Junge Menschen haben selten direkten Kontakt zu politischen Institutionen, entwickeln jedoch bereits ein gewisses Mass an politischem Vertrauen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Erfahrungen mit Fairness in der Schule eine wichtige Rolle bei der Prägung dieser frühen Einstellungen spielen.
Wie entsteht politisches Vertrauen?
Politisches Vertrauen gilt als Eckpfeiler demokratischer Stabilität. Bürger:innen, die politischen Institutionen vertrauen, akzeptieren politische Entscheidungen eher, halten sich an Regeln und beteiligen sich an demokratischen Prozessen. Eine grundlegende Frage findet jedoch weniger Beachtung: Woher rührt politisches Vertrauen? Während sich die meisten Forschungsarbeiten auf die Bewertung der Regierungsleistung durch Erwachsene konzentrieren, zeigen Jugendliche bereits ein relativ stabiles Mass an politischem Vertrauen. Dies wirft ein interessantes Rätsel auf. Junge Teenager haben selten direkten Kontakt zu Parlamenten, Gerichten oder Regierungsbehörden, bilden sich jedoch bereits eine Meinung über die Vertrauenswürdigkeit politischer Institutionen.
Während der Adoleszenz entwickeln sich politische Einstellungen durch Prozesse der politischen Sozialisation. Erfahrungen mit Familien, Gleichaltrigen, Medien und Schulen liefern jungen Menschen erste Anhaltspunkte für das Verständnis, wie Autoritäten und Institutionen funktionieren. Schulen gelten als wichtiger Ort für die Entwicklung demokratischer Einstellungen, wie beispielsweise politisches Interesse oder politische Wirksamkeit. Doch wie sieht es mit politischem Vertrauen aus? Politische Bildung zielt darauf ab, Schüler:innen darauf vorzubereiten, aktive und verantwortungsbewusste Bürger:innen zu werden. Die Erwartung scheint recht einfach: Das Lernen über Demokratie und das Erleben von Partizipation sollten das Vertrauen in die Art und Weise fördern, wie unsere Demokratien organisiert sind, einschliesslich der Funktionsweise der Institutionen.
Empirische Belege deuten jedoch darauf hin, dass die Sache komplexer sein könnte.
Anhand vergleichender Umfragedaten zu 14-jährigen Schüler:innen aus 14 europäischen Ländern untersuchte ich drei Formen der politischen Bildung: Möglichkeiten zum staatsbürgerlichen Lernen, offene Klassendiskussionen über politische und gesellschaftliche Themen sowie die Beteiligung der Schüler:innen an schulischen Entscheidungsprozessen. In ersten Analysen zeigten diese Variablen einen geringen positiven Zusammenhang mit politischem Vertrauen. Schüler:innen, die von mehr Lernangeboten zum Thema Wahlen oder zum Schutz der Bürgerrechte berichteten, die sich ermutigt fühlten, gesellschaftliche Themen mit Menschen unterschiedlicher Meinungen zu diskutieren, oder die sich aktiv an einer Debatte über die Organisation der Schule beteiligten, neigten dazu, etwas mehr Vertrauen in politische Institutionen zu äussern.
Diese Effekte änderten sich jedoch erheblich, sobald ein weiterer Faktor berücksichtigt wurde: die Wahrnehmung der Schüler:innen, von Lehrpersonen fair behandelt zu werden.
