Tiefe Wahlteilnahme von Schweizerinnen und Schweizern mit Migrationshintergrund – sind die Eltern schuld?

Personen mit Migrationshintergrund nehmen meist weniger an Wahlen teil als solche ohne Migrationshintergrund – auch in der Schweiz. Doch warum ist das so? Wie eine neue Untersuchung mit den Daten der Nachwahlbefragung der Schweizer Wahlstudie Selects zeigt, hängt dies vor allem mit dem politischen Verhalten der Eltern zusammen.

 

Die Wahlbeteiligung der Schweizerinnen und Schweizer mit Migrationshintergrund lag im Jahr 2015 in der verwendeten Stichprobe rund zwölf Prozent tiefer als diejenige der Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund. Obwohl in der Schweiz eine vergleichsweise restriktive Einbürgerungspolitik herrscht und Ausländerinnen und Ausländer auf nationaler Ebene über kein Wahlrecht verfügen, hat mittlerweile jede dritte Schweizer Stimmbürgerin bzw. Stimmbürger einen Migrationshintergrund.

 

„Participation gap“ zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund

Damit gehört die Schweiz zu den Ländern Europas, die einen der höchsten Anteile an Personen mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung aufweisen. Weshalb sich das politische Verhalten der Stimmbürgerschaft mit Migrationshintergrund deutlich von dem, der Schweizer Bürgerinnen und Bürger ohne Migrationshintergrund unterscheidet, habe ich in meiner Bachelor-Arbeit untersucht.

 

Die Wahlteilnahme wird in der Regel mit verschiedenen Faktoren erklärt, so zum Beispiel mit dem Bildungsniveau, dem politischen Interesse und Wissen, der politischen Sozialisierung sowie der politischen Integration. Wie sich in meinen Analysen gezeigt hat, spielt bei Personen mit Migrationshintergrund vor allem die politische Sozialisierung eine grosse Rolle. Das heisst, dass der wichtigste Grund für die tiefe Wahlteilnahme der Schweizerinnen und Schweizer mit Migrationshintergrund derjenige ist, dass deren Eltern aus der ersteren Migrationsgeneration in der Regel nicht wählen gegangen sind.

 

Für die politische Integration von Personen mit Migrationshintergrund stellt dies eine grosse Herausforderung dar. Weil der Hauptgrund für die tiefe Wahlteilnahme in der politischen Sozialisierung während der Kindheit zu finden ist, steht der negative Einfluss von Migrationshintergrund auf die Wahlteilnahme bereits fest, wenn die Eltern nicht wählen gegangen sind. Dieser partizipationshemmende Einfluss scheint sich auch im späteren Leben nur schwer abzuschwächen und der tiefen Wahlteilnahme kann auch durch integrierende oder mobilisierende Einflüsse nur schwer entgegengewirkt werden.

 

Der Einfluss der elterlichen Wahlteilnahme

Gemäss dem soziologischen Ansatz der Partizipationsforschung ist die Zeit zwischen Kindheit und Jugend die ausschlaggebende Phase für das spätere Verhalten eines Menschen. Zu dieser Zeit üben insbesondere die Eltern einen grossen Einfluss auf ihre Kinder aus, auch bezüglich des späteren politischen Verhaltens. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die aus Elternhäusern stammen, in denen die Wahlteilnahme selbstverständlich war, eine grössere Wahrscheinlichkeit haben, als Erwachsene ebenfalls wählen zu gehen als Kinder, deren Eltern nicht an Wahlen teilgenommen haben.

 

Entgegen der ursprünglichen Erwartung verfügen Schweizerinnen und Schweizer mit Migrationshintergrund nicht über ein tieferes Bildungsniveau als Schweizerinnen und Schweizer ohne Migrationshintergrund – in der von mir verwendeten Stichprobe wiesen erstere sogar eine leicht höhere Bildung auf. Die tiefe Wahlteilnahme der Personen mit Migrationshintergrund kann also nicht durch das Bildungsniveau erklärt werden. Auch die beiden weiteren untersuchten Faktoren ‚politisches Wissen‘ und ‚politisches Interesse‘ liefern keine signifikante Erklärung für die tiefe Wahlteilnahme, obschon Schweizerinnen und Schweizer mit Migrationshintergrund im Durchschnitt über ein leicht tieferes politisches Wissen und Interesse verfügen.

 

Aktualität fordert Verständnis

Beschäftigt man sich also mit der Wahlteilnahme von Schweizer Bürgerschaft mit Migrationshintergrund oder versucht man die politische Integration von Migrantinnen und Migranten zu fördern, muss man sich unausweichlich mit dem politischen Verhalten der Elterngeneration auseinandersetzen. Bisher bleibt allerdings noch ungeklärt, weshalb die Eltern von Personen mit Migrationshintergrund deutlich weniger an Wahlen teilnehmen. Eine denkbare Erklärung hierfür liegt darin, dass bei ihnen die Wahrscheinlichkeit grösser ist, dass sie (noch) nicht eingebürgert waren – und somit gar nicht wählen konnten – oder dass sie aus einem autoritären Land stammen – und somit nicht mit der demokratischen Tradition vertraut sind.

 

Die Forschung über den Zusammenhang von Migrationshintergrund und Wahlteilnahme birgt somit für die Zukunft noch zahlreiche relevante und interessante Fragen, die bisher noch nicht aufgegriffen worden sind. Angesichts der Aktualität der Themen wie Migration, Einbürgerung von Ausländern und der Schweizerischen Identität im europäischen Umfeld, wird ein Verständnis über migrationsbezogene Fragen stetig an Bedeutung gewinnen.

 


 

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