Einleitung
Arbeiten Sie in der Regel gründlich und effizient? Vergeben Sie schnell? Werden Sie schnell nervös? Diese Persönlichkeitsmerkmale können möglicherweise etwas darüber aussagen, auf welcher Staatsebene Sie eine Politik bevorzugen. Die Frage, wer für Bildung, Gesundheit oder Umwelt verantwortlich sein soll, gehört zum Kern demokratischer Aushandlungsprozesse in föderalen Systemen, und wird v.a. im Kontext von Reformen der Aufgabenverteilung rege diskutiert. Bislang haben Studien vor allem politische Faktoren wie Ideologie, Vertrauen in Institutionen oder regionale Identität untersucht (Schneider, Jacoby, und Lewis 2011). Weniger beachtet wurde jedoch, dass auch psychologische Merkmale eine Rolle spielen können. Die sogenannten Big Five umfassen fünf grundlegende Dimensionen der menschlichen Persönlichkeit: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus (Gerber et al. 2010). Dieses in der Psychologie weit verbreitete Modell erfasst stabile Unterschiede in Denken, Emotion und Verhalten, die kulturübergreifend beobachtet werden können. Offenheit beschreibt die Neigung zu Kreativität, Neugier und intellektueller Flexibilität; Gewissenhaftigkeit steht für Organisation, Zielstrebigkeit und Pflichtbewusstsein. Extraversion umfasst Energie, Geselligkeit und Aktivität, während Verträglichkeit durch Empathie, Kooperation und Altruismus gekennzeichnet ist. Neurotizismus schließlich beschreibt emotionale Instabilität, Anfälligkeit für Sorgen und Stress. Dieser Beitrag beleuchtet, wie diese Persönlichkeitsmerkmale die Haltung der Bürgerinnen und Bürger zur vertikalen Verteilung politischer Verantwortung prägen (vgl. Gerber et al. 2010).
Forschungsansatz
Unsere Analyse stützt sich auf eine Befragung in sechs Ländern mit unterschiedlichen territorialen Strukturen: Australien, Belgien, Kanada, die Schweiz und die USA als föderale Staaten sowie Frankreich als starkzentralisierter, aber zunehmend regionalisierter Staat. Zwischen 2020 und 2021 wurden über 8.700 Personen zu ihren Präferenzen hinsichtlich der Zuständigkeit in neun Politikfeldern befragt. Die Antworten wurden in drei Kategorien verdichtet: zentral, geteilt oder regional. Zudem haben wir Persönlichkeitsmerkmale anhand des Big-Five-Modells erhoben: Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Offenheit, Extraversion und Neurotizismus.
Ergebnisse
Die Befragung zeigt deutlich, dass geteilte Zuständigkeiten (also Fälle, in denen sowohl nationale als auch regionale Akteure in die öffentliche Aufgabenerfüllung involviert sind) in allen untersuchten Ländern die bevorzugte Lösung ist. Besonders stark ist diese Tendenz in der Schweiz (73 %), Kanada (68 %) und den USA (68 %) ausgeprägt. Belgien bildet eine Ausnahme, in der fast ebenso viele Bürgerinnen und Bürger eine zentrale Verantwortung bevorzugen wie eine geteilte. Kanada weist wiederum den geringsten Anteil an Zentralisten (9 %) und den höchsten Anteil an Regionalisten (23 %) auf. Abbildung 1 verdeutlicht diese Unterschiede.
Abbildung 1 – Präferenzen für Regierungsebene nach Ländern
Daten: Autor:Innen · Grafik: Sophie De Stefani, DeFacto. Dargestellt ist der Anteil der Befragten, die angeben, dass politische Verantwortung hauptsächlich auf zentraler, geteilter oder regionaler Ebene liegen sollte. Die Anteilen summieren sich je Land zu 100%.
Die Persönlichkeitsmerkmale spielen dabei eine wichtige Rolle:
- Gewissenhafte Personen bevorzugen klarere Strukturen und neigen stärker zu zentralen Lösungen.
- Verträgliche Personen setzen auf Kooperation und teilen Entscheidungen lieber zwischen den Ebenen.
- Neurotische Personen fühlen sich stärker von regionalen Zuständigkeiten angesprochen, weil Nähe und Vertrautheit Unsicherheiten mindern können.
Diskussion und Implikationen
Die Ergebnisse machen deutlich, dass politische Präferenzen nicht allein durch Ideologie oder institutionelle Faktoren bestimmt werden. Auch Persönlichkeitsmerkmale wirken sich systematisch auf die Vorstellungen darüber aus, welche Ebene Verantwortung übernehmen soll. Für Politik und Verwaltung bedeutet dies, dass Reformen des Föderalismus auf eine Bevölkerung treffen, die aufgrund ihrer psychologischen Dispositionen unterschiedlich reagiert. Politische Kommunikation sollte deshalb individueller ansetzen: Botschaften, die Kooperation und geteilte Verantwortung betonen, sprechen etwa besonders verträgliche Personen an. Gleichzeitig zeigt der länderübergreifende Vergleich, dass die Bevölkerung in föderalen Systemen stark zu geteilten Lösungen tendiert. Unsere Studie suggeriert somit, dass Föderalismus nicht nur als institutionelles Arrangement, sondern auch als gelebte Präferenz für Zusammenarbeit verstanden werden sollte.
Referenzen
Ajazaj, I., Bundi, P., & Mueller, S. (2025). Personality and Preferences for Territorial Scales. Publius: The Journal of Federalism.
Gerber, A. S., Huber, G. A., Doherty, D., Dowling, C. M., & Ha, S. E. (2010). Personality and political attitudes: Relationships across issue domains and political contexts. American Political Science Review, 104(1), 111–133.
Schneider, S. K., Jacoby, W. D., & Lewis, D. C. (2011). Public opinion toward intergovernmental policy responsibilities. Publius: The Journal of Federalism, 41(1), 1–30.
Bild: unsplash.com
Bemerkung: Dieser Beitrag stammt aus dem 11. IDHEAP Policy Brief.







