Wählerverhalten im
Wandel

Die SP wan­del­te sich in den letz­ten 40 Jah­ren von einer Unter­schichts- zu einer Mit­tel­schichts­par­tei. Mit­te der 1990er Jah­re beweg­te sich die SVP-Wäh­ler­schaft sprung­haft nach rechts. Rela­tiv sta­bil zeigt sich die Wäh­ler­schaft der Mit­te­par­tei­en.

Wahlen und Waehlerschaft

Der Wan­del der Par­tei- und Wahl­land­schaft lässt sich auf drei ver­schie­de­nen Ebe­nen nach­zeich­nen: Ers­tens kann sich das indi­vi­du­el­le Wahl­ver­hal­ten ändern. Zwei­tens kön­nen Ver­än­de­run­gen der Wäh­ler­schaft durch einen Wan­del der Gesell­schafts­struk­tur bedingt sein. Und drit­tens kön­nen poli­ti­sche Par­tei­en durch Neu­po­si­tio­nie­run­gen Wan­del pro­vo­zie­ren. Unser Bei­trag folgt dem soge­nann­ten bot­tom-up-Ansatz, der Wan­del anhand des indi­vi­du­el­len Wäh­ler­ver­hal­tens und nicht anhand par­tei­po­li­ti­scher Struk­tu­ren erklärt. Dabei stüt­zen wir uns auf den Daten­satz zu den Nach­wahl­be­fra­gun­gen der Swiss Elec­to­ral Stu­dies (Selec­ts), mit dem wir lang­fris­ti­ge Ent­wick­lun­gen der Wäh­ler­schaft zwi­schen 1971 und 2011 nach­zeich­nen kön­nen.

Unser Bei­trag betrach­tet die Ent­wick­lung der Par­tei­wäh­ler­schaft im gesell­schaft­li­chen Kon­text. Der Wan­del der Wäh­ler­schaft einer Par­tei – so die Über­le­gung – ist von ande­rer Bedeu­tung, wenn er sich par­al­lel zur gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung bewegt als wenn er die­ser ent­ge­gen­läuft. Im unter­such­ten Zeit­raum von 40 Jah­ren hat sich nicht nur die Poli­tik, son­dern auch die Gesell­schaft ver­än­dert. Für die Fra­ge nach Sta­bi­li­tät oder Wan­del der Wäh­ler­schaft der ein­zel­nen Par­tei­en müs­sen die­se Ent­wick­lun­gen berück­sich­tigt wer­den. Wir haben die Wäh­ler­schaf­ten hin­sicht­lich Eigen­schaf­ten und Ein­stel­lun­gen unter­sucht, die in der klas­si­schen Wahl­for­schung zur Anwen­dung kom­men. Hier­zu zäh­len sozio-öko­no­mi­sche Indi­ka­to­ren wie Alter, sozia­le Schicht oder Zuge­hö­rig­keit zu einer Kon­fes­si­ons- oder Sprach­grup­pe sowie Ein­stel­lun­gen zu poli­ti­schen Sach­the­men. Die jewei­li­ge Posi­ti­on der Gesell­schaft haben wir durch den Durch­schnitts­wert der gesam­ten Wahl­po­pu­la­ti­on bestimmt. Nach­fol­gend wer­den die drei auf­fäl­ligs­ten Resul­ta­te prä­sen­tiert.

Die SP – von der Arbeiter- zur Mittelschichtspartei

Die Wäh­ler­schaft der SP wan­delt sich ins­be­son­de­re hin­sicht­lich sozio­öko­no­mi­scher Zusam­men­set­zung rela­tiv deut­lich (Abbil­dung 1). Wäh­rend der Durch­schnitts­wäh­ler der ande­ren vier unter­such­ten Par­tei­en im Ver­gleich zur Ent­wick­lung der Gesell­schaft sta­bil unter­durch­schnitt­lich (SVP, CVP) oder über­durch­schnitt­lich (FDP, GP) gebil­det bleibt, ver­än­dert er sich bei der SP vom unter­durch­schnitt­lich zum über­durch­schnitt­lich gebil­de­ten Wäh­ler. Hin­sicht­lich Ein­kom­men lässt sich eine ähn­li­che, wenn auch nicht gleich poin­tier­te Ent­wick­lung fest­stel­len. Hier kommt die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Wäh­ler­schaft nahe der Durch­schnitts­wäh­le­rin zu lie­gen. Die SP hat sich also in den letz­ten 40 Jah­ren zu einer Par­tei gewan­delt, wel­che die neue Mit­tel­klas­se anspricht. Eine inter­es­san­te Ent­wick­lung bezüg­lich Bil­dung zeigt auch die SVP-Wäh­ler­schaft, die sich ab den 1990er Jah­ren vom durch­schnitt­li­chen Bil­dungs­ni­veau leicht gegen unten ent­fernt. Ein Indiz dafür, dass die SVP mit zuneh­men­der Wäh­ler­stär­ke auch ihr Kli­en­tel durch Per­so­nen mit tie­fe­ren Bil­dungs­ab­schlüs­sen erwei­tert hat.

