Populismus: Zurück zu den Wurzeln

Um die Anziehung der dama­li­gen recht­sradikalen pop­ulis­tis­chen Parteien zu ver­ste­hen, ist es essen­ziell, zu den Wurzeln des Phänomens zurück­zukehren – im Aus­land und zu Hause. Der heute beständi­ge, ver­bale Angriff auf Europas mus­lim­is­che Min­der­heit ruft die jahrhun­dertealte Kam­pagne gegen Katho­liken in grossen Teilen der Vere­inigten Staat­en in Erin­nerung, welche von der Angst vor ein­er «Inva­sion» und Unter­wan­derung genährt wurde. Die heutige iden­titäre Poli­tik, zen­tral für die radikale recht­spop­ulis­tis­che Mobil­isierung, ist nichts mehr als ein Wiederkäuen der Poli­tik der Nos­tal­gie, welche immer dem Nativis­mus innege­wohnt hat.

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Sie kamen Mitte der 50er Jahre des 18. Jahrhun­derts aus Würt­tem­berg, der Pfalz und der Schweiz. Sie waren häu­fig so arm, dass sie gezwun­gen waren, ihre eige­nen Kinder zu verkaufen. Krank kamen sie in Massen nach Philadel­phia, um sich ein neues Zuhause zu suchen. Die lokale Bevölkerung, das anglo­protes­tantis­che Bürg­er­tum, war alles andere als gast­fre­undlich und beschuldigte die «unkul­tivierten» Neuankömm­linge, einen übel­riechen­den Duft auszus­trö­men, Krankheit­en zu ver­bre­it­en und sog­ar schlecht­es Wet­ter zu verur­sachen.

Das änderte sich erst, als die Neuankömm­linge Jobs annah­men. Die Feind­seligkeit gegenüber den Immi­granten wurde durch die zunehmende Angst befeuert, dass sich die Deutschen nicht inte­gri­eren und Penn­syl­va­nia eine «ger­man­isierte» Kolonie wer­den würde.

Der Aus­bruch von Frem­den­feindlichkeit in Penn­syl­va­nia 1750 kennze­ich­net eine der ersten Episo­den davon, was in der amerikanis­chen His­to­ri­ogra­phie als «Nativis­mus» beze­ich­net wird. Obwohl dies ein ursprünglich amerikanis­ches Phänomen ist, spielt Nativis­mus eine zen­trale Rolle, wenn es um das Ver­ste­hen der radikalen Rechte der Gegen­wart geht. Der Wahler­folg von Parteien wie dem Front Nation­al, der FPÖ und der AfD ist grössten­teils auf ihr Kön­nen zurück­zuführen, ein poli­tis­ches Pro­jekt entste­hen zu lassen, welch­es pop­ulis­tis­che Rhetorik mit dem nativis­tis­chen Diskurs vere­int.

Nativis­mus fusst auf der Auf­fas­sung, dass den Empfind­lichkeit­en und Bedürfnis­sen von «Ein­heimis­chen» absolute Pri­or­ität gegenüber den­jeni­gen der Neuankömm­linge gewährt wer­den soll; sie sollen bevorzugt wer­den, ein­fach, weil sie «ein­heimisch» sind. Gle­ichzeit­ig reflek­tiert Nativis­mus einen bewussten Ver­such der «indi­ge­nen» Bevölkerung, sich zu vertei­di­gen, für ihren Erhalt zu sor­gen und das Erbe ihrer Kul­tur wiederzubeleben. Im amerikanis­chen Fall war dies der angel­säch­sis­che Protes­tantismus. Amerikanis­che Nativis­ten macht­en den angel­säch­sis­chen Protes­tantismus dafür ver­ant­wortlich, dass er mit seinen essen­tiellen moralis­chen und intellek­tuellen Qual­itäten unab­d­ing­bar für eine demokratis­che Staats­bürg­er­schaft sei. Damit erk­lärten sie   die amerikanis­che Kul­tur als über­legen.

