Warum sind die Französinnen und Franzosen so unglücklich? – Einige Daten zu (Un-)Zufriedenheit und Protesten in Frankreich

Ein Blick in die Forschung, um die Unzufriedenheit der Französinnen und Franzosen einzuordnen. 

Als Romand fand ich es schon immer etwas seltsam, dass das Englische den Ausdruck «joie de vivre» aus dem Französischen übernommen hat. «Joie de vivre» ist wahrscheinlich die am wenigsten französische Lebenseinstellung, die man sich vorstellen kann; die Französinnen und Franzosen sind im Allgemeinen ein ziemlich unglückliches Volk, was auch die letzten Wochenenden gezeigt haben.

Fast eine Million Menschen gingen in ganz Frankreich gegen die steigenden Lebenshaltungskosten und die sich verschlechternden öffentlichen Dienste auf die Strasse. Die Proteste hatten einen Monat zuvor begonnen, als Schülerinnen und Schüler bessere Bedingungen an ihren Schulen forderten. Am Samstagabend waren die Proteste teilweise in Gewalt ausgeartet. Rund 1’500 Läden und Geschäfte wurden geplündert oder zerstört, etwa 1’000 Polizistinnen und Polizisten wurden verletzt und weit über tausend Personen wurden verhaftet. Zuvor war die Bereitschaftspolizei – wie so oft – mit harter Hand eingeschritten, und ein Jugendlicher hatte durch eine Sting-Ball-Granate seine Hand verloren. In Limoges stürzte der Glockenturm des Rathauses aus dem 19. Jahrhundert brennend ein. Der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance kommentierte dieses Ereignis auf X,  dass «westliche Liberale die Dritte Welt nach Frankreich importiert» hätten und dies nun die Folge sei.

Die strukturelle Unzufriedenheit in Frankreich 

Ich glaube nicht, dass es in Frankreich nichts gibt, worüber man sich Sorgen machen müsste; das gibt es ganz offensichtlich. Nichts von dem, was folgt, bedeutet, dass die Demonstrantinnen und Demonstranten keine berechtigten Anliegen hätten. Es gibt ernsthafte wirtschaftliche Probleme: Lebenshaltungskosten, überlastete öffentliche Dienste und eine immens hohe Staatsverschuldung. Aber es gibt auch etwas, das teilweise unabhängig von den materiellen Verhältnissen ist, und es hat damit zu tun, wie die Französinnen und Franzosen ihre eigene Umgebung wahrnehmen. Anhand einiger Daten möchte ich zwei ältere und typisch französische Aspekte hervorheben: eine tiefe, strukturelle Unzufriedenheit mit dem Leben und eine lange Tradition, diese Unzufriedenheit auf der Strasse zum Ausdruck zu bringen.

Paris oder andere grosse französische Städte sehen völlig anders aus als es einen die apokalyptischen Fotos, die nach den Ausschreitungen in den internationalen Medien gezeigt wurden, glauben machen wollen. Meistens läuft nämlich alles rund. Die Züge fahren, die Spitäler behandeln die Menschen, die Cafés sind voll. Als Ausländerin oder Ausländer fragt man sich, warum sich die Französinnen und Franzosen so sehr über ein Land beschweren, dem es nicht offensichtlich schlechter geht als beispielsweise dem Vereinigten Königreich, wo die Menschen unter weitgehend ähnlichen Bedingungen weitaus zufriedener zu sein scheinen. Frankreich und das Vereinigte Königreich haben fast genau das gleiche BIP pro Kopf. Dennoch haben die Britinnen und Briten über zwei Jahrzehnte hinweg im European Social Survey durchweg ein höheres Glücksempfinden angegeben als die Französinnen und Franzosen – und trotz der Tatsache, dass nicht wenige britische Rentnerinnen und Rentner darauf brennen, das Vereinigte Königreich zu verlassen, z. B. in Richtung Frankreich, um das Leben richtig zu geniessen. Dennoch zeichnen die internationalen Medien ein düsteres Bild der französischen Gesellschaft, und um fair zu sein: Die Französinnen und Franzosen sind auch nicht besonders erpicht darauf, dieses Bild zu korrigieren.

