Erwerbstätigkeit von Müttern in der Schweiz : Entwicklung und individuelle Faktoren

Seit 1980 hat sich die Erwerbsquote von Müttern mit Kindern im Vorschulalter fast verdreifacht. Trotz dieser ausgeprägten Veränderung zeigen sich auch heute noch starke regionale und soziodemographische Unterschiede in der Berufstätigkeit und Arbeitszeit junger Mütter. In diesem Beitrag analysieren wir die Entwicklung individueller Eigenschaften, welche die Arbeitsmarktbeteiligung von Müttern begünstigt oder erschwert haben können.

 

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Gemäss einer Publikation des BFS (Hermann und Murier, 2016) ist der Anteil der erwerbstätigen Frauen zwischen 25 und 54 Jahren mit 82,2% einer der höchsten in Europa. Bei Frauen, die Mutter mindestens eines Kinds unter 6 Jahren sind, liegt die Erwerbstätigenquote nur noch bei 70,2%. Zusätzlich dazu arbeiten Mütter mit 82,7% meistens Teilzeit. Damit belegt die Schweiz in der Rangliste der teilzeitbeschäftigten Mütter international den 2. Platz.

 

Warum also veranlasst in der Schweiz die Mutterschaft einen ansehnlichen Anteil der Frauen dazu, ihre Erwerbstätigkeit zu unterbrechen oder ihren Beschäftigungsgrad zu verringern? Unter den Faktoren, welche die berufliche Integration junger Mütter behindern, verweisen verschiedene Untersuchungen auf den Mangel an Betreuungsstrukturen für Kleinkinder und auch auf die zu hohen Kosten für die ausserfamiliäre Betreuung (Stern, Felfe und Schwab, 2014).

 

Ein anderer Faktor sei der markante Gegensatz zwischen dem 16-wöchigen Mutterschaftsurlaub und dem faktisch inexistenten Vaterschaftsurlaub, was von den ersten Wochen des Familienlebens an eine ungleiche Arbeitsteilung begünstige (Valarino, 2016). Die wirtschaftliche Teilhabe der Mütter wird über die progressive Besteuerung des Familieneinkommens zudem auch vom Steuersystem erschwert (Bütler und Ruesch, 2009). Rein finanziell betrachtet, kann es für eine Familie attraktiver sein, dass einer der Partner seinen Beschäftigungsgrad reduziert – oder sogar seine Erwerbstätigkeit aufgibt.

 

1980 war eine Mehrheit der Mütter nicht erwerbstätig

In den letzten Jahrzehnten stieg der Anteil der eine Berufstätigkeit ausübenden Mütter in der Schweiz stark an. Waren 1980 noch drei Viertel der in einer Paarbeziehung lebenden Mütter mit mindestens einem Kind im Vorschulalter nicht berufstätig, so hat sich das Verhältnis seither fast umgekehrt: 2010-2014 erklärten 64,3% der Mütter in dieser Kategorie, erwerbstätig zu sein. Zu einer starken Zunahme kam es zwischen 1990 und 2000, als der Anteil erwerbstätiger Mütter erstmals 50% überstieg. Der bezahlte Mutterschaftsurlaub wurde auf Bundesebene am 1. Juli 2005 eingeführt. Selbst wenn der Mutterschaftsurlaub bereits vorher in zahlreichen Gesamtarbeitsverträgen verankert war, veränderte dieses Gesetz dennoch den institutionellen Kontext der Erwerbsarbeit von Müttern.

 

 

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Erwerbstätigkeit von Müttern : Entwicklung individueller Faktoren

Wie wirken sich individuelle Faktoren auf die Berufstätigkeit von Müttern in der Schweiz aus und wie veränderten sich diese im Laufe der Zeit? Wir interessieren uns hier für vier Faktoren, die einen bedeutenden Einfluss haben können: die Anzahl Kinder, das Ausbildungsniveau der Lebenspartner, ihre Nationalität und ihr Zivilstand.

 

Je mehr Kinder eine Mutter hat, desto weniger arbeitet sie

 

2010-2014 steht die Erwerbsneigung von Müttern in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Anzahl der betreuten Kinder [Grafik 2]. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Mutter mit vier Kindern unter 10 Jahren erwerbstätig ist, liegt sogar um 30 Prozentpunkte tiefer als bei einer Mutter mit nur einem Kind. Im Jahr 1990 ist ein solches Gefälle nicht sichtbar; damals stellt man einen Unterschied zwischen Müttern mit einem Kind und jenen mit zwei oder mehreren Kindern fest. Für Mütter einer kinderreichen Familie ist es also schwierig einer wirtschaftlichen Tätigkeit nachzugehen, und das gilt heute noch mehr als in der Vergangenheit. Diese Entwicklung erklärt sich wahrscheinlich aus der zunehmenden Inanspruchnahme institutionalisierter Betreuungsangebote wie Kinderkrippen und Tagesmütter, deren Kosten mit jedem Kind ansteigen.