Entwicklung der Bildungsniveaus im Vergleich zum Durchschnittswähler

Waehlerschaft

Die CVP – stabile katholische Klientel

Ein wich­ti­ger sozio­kul­tu­rel­ler Fak­tor in der Geschich­te der Schwei­zer Poli­tik ist die Kon­fes­si­on. Zwar gilt der Kon­flikt zwi­schen der katho­li­schen und der refor­mier­ten Bevöl­ke­rung in der Poli­tik als weit­ge­hend ent­schärft, die Stamm­wäh­ler­schaft der CVP scheint sich aber nach wie vor über die Kon­fes­si­ons­zu­ge­hö­rig­keit zu defi­nie­ren. Dar­auf wei­sen auch unse­re Resul­ta­te hin: Obwohl sich die Gesell­schaft (hier gemes­sen anhand der Gesamt­wäh­ler­schaft) in den letz­ten 40 Jah­ren stark säku­la­ri­siert – sowohl der Pro­tes­tan­ten- als auch der Katho­li­ken­an­teil neh­men ste­tig ab – bleibt die CVP-Wäh­ler­schaft sta­bil katho­lisch. Die CVP schafft es also nicht, sich zu einer über­kon­fes­sio­nel­len Par­tei zu ent­wi­ckeln, wäh­rend sich etwa die FDP- oder die SVP-Wäh­ler­schaft hin­sicht­lich ihrer Kon­fes­si­ons­an­tei­le dem Gesell­schafts­schnitt angleicht. Wäh­rend sich dies bei der FDP ste­tig voll­zieht, beginnt der Wan­del bei der ursprüng­lich vor allem in den pro­tes­tan­ti­schen Gebie­ten der Schweiz stark ver­an­ker­ten SVP erst in den 1990er Jah­ren und scheint ab 2011 voll­zo­gen zu sein. Erst dann ist die SVP-Wäh­ler­schaft nicht mehr signi­fi­kant pro­tes­tan­ti­scher als die Durch­schnitts­wäh­le­rin. Für SP und GP spielt die Kon­fes­si­on inso­fern (k)eine Rol­le, als dass die Wäh­ler­schaf­ten bei­der Par­tei­en seit den 1990er Jah­ren über­durch­schnitt­li­che Antei­le an Kon­fes­si­ons­lo­sen auf­wei­sen.

Die SVP – Wandel nach Rechts

Die Ein­ord­nung in ein Links-Rechts-Kon­ti­nu­um auf einer fik­ti­ven Ska­la zwi­schen 0 (ganz links) und 10 (ganz rechts) ist eine Stan­dard­va­ria­ble bei poli­ti­schen Befra­gun­gen. Durch­aus auch umstrit­ten, leis­tet die Mes­sung der poli­ti­schen Ver­or­tung auf einem Kon­ti­nu­um gute Diens­te, weil poli­tisch inter­es­sier­te Per­so­nen in der Regel sich sel­ber und Par­tei­en pro­blem­los ein­ord­nen kön­nen. Unse­re Ana­ly­se zeigt auf den ers­ten Blick hohe Sta­bi­li­tät: Der Schwei­zer Durch­schnitts­wäh­ler posi­tio­niert sich kon­stant in der Mit­te zwi­schen den bei­den Blö­cken, wobei sich die Wäh­ler­schaf­ten von SP und GP jeweils links und jene der CVP, der FDP und der SVP per­ma­nent rechts vom Durch­schnitts­wäh­ler ein­ord­nen (sie­he Abbil­dung 2). Wir kön­nen hier also von hoher Sta­bi­li­tät, ja gar von ein­ge­fro­re­nen Posi­tio­nen spre­chen.

