Digitalpolitik und Parteienwettbewerb in Zeiten von Covid-19

Wie gehen Par­tei­en mit digi­tal­po­li­ti­schen The­men um, ins­be­son­de­re im Zuge der Covid-19‑Pande­mie? Ein Blick auf die Land­tags­wah­len 2021 in Baden-Würt­tem­berg und Rhein­land-Pfalz offen­bart einen kla­ren Bedeu­tungs­zu­wachs sowie deut­li­che Unter­schie­de zwi­schen den ein­zel­nen Parteien.

Aus­wei­tung des digi­ta­len Bil­dungs­an­ge­bots, Aus­bau von digi­ta­len Infra­struk­tu­ren, Kon­takt­ver­fol­gung mit­tels Apps oder das Recht auf Home­of­fice – mit der Covid-19-Pan­de­mie hat die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on von Gesell­schaft, Wirt­schaft und Staat noch­mal einen Schub in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung bekom­men. Wie unse­re bis­he­ri­gen For­schun­gen zei­gen (König 2018; König & Wen­zel­bur­ger 2019; Sie­wert & König 2019, 2021), grei­fen auch poli­ti­sche Par­tei­en zuneh­mend digi­tal­po­li­ti­sche The­men in ihren Wahl­pro­gram­men auf. Dabei ist vor dem Hin­ter­grund der Covid-19-Pan­de­mie, aber auch Ent­wick­lun­gen im Bereich künst­li­che Intel­li­genz und Auto­ma­ti­sie­rung zu erwar­ten, dass Digi­tal­po­li­tik bei den Par­tei­en in Zukunft wei­ter an Bedeu­tung gewinnt.

Die Land­tags­wah­len in Baden-Würt­tem­berg (BaWü) und Rhein­land-Pfalz (RP) am 14. März 2021 erlau­ben uns, ein ers­tes Schlag­licht auf den Umgang von Par­tei­en mit digi­tal­po­li­ti­schen The­men nach bzw. im Zuge der Covid-19-Pan­de­mie zu wer­fen. Drei zen­tra­le Befun­de las­sen sich hervorheben: 

Ers­tens nimmt die Sali­enz von digi­tal­po­li­ti­schen The­men beträcht­lich zu, wobei sich kla­re Unter­schie­de zwi­schen den Par­tei­en abzeich­nen. Zwei­tens wird deut­lich, dass ähn­li­che The­men­fel­der die digi­tal­po­li­ti­sche Agen­da der Par­tei­en bei bei­den betrach­te­ten Wah­len bestim­men. Drit­tens fin­den wir auch inner­halb der jewei­li­gen The­men­fel­der Dif­fe­ren­zen zwi­schen den Par­tei­en im Hin­blick dar­auf, wie stark die­se bestimm­te The­men besetzen. 

Salienz von digitalpolitischen Themen in den Landtagswahlprogrammen

Für die Land­tags­wah­len in BaWü und RP zeigt sich ein star­ker Anstieg der Bedeu­tung digi­tal­po­li­ti­scher The­men in den Wahl­pro­gram­men. In bei­den Län­dern hat sich der Anteil der Sät­ze mit digi­tal­po­li­ti­schem Bezug im Par­tei­en­durch­schnitt mehr als ver­dop­pelt: von 4% auf 9% in BaWü und von 3% in 2016 auf 8% in RP.

Blickt man auf die ein­zel­nen Par­tei­en (Abb. 1), fällt die­ser Sprung von einer zur nächs­ten Wahl aller­dings sehr unter­schied­lich aus. Ins­be­son­de­re bei der FDP ist die Sali­enz von Digi­tal­po­li­tik enorm gestie­gen: Sie ist mit 14% in RP sie­ben Mal und mit 17% in BaWü vier Mal so hoch wie noch bei der vor­an­ge­hen­den Wahl 2016. Dies passt zu der Beob­ach­tung, dass sich die FDP bereits seit eini­gen Jah­ren als „die“ Digi­ta­li­sie­rungs­par­tei zu eta­blie­ren versucht.

