Parteien sind polarisiert, die Gesellschaft ist es nicht

Als Pol-Par­tei­en poli­ti­sie­ren SVP und SP radi­ka­ler als die gros­sen Par­tei­en in ande­ren euro­päi­schen Län­dern. Zieht sich also ein tie­fer Gra­ben durch unse­re Gesell­schaft – auf der einen Sei­te die frem­den­feind­li­chen, auf der ande­ren die welt­of­fe­nen Schwei­zer? Die Fak­ten sehen anders aus.

Wahlen und Waehlerschaft

Fast nir­gend­wo in den euro­päi­schen Demo­kra­ti­en sind die pro­gram­ma­ti­schen Posi­tio­nen der gros­sen Par­tei­en so weit von­ein­an­der ent­fernt wie in der Schweiz. In der neue­ren Par­tei­en­for­schung wer­den drei gros­se Kon­flik­te benannt, die unse­re euro­päi­schen Gesell­schaf­ten prä­gen: Ers­tens zwi­schen mehr und weni­ger Staats­ein­grif­fen in Wirt­schaft und Gesell­schaft. Zwei­tens zwi­schen liber­tä­ren und kon­ser­va­tiv-auto­ri­tä­ren Wer­ten. Und schliess­lich drit­tens zwi­schen einer inter­na­tio­na­len Öff­nung oder Schlies­sung des Lan­des. Dazu gehö­ren ins­be­son­de­re die EU-Debat­te sowie Migra­ti­ons­fra­gen. Ent­lang die­ser drei Dimen­sio­nen – und ganz beson­ders ent­lang der Dimen­si­on Öff­nung-Schlies­sung – ist die Schweiz stark pola­ri­siert. Dabei ist ein Pol durch die stim­men­star­ke SVP besetzt, der ande­re durch die SP und die Grü­nen.

Für die­se Pola­ri­sie­rung und die star­ke Posi­ti­on der SVP wer­den häu­fig zwei Erklä­run­gen ange­bo­ten. Die Schweiz sei als Son­der­fall auch heu­te noch ein kul­tu­rell-poli­tisch tief gespal­te­nes Land. Die ein­zel­nen Grup­pen hät­te ganz ande­re Wer­te und Zie­le, die von den Par­tei­en unver­fälscht reprä­sen­tiert wür­den – und den­noch habe man gelernt, kon­struk­tiv mit­ein­an­der umzu­ge­hen. Weni­ger herz­wär­mend ist eine zwei­te Inter­pre­ta­ti­on: Die Pola­ri­sie­rung der Par­tei­en ent­spre­che der Pola­ri­sie­rung der Gesell­schaft. Weil sich die Bür­ger in der Fra­ge der Abschot­tung des Lan­des und der Ein­stel­lung zu Aus­län­dern in zwei Grup­pen spal­te­ten und im Durch­schnitt die Frem­den­feind­lich­keit eben hier­zu­lan­de sehr aus­ge­prägt sei, mach­ten auch Par­tei­en mit frem­den­feind­li­cher Pro­gram­ma­tik im inter­na­tio­na­len Ver­gleich vie­le Stim­men. Die Zusam­men­hän­ge sind jedoch kom­pli­zier­ter und sie pas­sen nicht in das Bild der kul­tu­rell tief gespal­te­nen oder der beson­ders xeno­pho­bielas­ti­gen Schweiz.

