Im Wahlkampf 2023 gelang es der SVP, die in ihrer Wählerschaft vorhandenen negativen Gefühle gegenüber Migrant*innen und Feminist*innen direkt in Wahlerfolge umzumünzen. Dies zeigen unsere Analysen der Panelbefragung der Schweizer Wahlstudie (Selects).

Das Thema Migration und Asyl stand im Zentrum des Wahlkampfs der SVP im Jahr 2023. Die online verbreiteten Anzeigen der Partei, die Tatorte und Gewaltszenen zeigten und diese systematisch mit der ausländischen Nationalität der Täter*innen in Verbindung brachten, wurden von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus als rassistisch eingestuft. Zudem bewirtschaftete die SVP in ihrem Wahlkampf die Geschlechterfrage und ihre Ablehnung der Gender-Ideologie, indem sie ihre traditionell konservativen Positionen zu Frauenrechten und Geschlechtergleichstellung in den breiteren Diskurs über die Bekämpfung von Wokismus einbettete.
Für unsere Analyse nutzen wir den Analyserahmen der Referenzgruppen. Dieser geht davon aus, dass für den Wahlentscheid zentral sein kann, wie unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen von den Wähler*innen wahrgenommen werden und welche Gefühle ihnen gegenüber bestehen. Ein zentraler Aspekt dieser Theorie ist, dass Individuen nicht zwingend selbst Teil der betreffenden Gruppen sein oder ein Zugehörigkeitsgefühl zu ihnen haben müssen, um negative oder positive Gefühle gegenüber diesen Gruppen zu entwickeln. In gewisser Weise wird Politik zugänglicher, wenn im politischen Diskurs einzelne gesellschaftliche Gruppen benannt werden und Politik vor allem als Konflikt zwischen bestimmten Gruppen dargestellt wird. Die Bürger*innen verstehen Politik leichter, wenn sich politische Akteur*innen auf konkrete Gruppen beziehen und nicht primär politische Massnahmen und Reformen diskutieren.
Ein eigenständiger Effekt von Gefühlen
Unsere Analysen, basierend auf Daten der Panelbefragung der Schweizer Wahlstudie (Selects) 2023, zeigen, dass der Wahlentscheid zugunsten der SVP mit negativen Gefühlen gegenüber Migrant*innen verbunden ist: Je stärker diese negativen Gefühle ausgeprägt sind, desto höher liegt die Wahrscheinlichkeit, die SVP zu wählen.
Dieses Ergebnis dürfte aufmerksame Beobachter*innen der Schweizer Politik kaum überraschen. Entscheidend ist jedoch, dass diese Antipathie einen eigenständigen Einfluss auf die Wahlentscheidung ausübt. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Bürger*innen unterschiedlich restriktive Ansichten zur Migrationspolitik haben, führen negative Gefühle gegenüber Migrant*innen zu einer stärkeren Unterstützung der SVP. Ähnliche Ergebnisse zeigen sich auch in Bezug auf den Feminismus: Antipathie gegenüber Feminist*innen erhöht die Wahrscheinlichkeit, die SVP zu wählen – selbst unter Berücksichtigung der Einstellungen zur Gleichstellung von Männern und Frauen.
Positive Gefühle begünstigen die Wahl linker Parteien
Gleichzeitig beobachten wir, dass positive Gefühle gegenüber Migrant*innen sowie Feminist*innen noch enger mit dem Wahlentscheid zugunsten einer Linkspartei verbunden sind. Wer diesen Gruppen positiv gegenübersteht, wählt mit höherer Wahrscheinlichkeit links, und dieser Effekt ist sogar stärker als der Einfluss negativer Gefühle auf die Wahl der SVP. Dies deutet darauf hin, dass rechtspopulistische Parteien zwar davon profitieren können, Ressentiments gegenüber diesen Gruppen zu schüren. Gleichzeitig birgt diese Strategie jedoch das Risiko einer Gegenmobilisierung von Wähler*innen, die diesen Gruppen positiv gegenüberstehen.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass Gefühle gegenüber gesellschaftlichen Gruppen auch kurzfristig einen Einfluss auf das Wahlverhalten haben können. Negative Gefühle können dazu führen, dass Menschen ihre Wahlabsicht im Verlauf des Wahlkampfs ändern.
So geht aus unseren Analysen hervor, dass Personen, die im Juni 2023 angaben, Parteien aus dem bürgerlichen Zentrum wählen zu wollen, am Wahltag eher der SVP ihre Stimme gaben, wenn ihre Ablehnung gegenüber Migrant*innen sowie Feminist*innen im Verlauf des Wahlkampfs zugenommen hatte. Dies deutet darauf hin, dass Ressentiments im Wahlkampf aktiviert und mobilisiert werden können und auch dazu beitragen, neue Wähler*innen zu gewinnen.
Dieser Artikel ist eine Kurzfassung von:
- Tresch, Anke und Line Rennwald (2026). Explaining the Populist Radical Right’s Success in the 2023 Swiss National Elections: A Reference Group Perspective. Swiss Political Science Review, Vol. 32, Issue 2.
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