Grund von par­tei­in­ter­nem Druck und Pro­tes­ten auf der Stras­se aus. In der Fol­ge prä­sen­tier­te die SP mit Ruth Drei­fuss und der bereits ein­mal unter­le­ge­nen Chris­tia­ne Brun­ner ein Zwei­er­ti­cket. Das war zwar nur auf dem Papier eine Aus­wahl, doch die SP erreich­te damit, dass eine Kan­di­da­tin ihrer Wahl in den Bun­des­rat gewählt wur­de.

Auch die SVP fühl­te sich des­avou­iert, als 2000 mit Samu­el Schmid nicht einer der offi­zi­el­len SVP-Kan­di­da­ten gewählt wur­de, obwohl sie der Bun­des­ver­samm­lung eine Aus­wahl bot. Für die SVP end­gül­tig das Fass zum Über­lau­fen brach­te die Wahl von Eve­li­ne Wid­mer-Schlumpf anstel­le von Chris­toph Blo­cher. Bei die­ser Wahl wur­de erst­ma­lig ein amtie­ren­der Bun­des­rat zu Guns­ten einer nicht offi­zi­el­len Kan­di­da­tur aus der glei­chen Par­tei nicht wie­der­ge­wählt. Die SVP erhöh­te danach den Druck auf mög­li­che Spreng­kan­di­da­ten sowie auf ande­re Par­tei­en, indem sie mit einer Sta­tu­ten­än­de­rung den bereits erwähn­ten auto­ma­ti­schen Par­tei­aus­schluss fest­leg­te.

Einschränkung der Wahlfreiheit

Für die Par­tei­en, die einen neu­en Bun­des­rats­sitz beset­zen wol­len, bie­ten Zwei­er­ti­ckets mehr Sicher­heit, sel­ber zu bestim­men, wer gewählt wird. Dies ist wohl auch der Grund, war­um das nun so ver­brei­tet ist. Damit trägt die ver­meint­li­che Aus­wahl jedoch zur fak­ti­schen Ein­schrän­kung der Wahl­frei­heit des Par­la­men­tes bei, denn zur Wahl ste­hen nur noch zwei Per­so­nen. 

Ob dies in Zukunft zum Pro­blem wird, bleibt abzu­war­ten. Ist die Wahl offi­zi­el­ler Kan­di­da­ten nicht garan­tiert, ste­hen Par­tei­en unter Druck, Kan­di­da­ten zu prä­sen­tie­ren, die auch ande­ren Par­tei­en genehm sind, ähn­lich wie das auch bei einer Volks­wahl der Fall wäre. Ins­be­son­de­re die Pol­par­tei­en sind gezwun­gen, Kan­di­da­ten auf­zu­stel­len, wel­che von ihrer Per­sön­lich­keit und ihrem poli­ti­schen Pro­fil her mehr­heits­fä­hig sind. Kön­nen die Par­tei­en fak­tisch sel­ber bestim­men, wer gewählt wird, spielt es mehr eine Rol­le, wer in der eige­nen Par­tei am bes­ten abge­stützt ist, Kol­le­gia­li­tät und Akzep­tanz bei ande­ren Par­tei­en wer­den weni­ger rele­vant. Ob dies dem Funk­tio­nie­ren der Kon­kor­danz dien­lich ist, bleibt abzu­war­ten.


Foto: www.admin.ch

Print Friendly, PDF & Email