 Fremdenfreundliche und weltoffene Schweizer

Die SVP wird mit weni­gen Aus­nah­men in der Par­tei­en­for­schung zusam­men mit dem Front Natio­nal oder den öster­rei­chi­schen Frei­heit­li­chen als rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei klas­si­fi­ziert. Weil die Schweiz eine beson­ders gros­se rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei hat, könn­te man auch auf eine beson­ders gros­se Grup­pe von Bür­gern mit sehr rech­ten Ein­stel­lun­gen schlies­sen. Das rela­tiv gerin­ge Aus­mass der Frem­den­feind­lich­keit in der Schweiz und die schwa­che Pola­ri­sie­rung in die­ser Fra­ge wer­den dabei jedoch über­se­hen. Wir haben den European Soci­al Sur­vey (ESS) aus­ge­wer­tet und gefragt, wie stark frem­den­feind­li­che Aus­sa­gen unter­stützt wer­den und wie tief der Ein­stel­lungs­gra­ben in die­ser Fra­ge ist. Nur in Schwe­den, Finn­land und Däne­mark waren die Bevöl­ke­rungs­mit­tel­wer­te auf der Frem­den­feind­lich­keits­ska­la gerin­ger, dafür in zwölf euro­päi­schen Län­dern höher. Spit­zen­rei­ter waren Öster­reich und Grie­chen­land.

Den­noch ist Xeno­pho­bie in der Schweiz kei­ne quan­tité nég­li­ge­ab­le. Immer­hin fast ein Vier­tel der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger stim­men der Aus­sa­ge zu, dass es sich in der Schweiz wegen der Zuwan­de­rer schlech­ter leben lässt. In ande­ren Län­dern ist die­ser Pro­zent­satz frei­lich noch viel höher. In Öster­reich ist fast die Hälf­te die­ser Mei­nung. Unse­re Daten las­sen des­halb ver­mu­ten, dass in den ande­ren Län­dern Vor­la­gen wie Mina­rett- oder Mas­sen­ein­wan­de­rungs­in­itia­ti­ven noch wuch­ti­ger unter­stützt wor­den wären, wenn es dort direkt­de­mo­kra­ti­sche Abstim­mun­gen gäbe.

Schlechte Voraussetzungen für Rechtspopulisten

Auch der Gra­ben zwi­schen den eher frem­den­feind­li­chen und den eher frem­den­freund­li­chen Grup­pen ist viel weni­ger tief als in den meis­ten ande­ren Län­dern. Die Schwei­zer Wäh­ler und Wäh­le­rin­nen wei­sen nach den Nie­der­län­dern und Fin­nen die tiefs­te Pola­ri­sie­rung auf (sie­he Abbil­dung). Wir mes­sen dabei die Pola­ri­sie­rung als Streu­ung der Ein­stel­lungs­wer­te aller Befrag­ten. Die Vor­aus­set­zun­gen für eine pola­ri­sie­ren­de rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei in der Schweiz sind des­halb beson­ders unvor­teil­haft. Dies erstaunt, weil hier­zu­lan­de Abstim­mun­gen mit xeno­pho­ben Aus­rich­tun­gen sehr erfolg­reich waren und das Land ver­meint­lich in zwei Lager spal­te­ten. Die­se Spal­tung ist aber nur auf der Par­tei­ebe­ne sicht­bar – hier dafür umso deut­li­cher. Wir berech­nen die Pola­ri­sie­rung des Par­tei­en­sys­tems als Dif­fe­renz eines auf Par­tei­pro­gram­ma­ti­ken basie­ren­den Index­wer­tes der jewei­li­gen Pol­par­tei­en. Mit der SVP als kla­rer Ein­wan­de­rungs­geg­ne­rin und einer SP, die stär­ker als ande­re euro­päi­sche Sozi­al­de­mo­kra­ti­en die Befür­wor­ter-Rol­le ein­nimmt, ist das Schwei­zer Par­tei­en­sys­tem so pola­ri­siert wie kaum in einem ande­ren west­eu­ro­päi­schen Land. Ledig­lich Öster­reich weist einen höhe­ren Pola­ri­sie­rungs­grad auf der Par­tei­ebe­ne auf. Aus­wer­tun­gen zu den zwei ande­ren gros­sen poli­ti­schen Kon­flik­ten unse­rer Zeit zei­gen ein ähn­li­ches Bild: Obwohl die Posi­tio­nen der Par­tei­en weit aus­ein­an­der­lie­gen, sind die Wäh­ler und Wäh­le­rin­nen im inter­na­tio­na­len Ver­gleich gar nicht so uneins – mit Pola­ri­sie­rungs­wer­ten im euro­päi­schen Mit­tel­feld. Unser Koket­tie­ren mit der kul­tu­rell tief gespal­te­nen und den­noch so har­mo­ni­schen Gesell­schaft hat also mit der Gegen­wart wenig zu tun.