Faire Behandlung durch Lehrkräfte als Schlüsselfaktor
Die Schüler:innen wurden gefragt, ob Lehrpersonen sie fair behandeln, auf ihre Meinungen hören, Regeln konsequent anwenden und sich um ihr Wohlergehen kümmern. Diese Punkte erfassen das, was Sozialwissenschaftler:innen als „Verfahrensgerechtigkeit“ bezeichnen. Untersuchungen unter Erwachsenen haben gezeigt, dass eine faire Behandlung durch Autoritätspersonen wie Polizeibeamte oder Amtsträger:innen eine wichtige Rolle bei der Bildung von Vertrauen in Institutionen spielt. Für Jugendliche gehören Lehrer:innen jedoch zu den wichtigsten Autoritätspersonen, denen sie während ihres Heranwachsens begegnen.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Wahrnehmung einer fairen Behandlung durch Lehrpersonen stark mit politischem Vertrauen verbunden ist. Schüler:innen, die sich fair behandelt fühlen, berichten von einem deutlich höheren Mass an Vertrauen in politische Institutionen. Darüber hinaus werden die Effekte offener Klassendiskussionen und der Schüler:innenbeteiligung statistisch insignifikant, sobald die Fairnesswahrnehmung in die Analyse einbezogen wird, während der Effekt von Möglichkeiten zum staatsbürgerlichen Lernen deutlich geringer ausfällt.
Der Mechanismus hinter diesem Zusammenhang liegt im Vertrauen in die Schule, das die Beziehung zwischen fairer Behandlung und politischem Vertrauen vermittelt. Wenn Schüler:innen die Behandlung durch Lehrer als fair empfinden, vertrauen sie der Schule als Institution eher. Dieses Vertrauen erstreckt sich dann über den schulischen Kontext hinaus und prägt, wie Schüler:innen politische Institutionen im weiteren Sinne bewerten. Mit anderen Worten: Junge Menschen verallgemeinern ihre alltäglichen Erfahrungen mit Autoritätspersonen in der Schule, wenn sie Erwartungen an Institutionen in der Gesellschaft entwickeln.
Demokratie wird im Schulalltag gelernt
Diese Erkenntnisse haben wichtige Implikationen für die Debatte über die Demokratieerziehung. Die Vermittlung von Wissen über demokratische Institutionen und die Förderung von Diskussionen im Unterricht bleiben wichtige Bildungsziele. Es hat sich gezeigt, dass Möglichkeiten zum staatsbürgerlichen Lernen, Diskussionen im Unterricht und die Beteiligung der Schüler:innen eine wichtige Rolle bei der Prägung einer Reihe demokratischer Einstellungen und Formen des politischen Engagements im späteren Leben spielen. Die Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass alltägliche Erfahrungen mit Autoritätspersonen in der Schule eine besonders wichtige Rolle bei der Prägung des politischen Vertrauens spielen. Wenn Schüler:innen das Gefühl haben, dass Lehrpersonen sie fair behandeln, entwickeln sie eher Vertrauen in die Schule als Institution, was wiederum mit einem höheren Mass an Vertrauen in politische Institutionen verbunden ist. Schüler:innen lernen Demokratie daher nicht nur durch formale Lehrpläne, sondern auch durch die Art und Weise, wie Autorität in alltäglichen Interaktionen mit Lehrer:innen und schulischen Institutionen ausgeübt wird.
Wenn Schulen als Umgebungen fungieren, in denen Regeln fair angewendet werden, in denen die Stimmen der Schüler:innen gehört werden und in denen Autorität mit Respekt ausgeübt wird, vermitteln sie jungen Menschen konkrete Erfahrungen mit institutioneller Legitimität. Diese Erfahrungen können zu einer wichtigen Grundlage für politisches Vertrauen im späteren Leben werden.
Politisches Vertrauen unter Jugendlichen entspringt daher möglicherweise nicht in erster Linie der Bewertung der Regierungsleistung. Stattdessen beginnt es viel näher am eigenen Lebensumfeld – in Klassenzimmern, auf den Fluren und im täglichen Umgang mit Lehrkräften. Demokratieerziehung kann am ersten Schultag beginnen, ist jedoch nur dann erfolgreich, wenn demokratische Prinzipien nicht nur gelehrt, sondern auch gelebt werden.
Hinweis: Dieser Beitrag beruht auf dem Referat “The Role of Schools in Adolescents’ Political Trust? An Accountability-based framework”, gehalten von Dr. Lies Maurissen an den Aarauer Demokratietagen vom 12. und 13. März 2026.
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