Frauen gelten als einfühlsam und vermittelnd, Männer als durchsetzungsstark und kompetent. Diese Klischees über Politikerinnen und Politiker sind in der Bevölkerung gut dokumentiert. Doch was ist mit ihnen selbst? Haben Politiker und Politikerinnen ebenfalls solche Vorurteile über ihre Kolleginnen und Kollegen? Unsere Studie liefert überraschende Antworten.
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Wählerinnen und Wähler politischen Kandidierenden stereotype Eigenschaften zuschreiben. Politikerinnen gelten als mitfühlender, ehrlicher und kooperativer, Politikern wird mehr Entschlossenheit, Führungsstärke und Kompetenz zugetraut. Ähnliche Muster zeigen sich bei Politikfeldern: Männern traut man mehr zu in Verteidigung, Wirtschaft und Sicherheit, Frauen mehr bei Sozialthemen und Gleichstellungsfragen.
Was bislang kaum untersucht wurde ist, ob diese Klischees auch unter Politikerinnen und Politikern selbst zu finden sind. Gerade aus gesellschaftlicher, aber auch aus demokratietheoretischer Sicht wäre es besonders interessant zu wissen, ob politische Eliten auch stereotype Zuschreibungen von Charaktereigenschaften und Politikfeldern machen.
Unsere neue Studie nutzt Daten der Schweizer Wahlstudie (SELECTS) aus den Jahren 2019 und 2023, um genau diese Frage zu beantworten. Befragt wurden einerseits Kandidierende für den National- und Ständerat – also politische Eliten –, andererseits eine repräsentative Stichprobe der Schweizer Bevölkerung. Beide Gruppen beantworteten identische Fragen zu geschlechtsspezifischen Stereotypen: Welche Eigenschaften treffen eher auf Männer oder Frauen in der Politik zu? Welche Politikfelder entsprechen eher einem Politiker oder einer Politikerin?
Die persönlichen Eigenschaften umfassten vier Merkmale: ehrgeizig und durchsetzungsstark (männlich konnotiert) sowie konsensorientiert und mitfühlend (weiblich konnotiert). Bei den Politikfeldern wurde nach Einschätzungen zu Verteidigung und Sicherheit sowie Wirtschaft (männlich konnotiert) und zu Sozialpolitik sowie Gleichstellung (weiblich konnotiert) erhoben.
Das überraschende Ergebnis: Politiker:innen haben stereotypere Ansichten als Bürger:innen
Die Ausgangshypothese der Studie war, dass Politikerinnen und Politiker entweder ähnlich viele Stereotype hegen wie die Bevölkerung – oder sogar weniger, weil sie besser informiert sind und täglich mit weiblichen und männlichen Kolleginnen und Kollegen in Führungspositionen zusammenarbeiten. Beide Erwartungen wurden widerlegt.
Abbildung 1: Anteil stereotyper Antworten zu Charaktereigenschaften (%) Wählende und Kandidierende im Vergleich, 2019-2023 (in %)
Signifikanztests vergleichen Politiker:innen mit Bürger:innen. * p < 0.05, ** p < 0.01, *** p < 0.001, ns = nicht signifikant. Die Daten der Bürger:innen sind gewichtet.
Aus Abbildung 1 wird ersichtlich, dass Kandidierende stereotypere Einschätzungen als die Bevölkerung zeigen – und zwar über alle vier persönlichen Eigenschaften hinweg und in beiden Wahljahren. Je nach Eigenschaft und Jahr liegt der Anteil stereotyper Antworten bei den Politikerinnen und Politikern zwischen rund einem Drittel und zwei Dritteln – gegenüber rund einem Fünftel bis knapp 60 Prozent bei den Bürgerinnen und Bürgern. Die Unterschiede sind statistisch signifikant.
Dasselbe Muster zeigt sich bei den Politikfeldern: Auch hier ordnen Politiker:innen Verteidigung, Wirtschaft, Sozialpolitik und Gleichstellung geschlechtsstereotyper zu als die Bevölkerung, wie Abbildung 2 zeigt.
Abbildung 2: Anteil stereotyper Antworten zu Politikfeldern (%) Wählende und Kandidierende im Vergleich, 2019-2023 (in %)
Signifikanztests vergleichen Politiker:innen mit Bürger:innen. ** p < 0.01, *** p < 0.001. Die Daten der Bürger:innen sind gewichtet.