 


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Mütter mit einer tertiären Ausbildung sind häufiger erwerbstätig

 

Das Ausbildungsniveau der beiden Ehegatten oder Lebenspartner beeinflusst die Erwerbsneigung von Müttern: Über eine tertiäre Ausbildung verfügende Mütter haben höhere Chancen erwerbstätig zu sein als solche ohne Ausbildung auf dieser Stufe [Grafik 3]. Diese Unterschiede zeigen sich beim Anteil der 50% oder mehr beschäftigten Mütter noch eindeutiger.

 

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Mit anderen Worten stellt eine höhere Ausbildung einen die berufliche Integration fördernden Faktor dar, obwohl dessen Gewicht über den Zeitraum 1990-2010/14 abgenommen hat. Die benachteiligende Wirkung eines fehlenden Hochschulabschlusses bei Müttern, die mit einem über einen solchen Abschluss verfügenden Mann zusammenleben, hat jedoch seit 1990 an Bedeutung gewonnen. Die Zunahme dieses Effekts kann ebenfalls mit der wachsenden Inanspruchnahme institutioneller Betreuungslösungen erklärt werden, deren Kosten innerhalb eines Paares den Zusatznutzen des (niedrigeren) Lohns der Frau ohne Tertiärbildung in Frage stellen.

 

Schweizerinnen arbeiten häufiger

 

2010-2014 sind Mütter mit schweizerischer Staatsangehörigkeit häufiger erwerbstätig als ausländische Mütter: die Erwerbsneigung von Schweizerinnen liegt zwischen 15 und 22 Punkten höher als diejenige von Ausländerinnen, wobei die Stärke des Unterschieds davon abhängt, ob ihr Ehemann oder Lebenspartner ebenfalls Schweizer Bürger ist [Grafik 4]. Tatsächlich hängt die Wahrscheinlichkeit halbtags oder mehr zu arbeiten in erster Linie von der Nationalität des Partners ab: sie liegt bei den mit einem Ausländer zusammenlebenden Müttern höher.

 

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Obschon die Nationalität des Ehemanns oder Lebenspartners die Erwerbsneigung der Mütter 2010-14 gleichartig beeinflusst wie schon 2000, stellt man einen grundlegenden Unterschied mit der 1990 bestehenden Situation fest. Damals zeigte sich bei der Erwerbsneigung ein Gefälle nach der «Swissness», das von den ausländischen Paaren über die gemischten Paare bis zu den schweizerischen Paaren reichte, bei denen Frauen verhältnismässig am seltensten arbeiteten.

 

Geringere Erwerbsneigung verheirateter Mütter

 

In einer Konsensualpartnerschaft lebende Mütter arbeiten häufiger als verheiratete Mütter. Hier handelt es sich um einen seit 1990 feststellbaren Unterschied, der auch den Anteil der 50% oder mehr arbeitenden Frauen prägt [Grafik 5]. Sein Umfang scheint allerdings im Lauf der Zeit abzunehmen. Dies scheint die logische Folge der Zunahme der Erwerbsquote von Müttern mit Kindern im Vorschulalter zu sein, eine Zunahme, die sich ihrerseits aus der stärkeren Gleichberechtigung der Ehepartner erklären dürfte. Dies könnte sich zudem aus der grösseren Verbreitung der Konsensualpartnerschaft erklären. Unverheiratete Paare mit Kindern sind heute nicht mehr eine kleine Minderheit (3% im Jahr 1990). Vielmehr handelt es sich um eine weiter verbreitete Lebensform (12% im Zeitraum 2010-2014), die mit Wertvorstellungen  und Verhaltensweisen einhergeht, welche sich denjenigen der Mehrheit angenähert haben dürften.

 

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Schlussfolgerungen

Diese Untersuchung zeigt klar, dass in der Schweiz individuelle und haushaltsspezifische Merkmale die Erwerbsneigung von Müttern mit Kindern im Vorschulalter beeinflussen. So sind 2010-2014 Mütter mit Schweizer Bürgerrecht häufiger erwerbstätig als Ausländerinnen und auf Tertiärstufe ausgebildete Mütter sind besser in den Arbeitsmarkt integriert als Mütter ohne Hochschulabschluss. Die berufliche Integration von Müttern nimmt überdies mit zunehmender Anzahl der zu betreuenden Kinder ab und ist bei den verheirateten Frauen niedriger als bei den in Konsensualpartnerschaft Lebenden.