Nativis­mus kehrte in einem ausseror­dentlichen Aus­mass in den Dekaden, die dem Bürg­erkrieg vorangin­gen, als Antwort auf den wach­senden Zus­trom von Immi­granten aus Irland und Deutsch­land – die meis­ten von ihnen arm und katholisch – zurück. Viele von ihnen liessen sich in den Städten des Nor­dostens – Boston, New York und Philadel­phia – nieder. Die Antwort darauf kam schnell und sie war bösar­tig. Inner­halb weniger Jahre erschienen Dutzende Flug­blät­ter, welche vor der fun­da­men­tal­en Bedro­hung der demokratis­chen Insti­tu­tio­nen der Vere­inigten Staat­en und den grundle­gen­den Frei­heit­en ihrer Bürg­er durch die katholis­chen Immi­granten warn­ten. Eine neue Partei ent­stand, die «Nichtswis­senden» («Know-Noth­ings»), welche auf ein­er Welle der anti-katholis­chen Hys­terie ritt und eine der bei­den grossen Parteien in ihrem Auf­bau zer­störte und dro­hte, sich die Präsi­dentschaft zu schnap­pen. Erst als die Anti-Sklavereibewe­gung an erste Stelle der poli­tis­chen Agen­da trat, kol­la­bierte die Nativis­ten­be­we­gung schnell.

Die «Nichtswis­senden» beschuldigten den Katholizis­mus, nicht mit den demokratis­chen Insti­tu­tio­nen des Lan­des vere­in­bar zu sein. Die Partei pries sich sel­ber als einzig wahre Vertei­di­gerin des amerikanis­chen Geistes an, die dazu fähig sei, dem poli­tis­chen Estab­lish­ment ent­ge­gen­zuhal­ten. Dieses wurde beschuldigt, kor­rupt zu sein und sich mit den­jeni­gen zu ver­schwören, welche die Repub­lik zu zer­stören ver­sucht­en. Somit kon­nte der nativis­tis­che Diskurs mit der pop­ulis­tis­chen Rhetorik zusam­menge­führt wer­den – eine Gewin­n­formel, die sich als poli­tisch erfol­gre­ich, aber kur­zlebig erwies.

Die nativis­tis­che Lei­den­schaft erwachte wieder in den 1880er- und 1890er-Jahren, wieder ein­mal um primär die katholis­chen Immi­granten zu attack­ieren. Dies war eine Peri­ode ökonomis­ch­er Tur­bu­len­zen und weitver­bre­it­etem poli­tis­chem Chaos, welch­es eine neue Welle pop­ulis­tis­ch­er Mobil­isierung befeuerte. Dies­mal jedoch wur­den Pop­ulis­mus und Nativis­mus grössten­teils nicht miteinan­der ver­mis­cht. Die Pop­ulis­ten, eine vor­wiegend land­wirtschaftliche Bewe­gung, die sich mit der begin­nen­den Arbeit­er­be­we­gung ver­bün­dete– äusserten sel­ten nativis­tis­che Gefüh­le. Die weni­gen Male, bei welchen die nativis­tis­che Wut aus­brach, richteten sich in der Regel gegen britis­che Inve­storen und abwe­sende Grundbe­sitzer und, vor allem im paz­i­fis­chen West­en, gegen chi­ne­sis­che Arbeit­er. Hier waren es vor allem Frauen in der Arbeit­er­be­we­gung, welche gegen die Chi­ne­sen het­zten und sie beschuldigten, Frauen ihre Beruf­s­möglichkeit­en wegzunehmen.