Die strategische Leistung der SVP

Wenn die SVP als rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei in der Schweiz kei­ne beson­ders güns­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen für einen Auf­stieg hat, wie kann man dann ihre pro­gram­ma­ti­schen Ent­schei­dun­gen und ihren Wahl­er­folg erklä­ren? Es liegt auf der Hand, dass die direk­te Demo­kra­tie vie­ler­lei Chan­cen bie­tet, das begrenz­te rechts­po­pu­lis­ti­sche Poten­zi­al zu mobi­li­sie­ren. Eben­so ist offen­kun­dig, dass sich die SVP-Wäh­ler­schaft zusätz­lich zum rechts­po­pu­lis­ti­schen Kern auch aus der tra­di­tio­nel­len pro­tes­tan­tisch-wert­kon­ser­va­ti­ven Grup­pe zusam­men­setzt. Ein drit­tes Ele­ment kommt hin­zu: Wie kaum einer ande­ren euro­päi­schen Par­tei ist es der SVP gelun­gen, den neu­en und zen­tra­len poli­ti­schen Kon­flikt zwi­schen Öff­nung und Schlies­sung, zwi­schen «unse­re Gemein­schaft» und «die ande­ren» prä­zi­se zu the­ma­ti­sie­ren und zum Kern­pro­gramm zu machen. So konn­te sie im inter­na­tio­na­len Ver­gleich aus einer wenig pola­ri­sier­ten Wäh­ler­schaft mit ins­ge­samt gerin­ger Nei­gung zur Frem­den­feind­lich­keit sehr erfolg­reich und effi­zi­ent jene gewin­nen, die sich durch Glo­ba­li­sie­rung, Euro­päi­sie­rung und Ero­si­on natio­nal­staat­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät beson­ders bedroht füh­len. In die­sem Sin­ne ist die SVP Meis­te­rin im Her­aus­sor­tie­ren ihrer Wäh­ler­schaft aus dem Pool einer ins­ge­samt ziem­lich ein­heit­li­chen Wäh­ler­schaft. Die Befür­wor­ter einer offe­nen Schweiz sam­meln sich im Gegen­zug im lin­ken Lager, womit die SVP mit ihrer kla­ren Posi­tio­nie­rung auch über die Par­tei­gren­zen hin­weg Ein­fluss auf das Par­tei­en­sys­tem der Schweiz aus­übt. Die Abbil­dung illus­triert dies gut. Trotz gerin­ger Pola­ri­sie­rung der Gesamt­wäh­ler­schaft weist die Schweiz im Ver­gleich zu ande­ren euro­päi­schen Län­dern eine hohe Pola­ri­sie­rung der Par­tei­wäh­ler­schaf­ten auf; nur in 4 von 15 Län­dern sind die Par­tei­wäh­ler­schaf­ten noch pola­ri­sier­ter. Dies bedeu­tet, dass sich die Mei­nung eines durch­schnitt­li­chen SVP-Wäh­lers im Öff­nungs-Schlies­sungs­kon­flikt in einem hohe Mas­se von der Mei­nung eines durch­schnitt­li­chen SP-Wäh­lers unter­schei­det.