Auch bei CDU, Grü­nen und SPD spie­len digi­tal­po­li­ti­sche The­men im Jahr 2021 eine wich­ti­ge Rol­le. Beson­ders die baden-würt­tem­ber­gi­sche CDU sowie die rhein­land-pfäl­zi­sche SPD mit einer Sali­enz von 10% tre­ten hier her­vor. An den Rän­dern des par­tei­po­li­ti­schen Spek­trums ist fer­ner bemer­kens­wert, dass die Lin­ke auch 2021 der Digi­ta­li­sie­rung nur wenig Platz in ihren Par­tei­pro­gram­men ein­räumt, wäh­rend die AfD deut­lich gegen­über ande­ren Par­tei­en auf­zu­ho­len scheint.

Abbildung 1. Bedeutung von digitalpolitischen Themen in den Wahlprogrammen der Parteien in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz; 2016 & 2021

Bedeutung von Digitalisierung nach Themenfeldern

Als Quer­schnitts­the­ma betrifft die Digi­ta­li­sie­rung vie­le Poli­tik­fel­der. Der Blick dar­auf, in wel­chen Berei­chen die Par­tei­en die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on im Rah­men ihrer Wahl­pro­gram­me auf­grei­fen, ver­mit­telt einen Ein­druck, wo die­se in der kom­men­den Legis­la­tur­pe­ri­ode einen beson­de­ren Hand­lungs­be­darf sehen und im Fal­le einer Regie­rungs­über­nah­me aktiv werden.

Abbil­dung 2 zeigt die durch­schnitt­li­che Ver­tei­lung der The­men­an­tei­le über alle Par­tei­en. Bei bei­den Wah­len ver­tei­len sich die digi­tal­po­li­ti­schen Äuße­run­gen der Par­tei­en mit ähn­li­chem Gewicht auf ver­schie­de­ne The­men­fel­der. Auf den vor­ders­ten Plät­zen lie­gen: ers­tens die För­de­rung von digi­ta­len Kom­pe­ten­zen sowie Digi­ta­li­sie­rung im Kon­text von (Hoch)Schule & For­schung; zwei­tens der Aus­bau der digi­ta­len Infra­struk­tur wie z.B. des Breit­band- und Mobil­funk­net­zes sowie der glei­che tech­ni­sche Zugang; drit­tens die (Weiter-)Entwicklung im Bereich E‑Government, ins­be­son­de­re in Bezug auf die Moder­ni­sie­rung der Ver­wal­tung; vier­tens, die För­de­rung von Pro­zes­sen der Digi­ta­li­sie­rung in der Wirt­schaft; und fünf­tens der Aus­bau auf dem Gebiet der Cyber­si­cher­heit und dem Ein­satz digi­ta­ler Tech­no­lo­gien im Bereich Inne­re Sicher­heit und Gefahrenabwehr.

Abbildung 2. Bedeutung von digitalpolitischen nach Themenfeldern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz; 2016 & 2021

Ins­ge­samt ent­fal­len allein auf die­se fünf The­men in BaWü knapp 61%, in RP rund 65% der Sät­ze mit digi­tal­po­li­ti­schem Bezug. Das The­ma Digi­ta­li­sie­rung und Gesund­heit wur­de ins­be­son­de­re von den Par­tei­en in BaWü ver­stärkt auf­ge­grif­fen, wäh­rend die rela­ti­ve Bedeu­tung in RP gegen­über 2016 sogar rück­läu­fig ist. Ein kla­rer Anstieg zeigt sich in ande­ren Fel­dern, die wäh­rend Covid-19-Pan­de­mie in den Fokus der öffent­li­chen Wahr­neh­mung gerückt sind: So sind sowohl der Bereich Arbeits­ver­hält­nis­se als auch Ver­kehr und Mobi­li­tät sowie Kul­tur und Medi­en wich­ti­ger gewor­den. Die The­men Netz­neu­tra­li­tät, Pri­vat­sphä­re und Daten­schutz sind hin­ge­gen in den Hin­ter­grund getreten.