 

Bedeutsam ist auch, dass sich ein Weiterbestehen oder sogar eine Verschärfung bestimmter individueller Unterscheidungsmerkmale in der beruflichen Integration von Müttern mit Kindern im Vorschulalter feststellen lässt. Wenn diese Unterschiede gewiss auch Unterschiede in den Vorlieben und Haltungen widerspiegeln, so zeigen sie doch, dass für junge Mütter die Ungleichheiten in Bezug auf den Zugang zum Arbeitsmarkt noch bei Weitem nicht behoben sind. Eine Berücksichtigung kontextueller Faktoren, wie der Verfügbarkeit und der Kosten von Betreuungsstrukturen und des Steuerwesens würde eine verfeinerte Analyse der Ungleichheiten im Zugang zur bezahlten Arbeit ermöglichen. Da bei diesen Faktoren erhebliche Unterschiede zwischen den Kantonen und sogar den Gemeinden bestehen, wäre die Schweiz ein besonders interessantes Forschungsfeld.

 

 

Daten und Methoden

Die hier analysierten Daten stammen aus den Volkszählungen von 1980, 1990 und 2000 sowie aus den Strukturerhebungen (SE) für die Periode 2010-2014. Wir haben die zusammengelegten («gepoolten») Daten der fünf ersten Jahre der SE (2010 bis 2014) verwendet. Die statistische Analyse ist auf in einer Paarbeziehung lebende Mütter mit Kindern von 0 bis 3 Jahren beschränkt. Da die Einschulung in den 15 dem HarmoS-Konkordat angehörenden Kantonen mit dem vollendeten 4. Altersjahr erfolgt und in den übrigen Kantonen gleichzeitig oder später, handelt es sich dabei ausschliesslich um Mütter mit Kindern im Vorschulalter. Mit diesen beiden Auswahlkriterien umfasst die Analyse 230’000 Haushalte für das Jahr 1990, 216’000 für 2000 und 95’000 für den Zeitraum 2010-2014.

 

Die Arbeitsmarktbeteiligung der Mütter wird mithilfe von zwei Indikatoren gemessen: Die generelle Erwerbsquote von Müttern und der Anteil der 50% oder mehr beschäftigten Mütter. Zudem berücksichtigen wir vier Hauptfaktoren: Anzahl Kinder zwischen 0 und 9 Jahren, Bildungsniveau der Ehegatten oder Lebenspartner, deren Nationalität und der Zivilstand des Paares. Das Alter der Mutter, der Altersunterschied zwischen den Ehegatten oder Lebenspartnern und der Beschäftigungsgrad des Partners dienen als Kontrollvariablen[1].

 


 

[1] Die Wirkung individueller Faktoren auf die Berufstätigkeit von Müttern mit Kindern im Vorschulalter wird mittels logistischen Regressionsmodellen für die Jahre 1990, 2000 und 2010/14 analysiert. Wo wir diese auf die Daten der Periode 2010-2014 anwenden, haben wir den Stichprobenplan der Strukturerhebung, die Definition der Schichten und die Gewichtung der Haushalte berücksichtigt.

 

Quelle: F. Giudici & R. Schumacher (2017), Erwerbstätigkeit von Müttern in der Schweiz: Entwicklung und individuelle Faktoren. Social Change in Switzerland N° 10.
Retrieved from http://socialchangeswitzerland.ch

 

Referenzen:

  • Bütler, M. und Ruesch, M. (2009). Quand le travail coûte plus qu’il ne rapporte. Etude sur l’impact de la fiscalité et des frais des crèches sur l’activité professionnelle des femmes en Suisse Romande. egalite.ch, Conférence romande de l’égalité [deutsche Kurzfassung: Wenn die Arbeit mehr kostet als sie einbringt. Studie über die Auswirkungen der Besteuerung und Krippenkosten auf die Erwerbstätigkeit der Frauen].
  • Hermann, A.B. und Murier, T. (2016). Mütter auf dem Arbeitsmarkt. BFS aktuell.
  • Stern, S., Felfe, C. und Schwab, S. (2014). Was bringt die familienergänzende Kinderbetreuung für die Karrierechancen von Müttern? Die Volkswirtschaft 6, 19-21.
  • Valarino, I. (2016). Fathers on Leave Alone in Switzerland: Agents of Social Change?. In Comparative Perspectives on Work-Life Balance and Gender Equality (S. 205-230). Springer International Publishing.

 

Bild: rawpixel.com

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