Polarisierung der Gesamt- und Parteiwählerschaft

Polarisierung

INFOBOX: Erklä­run­gen zur Abbil­dung

Die Abbil­dung zeigt die Ein­stel­lun­gen der Schwei­zer Wäh­le­rin­nen und Wäh­ler zur Fra­ge der Öff­nung respek­ti­ve Schlies­sung des Lan­des im Ver­gleich mit den Wäh­le­rin­nen und Wäh­lern aus Öster­reich (AT) Bel­gi­en (BE), Deutsch­land (DE), Däne­mark (DK), Spa­ni­en (ES), Finn­land (FI), Frank­reich (FR), Gross­bri­tan­ni­en (GB), Grie­chen­land (GR), Irland (IE), Nie­der­lan­den (NL), Nor­we­gen (NO), Por­tu­gal (PT) und Schwe­den (SE). 

Die gesam­te Wäh­ler­schaft der Schweiz unter­schei­det sich ver­gleichs­wei­se schwach («Pola­ri­sie­rung der Gesamt­wäh­ler­schaft») – aller­dings unter­schei­den sich in der Schweiz die Mei­nun­gen zwi­schen den Wäh­ler­schaf­ten ein­zel­ner Par­tei­en ver­gleichs­wei­se stark («Pola­ri­sie­rung der Par­tei­wäh­ler­schaf­ten»).

Quel­le: Eige­ne Berech­nun­gen auf Basis der ESS-Umfra­gen, Run­den 3 bis 6.

 Wäh­rend sich die Öff­nungs­geg­ner und -befür­wor­ter in Län­dern ohne rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei (wie Spa­ni­en, Gross­bri­tan­ni­en oder Schwe­den vor dem Wahl­er­folg der UKIP resp. der Schwe­den­de­mo­kra­ten) auf ver­schie­de­ne Par­tei­en ver­tei­len und somit die Wäh­ler und Wäh­le­rin­nen inner­halb einer Par­tei sehr unter­schied­li­che Mei­nun­gen zur Öff­nung-Schlies­sungs­fra­ge ver­tre­ten, sorgt eine rechts­po­pu­lis­ti­sche Par­tei wie die SVP trotz mode­ra­ter Pola­ri­sie­rung in der Gesamt­wäh­ler­schaft für ein­heit­li­che­re Par­tei­wäh­ler­schaf­ten und damit für sicht­ba­re­re Dif­fe­ren­zen zwi­schen den zwei Lagern. Da die SVP oft mit Kon­zep­ten des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts arbei­tet, wird leicht über­se­hen, dass ihre stra­te­gi­schen Leis­tun­gen bei der The­ma­ti­sie­rung gros­ser und rela­tiv neu­er Kon­flik­te sie zur moderns­ten Par­tei der Schweiz machen. Ver­gleichs­wei­se hilf­los und alter­tüm­lich wir­ken dage­gen die CVP, deren Grün­dungs­kon­flikt die gesell­schaft­li­che Moder­ni­sie­rung weg­ge­schlif­fen hat, und die FDP, die Schwie­rig­kei­ten hat, sich zu einer dezi­dier­ten Pro­gram­ma­tik durch­zu­rin­gen. Und der Sozi­al­de­mo­kra­tie fällt die Posi­ti­on des Gegen­pols zur SVP fast in den Schoss, ohne dass sie selbst viel dazu tun muss.

Hin­weis: Die­ser Text erschien auch in « Uni­Press – das Wis­sen­schafts­ma­ga­zin » (Heft-Nr. 165). Eine kür­ze­re Fas­sung des vor­lie­gen­den Bei­trags ist in der Neu­en Zür­cher Zei­tung vom 12.2.2015 publi­ziert wor­den. 


Refe­renz: 

  • Armin­ge­on, Klaus und Sarah Eng­ler (2015): Pola­ri­sie­rung als Stra­te­gie. Die Pola­ri­sie­rung des Schwei­zer Par­tei­en­sys­tems im inter­na­tio­na­len Ver­gleich, in: Mar­kus Frei­tag und Adri­an Vat­ter (Hrsg.): Wah­len und Wäh­ler­schaf­ten in der Schweiz. Ana­ly­sen anläss­lich der Eid­ge­nös­si­schen Wah­len 2015. Zürich, NZZ Ver­lag.

Foto: DeFac­to

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