Unterschiede zwischen Parteien in ausgewählten Themenfeldern

Wie ver­tei­len sich die Äuße­run­gen der ein­zel­nen Par­tei­en zu digi­tal­po­li­ti­schen The­men auf ver­schie­de­ne Poli­tik­be­rei­che? Eine Ant­wort hier­auf gibt Auf­schluss dar­über, auf wel­che Berei­che die Par­tei­en beson­de­res Gewicht legen und sich womög­lich von ande­ren Par­tei­en abgren­zen. Für die Top‑3 The­men­fel­der zeigt sich fol­gen­des Bild (Abb. 3).

Die Digi­ta­li­sie­rung im Bereich Bil­dung, Aus­bil­dung und Hoch­schu­le spielt in BaWü bei allen Par­tei­en eine maß­geb­li­che Rol­le. So liegt der Anteil bei mind. 15% (CDU) und reicht bis zu 25% (SPD). Deut­li­che Vari­anz zeigt sich hin­ge­gen in RP, wo digi­ta­le Bil­dung & For­schung ins­be­son­de­re von der CDU (36% in 2021), aber auch der SPD (24% in 2021) auf­ge­grif­fen wer­den, wäh­rend die Sali­enz bei den ande­ren Par­tei­en um die 10% liegt.

Im Ver­gleich dazu hat das The­ma digi­ta­le Infra­struk­tur und glei­che tech­ni­sche Zugangs­mög­lich­kei­ten bei fast allen Par­tei­en gegen­über 2016 an Bedeu­tung ver­lo­ren. Inter­es­san­ter­wei­se sind Fra­gen der Breit­band­ver­sor­gung, Glas­fa­ser­ka­beln und Mobil­net­zen – ins­be­son­de­re mit Fokus auf der Anbin­dung des länd­li­chen Raums – bei der AfD und der Lin­ken aber immer noch extrem stark im Par­tei­pro­gramm ver­an­kert (in RP) bzw. haben an Bedeu­tung zulegt (in BaWü).

Beim The­men­feld E‑Government sticht vor allem die FDP her­aus, die viel­fach die Chan­cen der digi­ta­len Ver­wal­tung betont. Aber auch CDU und die Grü­nen, gera­de als Regie­rungs­par­tei­en in BaWü set­zen ver­stärkt auf die­ses The­ma, wäh­rend die Bedeu­tung bei der SPD in RP merk­lich zurück­ge­gan­gen ist.

Abbildung 3. Unterschiede zwischen den Parteien in aus gewählten Themenfeldern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz; 2016 & 2021


Refe­ren­zen:

  • König, Pas­cal D. 2018. Digi­tal­po­li­ti­sche Posi­tio­nen im deut­schen Par­tei­en­sys­tem. Eine Ana­ly­se der Par­tei­po­si­tio­nen zu den Bun­des­tags­wah­len der Jah­re 2009, 2013 und 2017. Zeit­schrift für Ver­glei­chen­de Poli­tik­wis­sen­schaft 12: 399–427. https://doi.org/10.1007/s12286-018‑0390‑0.

  • König, Pas­cal D. & Georg Wen­zel­bur­ger. 2019. Why Par­ties Take Up Digi­tiz­a­ti­on in their Mani­fest­os: An Empi­ri­cal Ana­ly­sis of Eight Wes­tern Euro­pean Eco­no­mies. Jour­nal of Euro­pean Public Poli­cy 26 (11): 1678–1695. https://doi.org/10.1080/13501763.2018.1544268.

  • Sie­wert, Mar­kus B. & Pas­cal D. König. 2019. On Digi­tal Front-Run­ners and Late-Comers: Ana­ly­zing Issue Com­pe­ti­ti­on over Digi­tiz­a­ti­on in Ger­man Sub­na­tio­nal Elec­tions. Euro­pean Poli­ti­cal Sci­ence Review 11(2): 247–265. https://doi.org/10.1017/S1755773919000109.

  • Sie­wert, Mar­kus B. & Pas­cal D. König. 2021. Beco­m­ing Main­stream? The Emer­gence of Digi­tal Poli­ci­es in Ger­man Regio­nal Par­ty Poli­tics. Ger­man Poli­tics. Online first. https://doi.org/10.1080/09644008.2021.1890040.

Bild: pixabay.com

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