Warum ein Teil des französischen Unglücks kultureller Natur ist

Dies wurde von französischen Ökonominnen und Ökonomen dokumentiert, allen voran von Claudia Senik von der Paris School of Economics. In «The French unhappiness puzzle: The cultural dimension of happiness» zeigt sie, dass die Französinnen und Franzosen ein geringeres Glücksempfinden angeben als Europäerinnen und Europäer, die in Ländern mit ähnlichem Wohlstand leben. Ihr bemerkenswertester Befund betrifft Migrantinnen und Migranten. Gebürtige Französinnen und Franzosen sind weniger glücklich als andere Europäerinnen und Europäer, unabhängig davon, ob sie in Frankreich oder im Ausland leben. In Frankreich lebende Einwanderinnen und Einwanderer sind dagegen nicht weniger glücklich als Einwanderinnen und Einwanderer anderswo in Europa, doch ihr Glücksempfinden nimmt ab, je länger sie bleiben und je mehr Generationen vergehen. Mit anderen Worten: Ein Teil des französischen Unglücks ist kultureller Natur – und offenbar ansteckend: etwas, das die Menschen mitbringen und das Neuankömmlinge nach und nach ebenfalls verinnerlichen. Senik zeigt ausserdem, dass die Französinnen und Franzosen ungewöhnlich pessimistisch in Bezug auf die Zukunft sind und dass diese düstere Stimmung eine emotionale Grundlage hat. Es handelt sich nicht nur um ein Messartefakt, bei dem Wörter in Umfragen unterschiedliche Bedeutungen haben können.

Seniks Daten reichen nur bis 2010, daher wollte ich prüfen, ob Frankreich nach wie vor ein Sonderfall ist. Anhand des European Social Survey (ESS), der seit 2002 die Frage «Alles in allem, wie glücklich würden Sie sich bezeichnen?» auf einer Skala von 0 bis 10 stellt, zeigt sich folgender Vergleich zwischen Frankreich und elf anderen europäischen Ländern in den Daten.

Frankreich liegt am unteren Ende der Rangliste, deutlich hinter den reichen Ländern Nordwesteuropas: der Schweiz, Norwegen, den Niederlanden, Schweden, Belgien und dem Vereinigten Königreich sowie seit 2010 auch Deutschland. Der Abstand zu dieser Gruppe war um das Jahr 2010 mit etwa zwei Dritteln eines Punktes am grössten. Seitdem hat er sich verringert, da sich das Glücksempfinden der Französinnen und Franzosen etwas erholt hat, aber er ist noch nicht ganz geschlossen. In der jüngsten Erhebungsrunde (2023) belegt Frankreich den 10. Platz unter den 13 Ländern und liegt damit nur noch vor Portugal, Italien und Griechenland. Das sind Länder, in denen die objektiven wirtschaftlichen Bedingungen deutlich schwieriger sind.

Die französische Bevölkerung ist unzufriedener als die der Nachbarländer

Eine Einschränkung: Das Rätsel erscheint bei den mir zur Verfügung stehenden Ländern etwas weniger rätselhaft als in Seniks ursprünglicher Stichprobe mit 28 Ländern. Wenn ich das durchschnittliche Glücksempfinden mit das BIP pro Kopf vergleiche, liegt Frankreich nur leicht unterhalb der Linie (–>des Durchschnitts?), während Italien und Deutschland weiter darunter liegen. Am deutlichsten wird die Kluft im direkten Vergleich mit den reichen nordwestlichen Nachbarländern Frankreichs, und genau diesen Vergleich ziehen die Französinnen und Franzosen selbst meist. Das auffälligste Muster zeigt sich, wenn man die Daten nach Alter aufschlüsselt.

Junge Französinnen und Franzosen sind fast genauso glücklich wie Gleichaltrige in Nordwesteuropa. Zwischen 15 und 24 Jahren beträgt der Unterschied nur ein bis zwei Zehntel eines Prozentpunktes. Die Kluft vergrössert sich dann im Laufe des Arbeitslebens stetig. Anderswo in Nordwesteuropa werden die Menschen ab Mitte fünfzig wieder glücklicher – die bekannte U-Form des Glücks im Lebensverlauf. In Frankreich findet diese Erholung kaum statt. Im Alter von 60 bis 64 Jahren sind die Französinnen und Franzosen etwa 0.8 Punkte weniger glücklich als die Menschen in den nordwesteuropäischen Nachbarländern, und im mittleren Lebensalter liegen sie näher an Südeuropa als am Nordwesten. (Es gilt der übliche Vorbehalt: Bei gepoolten Umfragedaten ist es schwierig, die Auswirkungen des Alters von denen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation zu trennen.)