Besonders ausgeprägt ist das Klischee beim Politikfeld Gleichstellung: Rund drei Viertel der befragten Kandidierenden sehen Gleichstellungspolitik als typisch weibliches Thema. Dies ist sowohl bei der Bevölkerung als auch unter den Politikerinnen und Politikern selbst der Fall. Die Wirtschaft gilt dagegen als das am wenigsten geschlechtsgeprägte Politikfeld, aber selbst hier urteilen die Kandidierenden stereotyper als die Bevölkerung.
Warum haben Politiker:innen stereotypere Ansichten über Geschlechterrollen in der Politik?
Intuitiv würde man erwarten, dass Menschen, die täglich in der Politik arbeiten und regelmässig mit Kolleginnen und Kollegen beider Geschlechter in Führungspositionen interagieren, weniger anfällig für solche Klischees sind. Im Artikel diskutieren wir verschiedene Erklärungsansätze.
Erstens sind Politikerinnen und Politiker zwar im Schnitt besser gebildet als die Allgemeinbevölkerung, aber sie operieren in einem Umfeld, das nach wie vor stark männlich geprägt ist. Führungspositionen in als „hart” geltenden Ressorts wie Verteidigung oder Finanzen sind in westlichen Ländern noch immer mehrheitlich männlich besetzt. Diese strukturelle Realität kann Stereotype eher bestätigen als abbauen. Es scheint also, dass der direkte Kontakt mit weiblichen Politikerinnen offenbar nicht zuverlässig vor stereotypen Einschätzungen schützt solange Frauen in bestimmten Schlüsselpositionen weiterhin unterrepräsentiert sind.
Auch könnte es sein, dass Kandidierende bewusst auf verbreitete Klischees zurückgreifen. Dies nicht, weil sie selbst so denken, sondern weil sie davon ausgehen, dass dies von der Wählerschaft erwartet wird. Wer in Wahlkämpfen erfolgreich sein will, orientiert sich an den Erwartungen des Publikums.
Stabilität über die Zeit: keine Anzeichen eines Wandels
Die Daten aus zwei Wahlen (2019 und 2023) geben keinen Hinweis darauf, dass stereotype Einschätzungen abnehmen. Wenn überhaupt, deuten die Zahlen eher auf Stabilität oder leichten Anstieg hin. Bemerkenswert ist, dass selbst der historische Sprung im Frauenanteil im Nationalrat 2019 und die Ernennung der ersten weiblichen Verteidigungsministerin Viola Amherd keine messbaren Verschiebungen in den Einschätzungen ausgelöst haben – zumindest nicht in dem kurzen untersuchten Zeitfenster.
Das legt nahe, dass politische Repräsentation allein nicht ausreicht, um tief verwurzelte Stereotype aufzuweichen. Solche Veränderungen vollziehen sich wohl über längere Zeiträume und auf indirekten Wegen.
Was bedeutet das für die Demokratie?
Die Ergebnisse werfen eine unbequeme Frage auf: Wenn Politikerinnen und Politiker selbst geschlechterstereotype Vorstellungen hegen, wer bringt dann Wandel in die politische Praxis? Dazu muss zuerst einmal festgehalten werden, dass es unklar bleibt, wie stark diese stereotypen Vorstellungen tatsächlich die Handlungen der Politikerinnen und Politiker beeinflusst, d.h. ob sie sich von diesen Vorstellungen in ihrer täglichen Arbeit als Politiker:in beeinflussen lassen.
Gleichzeitig liefert die Studie einen neuen Blickwinkel auf ein bekanntes Phänomen, nämlich Wahlkampagnen, die geschlechterstereotype Bilder und Sprache reproduzieren. Bisherige Forschung hat das oft als strategisches Kalkül interpretiert: Kandidierende spielen auf die Erwartungen der Wählerschaft. Die neuen Befunde legen nahe, dass hinter diesem Verhalten auch echte Überzeugungen stecken können.
Für die Repräsentationsforschung ist das ein wichtiger Hinweis: Zwischen den Stereotypen der Wählerinnen und Wähler und jenen der Kandidierenden gibt es keine Lücke – im Gegenteil. Was das langfristig für die politische Willensbildung und die Karrierechancen von Frauen in der Politik bedeutet, bleibt eine offene und dringende Frage.
Dieser Artikel ist eine Kurzfassung von:
- Giger, Nathalie und Tresch, Anke (2026) Political Gender Stereotypes in Parallel: Are Elites or Citizens More Prejudiced? Swiss Political Science Review, Vol. 32, Issue 2.
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