Auf den zwei­ten Blick muss die­se Schluss­fol­ge­rung aller­dings rela­ti­viert wer­den. Ab 1995 lässt sich näm­lich eine deut­li­che Aus­dif­fe­ren­zie­rung im einst recht homo­ge­nen bür­ger­li­chen Lager beob­ach­ten. Es ist dabei vor allem die SVP-Wäh­ler­schaft, die sich deut­lich nach rechts und weg vom Durch­schnitts­wäh­ler bewegt. Der Wan­del der CVP-Wäh­ler­schaft Rich­tung Mit­te hin zum Durch­schnitts­wäh­ler ist weit weni­ger pro­non­ciert. Der 2011 erfolg­te Rechts­rutsch der FDP-Wäh­ler­schaft, die sich ansons­ten rela­tiv sta­bil zeigt, dürf­te sich auch mit der Fusi­on mit der Libe­ra­len Par­tei erklä­ren las­sen. Im links-grü­nen Lager kann die Bewe­gung der Grü­nen nach links dadurch erklärt wer­den, dass sich die GP von einer Ein­the­men- zu einer Mehrthe­men­par­tei ent­wi­ckelt hat. Ins­ge­samt lässt sich also bei der Ent­wick­lung der Wäh­ler­schaf­ten eine zuneh­men­de Pola­ri­sie­rung beob­ach­ten.

Entwicklung der Wählerschaften im Links-Rechts-Kontinuum

Waehlerschaft

Ändert es sich, oder bleibt es wie es ist?

Unse­re Befun­de decken sich mit frü­he­ren Beob­ach­tun­gen. Es bleibt die Fra­ge, wel­che Aus­wir­kun­gen der Wan­del der Wäh­ler­schaft auf den Wahl­er­folg der Par­tei­en hat. Inwie­fern zum Bei­spiel der SP der wei­te­re Ver­lust ihres ursprüng­li­chen Arbei­ter­mi­lieus sowie die Abwan­de­rung des tra­di­tio­nel­len Mit­tel­stands droht, oder ob sie mit einem rela­tiv neu­en Wäh­ler­kli­en­tel aus sozio­kul­tu­rel­len Spe­zia­lis­tin­nen (etwa Leh­rer, Ärz­tin­nen, Sozi­al­ar­bei­ter) Aus­sicht auf Erfolg hat, wird die Zukunft wei­sen. Nicht zuletzt bleibt abzu­war­ten, ob es der CVP auch wei­ter­hin gelingt, ihre Stamm­wäh­ler­schaft trotz – oder gera­de wegen – den struk­tu­rel­len Ent­wick­lun­gen hin zu einer kon­fes­si­ons­lo­sen Gesell­schaft zu hal­ten. Offen bleibt auch, ob der Rechts­rutsch der SVP-Wäh­ler­schaft abge­schlos­sen ist.

Zwar wei­sen die drei beschrie­be­nen Resul­ta­te auf eine gewis­se Ver­än­de­rung hin. Die Mehr­heit unse­rer hier nicht rap­por­tie­ren Befun­de für alle ande­ren unter­such­ten, mög­li­cher­wei­se die Wahl bestim­men­den Indi­ka­to­ren zeigt für die Wäh­ler­schaft der ver­schie­de­nen Par­tei­en aller­dings etwas typisch Schwei­ze­ri­sches, näm­lich bemer­kens­wer­te Sta­bi­li­tät.

Hin­weis: Die­ser Text erschien auch in « Uni­Press – das Wis­sen­schafts­ma­ga­zin »(Heft-Nr. 165). 


Refe­renz: 

  • Bühl­mann, Marc und Mar­lè­ne Ger­ber (2015): Von der Unter­schichts­par­tei zur Par­tei des geho­be­nen Mittel­stands? Sta­bi­li­tät und Wan­del der Wäh­ler­schaf­ten der Sozi­al­de­mo­kra­ten und ande­rer gros­ser Schwei­zer Par­tei­en zwi­schen 1971 und 2011, in: Mar­kus Frei­tag und Adri­an Vat­ter (Hrsg.): Wah­len und Wäh­ler­schaf­ten in der Schweiz. Ana­ly­sen anläss­lich der Eid­ge­nös­si­schen Wah­len 2015. Zürich, NZZ Ver­lag.

Foto: DeFac­to

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