Die französische Lücke tut sich im mittleren Lebensalter auf

Woher kommt das? Senik hebt kulturelle Faktoren hervor, von denen mir einige besonders auffallen. Der erste sind hohe Erwartungen. Der zweite ist ein sehr anspruchsvolles und elitäres Bildungssystem. Vor etwa zehn Jahren strahlte der niederländische Sender VPRO eine hervorragende Serie mit dem Titel «Op zoek naar Frankrijk» (Auf der Suche nach Frankreich) aus, die von einem Niederländer produziert wurde, der jahrzehntelang in Frankreich gelebt hatte. Sein Fazit: Ein Grossteil der düsteren Stimmung Frankreichs wird in der Schule vermittelt, wo die vorherrschende Ideologie «peut mieux faire» lautet: «Könnte mehr leisten» – der Vermerk auf Millionen französischer Zeugnisse. Man ist nie gut genug. Vielleicht hat dies mit der früheren Grösse Frankreichs zu tun. Frankreich war die dominierende Macht in Europa und eine grosse Kolonialmacht, und Französisch war einst die Lingua franca der Welt. Das ist heute nicht mehr der Fall. Wenn diese Blütezeit der Massstab ist, an dem sich eine Kultur misst, muss sie zwangsläufig das Gefühl haben, hinter den Erwartungen zurückzubleiben.

Die Politik findet auf der Strasse statt

Der zweite Teil der Geschichte handelt davon, wie diese Unzufriedenheit zum Ausdruck kommt. Der ESS befragt die Menschen, an welchen Formen der politischen Partizipation sie in den vergangenen zwölf Monaten teilgenommen haben.

Im Durchschnitt geben etwa 15 Prozent der französischen Befragten an, im vergangenen Jahr an einer Demonstration teilgenommen zu haben. Das ist doppelt so viel wie in den meisten Ländern Nordwesteuropas und mehr als dreimal so viel wie im Vereinigten Königreich (4.5%) oder in den Niederlanden (3%). Nur Spanien liegt mit 21 Prozent noch darüber. Auch bei Boykotten und dem Tragen politischer Abzeichen oder Aufkleber liegt Frankreich weit vorne. Ein grosser Gegensatz zeigt sich in Bezug auf die eher institutionellen Kanäle: Nur etwa 13 Prozent der französischen Befragten hatten während eines Jahres Kontakt zu Politikerinnen und Politikern oder Behördenvertretenden aufgenommen. Damit liegt Frankreich auf Platz 9 von 13, hinter allen nordwesteuropäischen Ländern und deutlich hinter Norwegen, wo ein Fünftel der Bevölkerung dies regelmässig tut. Dies ist seit Beginn der Umfrage ein beständiges Merkmal des politischen Lebens in Frankreich.

Protest ist eine dauerhafte Gewohnheit, kein jüngster Ausbruch.

Dies spiegelt zum Teil die Distanz zwischen der französischen politischen Klasse und den von ihr regierten Menschen wider. Diese Distanz rührt von einer Tradition des Elitismus her, den «Grandes Écoles» und der frühen sozialen Selektion, die eine politische Elite hervorbringt, die ganz anders aussieht und klingt als die Bevölkerung. Anderswo in Nordwesteuropa scheint die Kluft zwischen der politischen «Blase» und allen anderen viel kleiner zu sein, und es erscheint vernünftig, mit den eigenen Volksvertreterinnen und Volksvertretern zu sprechen. In Frankreich ist das oft nicht der Fall.

Um die Proteste zu verstehen, muss man neben den konkreten Themen, gegen die sich die Demonstrantinnen und Demonstranten richten, auch diesen breiteren Kontext berücksichtigen. Auf der einen Seite steht eine strukturelle Unzufriedenheit mit dem Leben, der Politik und der Gesellschaft, die historisch und kulturell verwurzelt ist. Auf der anderen Seite steht eine tief verwurzelte Tradition des Protests.

Was die Schuldzuweisung an die Einwanderung angeht: Seniks Forschung deutet, wenn überhaupt, auf den umgekehrten Kausalzusammenhang hin: Einwanderinnen und Einwanderer kommen nicht weniger glücklich nach Frankreich, als sie es anderswo wären, und werden pessimistischer, je «französischer» sie werden. Grundsätzlich ist die Vorstellung, die Französinnen und Franzosen hätten sich die Lust am Aufstand erst importieren müssen, äusserst dumm. Frankreich ist ein Land, das seine Republik durch den Sturm auf ein Gefängnis und die Enthauptung seines Königs begründete und das in den Jahren 1830, 1848 und 1871 Revolutionen erlebte. Im 20 Jahrhundert folgten der Mai 1968 und, in jüngerer Zeit, die Unruhen von 2005, die Proteste gegen die Rentenreformen 1995 und 2013 sowie zuletzt die «Gilets jaunes». Französinnen und Franzosen, die auf die Strasse gehen, werden von niemandem beeinflusst.


Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im «Political Economy Newsletter» von Alexandre Afonso.

Bild: Jules* – eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=202018962

Anmerkung: Dieser Artikel wurde von Raed Hartmann, DeFacto, übersetzt und editiert.

 

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KategorienEuropäische Politik, Politisches Verhalten, Vergleichende PolitikThemen
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