Die Schweiz ist stolz auf ihren Wohlstand, doch Armut ist auch hierzulande nach wie vor eine Realität: 8,1 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze und 16 Prozent sind von Armut bedroht. Obwohl das Thema in der Regel in Wahlkämpfen nur am Rande vorkommt, beeinflusst die Art und Weise, wie die Bürger:innen die Ursachen für Armut bewerten dennoch ihre Wahlentscheidung. Dies zeigt eine Analyse der Wahlstudie Selects für die eidgenössischen Wahlen 2023.

Ist Armut eine Ungerechtigkeit, die durch staatliches Handeln behoben werden kann, oder ist sie eine Situation, die sich aus dem Handeln der Menschen selbst ergibt, oder gar eine Art Schicksal? Wir alle haben eine Meinung zu den Ursachen der Armut – unabhängig davon, ob wir direkt damit konfrontiert sind oder nicht. Diese Haltungen über die Ursachen der Armut sind jedoch prägend: Sie sind Teil einer umfassenderen Sichtweise auf die soziale Welt und ihre Funktionsweise. Erklärungen für Armut haben daher potenziell einen Einfluss auf das Wahlverhalten, vorausgesetzt, ihre Vielfalt spiegelt sich im parteipolitischen Angebot wider.[1]
Warum leben manche Menschen in Armut ?
Wir unterscheiden vier Erklärungsansätze für Armut, die auf zwei Dimensionen gemessen werden: (1) die Ebene der Erklärung, d. h. individuell oder sozial, und (2) die Art der Kausalität zwischen Verantwortung und Schicksal. Durch die Kombination dieser beiden Dimensionen lassen sich alle gängigen Erklärungen für Armut abdecken (van Oorschot & Halman, 2000). Um dies zu untersuchen, haben wir in der Selects-Panelbefragung zu den eidgenössischen Wahlen 2023 folgende Frage gestellt:
Warum leben in diesem Land Menschen in Armut? In Debatten zu diesem Thema werden oft verschiedene Erklärungen angeführt. Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen zu? Wenn manche Menschen in Armut leben, dann liegt das daran, dass…
- Weil sie faul sind oder es ihnen an Willenskraft mangelt (individuelle Verantwortung, IV)
- Weil sie Pech hatten (individuelles Schicksal, IS)
- Weil es in unserer Gesellschaft viel Ungerechtigkeit gibt (soziale Verantwortung, SV)
- Weil es eine unvermeidliche Folge der Entwicklung unserer modernen Gesellschaft ist (gesellschaftliches Schicksal, GS).
Jede dieser Aussagen wurde von den Befragten der Umfrage auf einer Skala von 0 (stimme überhaupt nicht zu) bis 10 (stimme voll und ganz zu) bewertet.
Abbildung 1 zeigt den Grad der Zustimmung zu jeder dieser Erklärungen von Armut an. Sie verdeutlicht, dass die Zuschreibung von Armut auf soziale Verantwortung (SV) mit Abstand die am stärksten unterstützte Erklärung ist (M = 6,29), während die Zuschreibung der Verantwortung an das Individuum (IV) die geringste Zustimmung erfährt (M = 2,89). Die beiden fatalistischen Erklärungen nehmen eine mittlere Position ein, wobei die Zustimmungswerte stärker auseinandergehen. Insgesamt erscheinen die auf Verantwortungszuschreibungen beruhenden Erklärungen stärker polarisierend, während die fatalistischen Deutungen eher diffuser sind.
Abb. 1: Verteilung der Zustimmung zu den verschiedenen Ursachenklärungen von Armut in der Stichprobe (N = 4.206).
Datenbasis : SELECTS 2023.
Diese Sichtweisen auf Armut prägen das Wahlverhalten
Auch wenn sich ein allgemeiner Trend abzeichnet, bleibt zu klären, inwieweit die unterschiedliche Zustimmung zu den verschiedenen Erklärungsmodellen für Armut mit unterschiedlichem Wahlverhalten einhergeht. Wir haben dies anhand eines Modells zur Vorhersage des Wahlverhaltens untersucht, wobei wir verschiedene soziodemografische und einstellungsbezogene Faktoren berücksichtigt haben.[2]
Auf dieser Grundlage fasst Abbildung 2 die Zusammenhänge zwischen dem Grad der Zustimmung zu den einzelnen Erklärungsansätzen für Armut und der Wahlwahrscheinlichkeit für die vier wichtigsten Parteienblöcke zusammen. Dies sind die Linke, das Zentrum (bestehend aus Die Mitte, GLP und andere Zentrumsparteien), FDP und Rechte (dazu gehören die SVP und rechte Kleinparteien). Dabei zeichnen sich mehrere klare Tendenzen ab.
