Wie sich lokale Naturkatastrophen auf Abstimmungensergebnisse auswirken

Naturkatastrophen werden häufig als Weckruf für mehr Umweltbewusstsein betrachtet. Die vorliegende Analyse geht der Frage nach, ob kleinere, lokale Überschwemmungen in der Schweiz das Abstimmungsverhalten tatsächlich verändern können.

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Die Studie “Do Natural Disasters Help the Environment? Voter Responses to Floods and Climate Policy in Switzerland” analysiert, inwieweit lokale Hochwasserereignisse die öffentliche Unterstützung für klimapolitische Massnahmen beeinflussen. Anhand des Schweizer Systems häufiger nationaler Referenden wird geprüft, ob Hochwasserereignisse die Zustimmung zu klimapolitischen Vorlagen erhöhen oder nicht.

Wie wirken sich Erfahrungen mit Naturkatastrophen einer Gemeinde auf Abstimmungen aus?

Die Autoren argumentieren, dass Klimawandel für viele Bürgerinnen und Bürger ein Thema zweiter Ordnung ist, zu dem oft nur schwache oder wenig gefestigte Meinungen bestehen. Persönliche Erfahrungen mit Naturkatastrophen können jedoch die Wahrnehmung solcher Themen verstärken. Wenn Wählerinnen und Wähler direkt von Ereignissen wie Überschwemmungen betroffen sind, werden Klimafragen salienter und gewinnen für ihre politischen Entscheidungen an Bedeutung. Entsprechend wird erwartet, dass Gemeinden, die von einem Hochwasserereignis betroffen sind, eine höhere Unterstützung für Klimaschutzmassnahmen zeigen als nicht betroffene Gemeinden.

Methode
Zur Überprüfung dieser Annahme analysiert die Studie Abstimmungsdaten auf Gemeindeebene aus acht nationalen klimapolitischen Referenden in der Schweiz zwischen 1998 und 2009. Diese werden mit Daten zu Hochwasser- und Murgangereignissen kombiniert, die in den zwölf Monaten vor den jeweiligen Abstimmungen auftraten. Da Hochwasserrisiken nicht zufällig verteilt sind, verwenden die Autoren Methoden wie Difference-in-Differences und Entropy Balancing, um vergleichbare Gemeinden gegenüberzustellen und Unterschiede in Geografie, politischer Struktur, Niederschlag und Landnutzung zu kontrollieren.

Die Ergebnisse zeigen, dass vor Kurzem aufgetretene Hochwasser die Zustimmung zu klimapolitischen Massnahmen tatsächlich erhöhen, wenn auch im Durchschnitt moderat. Je nach Methode steigt der Anteil der Ja-Stimmen um etwa 1 bis 2,3 Prozentpunkte. Entscheidend ist jedoch der Zeitpunkt: Tritt ein Hochwasser kurz vor einer Abstimmung auf, kann der Effekt auf bis zu 9,4 Prozentpunkte anwachsen. In mindestens einem Fall hätte ein solcher kurzfristiger Anstieg das Ergebnis einer Abstimmung über Subventionen für erneuerbare Energien verändert.

Darüber hinaus zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Gemeinden. Der Effekt von Hochwasser ist in Gemeinden mit höherem Bildungsniveau deutlich stärker ausgeprägt, was darauf hindeutet, dass Bürgerinnen und Bürger eher einen Zusammenhang zwischen lokalen Extremereignissen und Klimawandel herstellen, wenn entsprechendes Vorwissen vorhanden ist. In Gemeinden mit sehr niedrigem Anteil an tertiär gebildeten Einwohnern lässt sich hingegen kein signifikanter Effekt feststellen. Zudem ist der Einfluss zeitlich begrenzt: Er nimmt mit der Zeit ab und verschwindet nach etwa zehn Monaten vollständig.

Neben der Veränderung von Präferenzen führen Hochwasser auch zu einer höheren Wahlbeteiligung bei klimapolitischen Abstimmungen. Dies deutet darauf hin, dass solche Ereignisse zusätzlich mobilisierend wirken können, insbesondere auf bereits klimabewusste Wählende. Umfangreiche Robustheitsprüfungen zeigen ausserdem, dass diese Effekte spezifisch für Klimathemen sind: Weder andere umweltpolitische Themen noch nicht-umweltbezogene Abstimmungen, etwa zur Beziehung der Schweiz zur Europäischen Union, werden durch Hochwasser beeinflusst.

Nur kurzfristiger Einfluss auf Abstimmungsverhalten nach Überschwemmungen 

Insgesamt kommen die Autoren zu dem Schluss, dass lokale Überschwemmungen einen kausalen, jedoch kurzfristigen Einfluss auf klimapolitisches Abstimmungsverhalten haben. Naturkatastrophen können demnach zeitlich begrenzte „Gelegenheitsfenster“ schaffen, in denen die Unterstützung für Klimapolitik steigt – insbesondere dann, wenn sie kurz vor politischen Entscheidungen auftreten. Da diese Effekte jedoch von Vorwissen abhängen und schnell wieder abklingen, reichen Katastrophen allein nicht aus, um langfristige Veränderungen in der öffentlichen Meinung zu bewirken.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Naturkatastrophen die Umwelt nicht automatisch unterstützen, wohl aber kurzfristig die politische Unterstützung für Klimaschutz erhöhen können. Ihr Einfluss ist besonders stark, wenn sie zeitlich nahe an Abstimmungen liegen und wenn Bürgerinnen und Bürger in der Lage sind, sie als Ausdruck des Klimawandels zu interpretieren. Dauerhafte Veränderungen in der öffentlichen Meinung erfordern jedoch eher kontinuierliche Information und gezielte politische Kommunikation als wiederholte Katastrophenerfahrungen.

SVPW/ASSP Outreach Award
Der SPSA Outreach Award der Schweizerische Vereinigung für Politikwissenschaft zeichnet politikwissenschaftliche Forschungsarbeiten mit besonderer Relevanz für die politische Praxis aus. Ziel des Wettbewerbs ist es, den Austausch zwischen Wissenschaft und Politik zu fördern und Forschung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der SPSA Outreach Award fand am 20. März 2026 im Bundeshaus statt. Die Finalbeiträge werden nach dem Wettbewerb in aufbereiteter Form auf DeFacto publiziert und erhalten so zusätzliche Sichtbarkeit über den akademischen Kontext hinaus.

Quelle: 

  • Baccini L, Leemann L. Do natural disasters help the environment? How voters respond and what that means. Political Science Research and Methods. 2021;9(3):468-484.

Bild: Unsplash

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