Die amerikanis­che Nativis­mus­be­we­gung des 19. Jahrhun­derts zeigte sich fol­gen­schw­er. Trotz Wach­s­tum und Abflauen der Bewe­gung hin­ter­liess sie als Erbe ein potentes Reper­toire an poli­tis­chen Auseinan­der­set­zun­gen und Stre­it­punk­ten. Zen­trale Ele­mente davon waren die Vorstel­lun­gen ein­er kul­turellen Inkom­pat­i­bil­ität und ein stark­er Fokus auf die Frage nach der nationalen Iden­tität, auf welchen der nativis­tis­che Diskurs und seine Rhetorik bis heute fusst – weit über den amerikanis­chen Kon­text hin­aus. So kann man beispiel­sweise die Beschuldigung von promi­nen­ten europäis­chen Poli­tik­ern des recht­sradikalen Flügels wie Geert Wilders und Heinz Chris­t­ian Stra­che betra­cht­en, welche den Islam als fun­da­men­tal inkom­pat­i­bel mit der lib­eralen Demokratie, Frauen­recht­en, Gle­ich­berech­ti­gung von Schwulen, Les­ben, etc. betra­cht­en.

Die Wurzeln des derzeit­i­gen europäis­chen Pop­ulis­mus des recht­sradikalen Flügels kann  aber auch auf einen  «ein­heimis­chen» Fall von pop­ulis­tis­ch­er Mobil­isierung zurück­ge­führt wer­den – die «Boulangis­ten­be­we­gung» («Boulangist Move­ment»), welche in den späten 1880er-Jahren startete und für einige Jahre das poli­tis­che Fun­da­ment der Drit­ten Franzö­sis­chen Repub­lik erschüt­terte. Diese Bewe­gung startete als eine ungle­iche Koali­tion von Anti-Estab­lish­ment-Grup­pierun­gen, vere­int in ihrem Frust gegenüber der Insta­bil­ität, der Stag­na­tion und der ver­muteten Kor­rup­tion der poli­tis­chen Führung. Überlis­tet vom poli­tis­chen Estab­lish­ment und ver­lassen von ihren Führern, welche ins Exil flo­hen, kol­la­bierte die Bewe­gung schnell. Der engagierteste mil­i­tante Flügel jedoch, hin­ter seinem Führer, Mau­rice Bar­rès, liess sich eine inno­v­a­tive, pro­gram­ma­tis­che Mis­chung ein­fall­en. Es brachte ver­schiedenar­tige nativis­tis­che Ideen zusam­men zu einem kohärenten «nation­al­sozial­is­tis­chen» Pro­gramm, welch­es darauf aus­gelegt war, urbane Arbeit­er anzuziehen. Der Eckpfeil­er sein­er Vorstel­lung waren Forderun­gen für nationale Sicher­heit, beson­ders gegenüber aus­ländis­chen Arbeit­skräften.

Wenn Nativis­mus eine sub­stanzielle Anzahl an Wäh­len­den berührt, liegt dies daran, dass tief­sitzende, men­schliche Emo­tio­nen ange­sprochen und ange­zo­gen wer­den – Sorge, Angst und Ver­bit­terung. Gegen die Avan­cen des recht­sradikalen Pop­ulis­mus anzukämpfen, bedeutet, sich gegen die Ursachen dieser Emo­tio­nen einzuset­zen: Dein­dus­tri­al­isierung, eine sich schnell entwick­el­nde, soziale Ungle­ich­heit, der wach­sende Ver­lust von Sol­i­dar­ität, indi­vidu­ellem Selb­st­wert und -sinn. Dies bed­ingt Lösun­gen, welche weit über die Vorstel­lung von ökonomis­ch­er Kom­pen­sa­tion hin­aus­ge­ht, die der tra­di­tionelle Weg sind, um den Ver­lier­ern von Han­del und Glob­al­isierung zu helfen. Den Opfern Vor­würfe zu machen – so wie es Hillary Clin­tons berühmt-berüchtigte Tirade gegen die «Deplorables» (die «Kläglichen») vor­ma­chte – ist falsch und kon­trapro­duk­tiv.


Hin­weis: Dieser Beitrag basiert auf dem Kapi­tel von Hans-Georg Betz aus dem Son­der­heft der Schweiz­erischen Zeitschrift für Poli­tik­wis­senschaft zum Pop­ulis­mus (Heft 23(4), 2017):

Bild: New­bold Hough Trot­ter (1827–1898), Wiki­me­dia Com­mons.

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