Abb. 2: Vorhergesagte Wahrscheinlichkeit, für verschiedene politische Blöcke zu stimmen (95%-Konfidenzintervalle), je nach Zustimmung zu unterschiedlichen Erklärungen von Armut.

Datenbasis : SELECTS 2023 · Die durchgezogenen Linien zeigen die statistisch signifikanten marginalen Effekte an (p < 0,05).
Die Wahl einer linken Partei wird vor allem mit der Ablehnung der individuellen Verantwortung (IV) und der Befürwortung der sozialen Verantwortung (SV) in Verbindung gebracht. Während man bei den rechten Blöcken eine einfache Symmetrie erwarten könnte, zeigt sich eine Divergenz zwischen der FDP und der SVP, die auf unterschiedliche Logiken hindeutet. Die Stimmabgabe für die FDP ist eher mit einer Ablehnung der sozialen Verantwortung (SV) als mit einer Befürwortung der individuellen Verantwortung (IV) verbunden, was nicht ganz mit der liberalen Doktrin der Partei in Fragen der Armut übereinstimmt.
Umgekehrt ist die Stimmabgabe für die SVP eher mit individueller Verantwortung (IV) und gesellschaftliches Schicksal (GS) verbunden als mit der Ablehnung sozialer Verantwortung (SV). Die Rechte erscheint in diesen Fragen also weniger homogen, als man auf den ersten Blick annehmen könnte. Zudem scheinen die Zuschreibungen von Armut keinen Einfluss auf die Stimmabgabe zugunsten des politischen Zentrums zu haben. Diese Zusammenhänge bleiben unabhängig von anderen Faktoren wie der Unterstützung für Umverteilung bestehen, was darauf hindeutet, dass die Wahrnehmungen der Ursachen von Armut im Kontext der eidgenössischen Wahlen 2023 einen eigenständigen Einfluss auf das Wahlverhalten ausüben.
Schlussfolgerung
Armut ist in der Schweiz zwar ein politisches Thema, jedoch weniger aufgrund ihrer Präsenz in öffentlichen Debatten als aufgrund der Wahlentscheidungen, die sie beeinflusst. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Zuschreibung der Ursachen von Armut mit unterschiedlichen Präferenzen für die vier wichtigsten Parteifamilien in der Schweiz zusammenhängt. Letztendlich zeigt sich, dass die Erklärungen für Armut keine isolierte Darstellung eines sozialen Problems sind. Auch wenn sie nicht immer überlegt sind oder auf einer bestimmten Ideologie beruhen, sind die «laienhaften» Erklärungen dennoch aufschlussreich für eine bestimmte Art, die soziale Welt und die Rolle der Politik zu begreifen; sie dienen somit als Orientierungshilfe für das Wahlverhalten.
[1] Diese Voraussetzung scheint angesichts der jeweiligen doktrinären Traditionen und diskursiven Rahmenbedingungen der vier wichtigsten Parteifamilien in der Schweiz erfüllt zu sein. Die Linke neigt dazu, Armut als strukturelles Problem zu begreifen, das ein staatliches Eingreifen erfordert, was im Einklang mit ihrem Bekenntnis zu Gleichheit steht. Die liberale Rechte legt den Schwerpunkt stärker auf die Eigenverantwortung, schätzt Marktmechanismen und vertritt die Haltung eines zurückhaltenden Staates. Die Rechte fügt dem eine Logik der Leistung und der Unterscheidung zwischen als legitim oder nicht legitim erachteten Leistungsempfängern hinzu, oft in Verbindung mit ausgrenzenden Vorstellungen von «Schmarotzern». Das politische Zentrum nimmt eine Zwischenposition ein, die stärker auf Solidarität und pragmatische Anpassungen ausgerichtet ist, ohne Armut zu einem zentralen politischen Thema zu machen.
[2] Dazu gehören insbesondere Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, Einkommen, Sprachregion, Kantone, Informationsstand über Politik, politisches Interesse, subjektive Bedeutung sozialer Themen und Unterstützung für Umverteilung.
Dieser Artikel ist eine Kurzfassung von:
- Marquis, Lionel, & Sparer, Jessy (2026). Poverty attributions and voting choices in the 2023 Swiss national elections. Swiss Political Science Review, Vol. 32, Issue 2.
Referenzen:
- BFS (2023). Armut und Deprivation. (Letzer Besuch November 2025).
- van Oorschot, W., & Halman, L. (2000). Blame or fate, individual or social? An international comparison of popular explanations of poverty. European Societies, 2(1), 1-28. https://doi.org/10.1080/146166900360701
- Marquis, L., & Sparer, J. (2026). Poverty attributions and voting choices in the 2023 Swiss national elections. Swiss Political Science Review, Early View pp. DOI : https://doi.org/10.1111/spsr.70035
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