Alte Debatte um junge Menschen: Stimm- und Wahlrechtsalter 16 in der Schweiz
Robin Gut
25th August 2026

Das Stimmrechtsalter 16 bleibt in der Schweiz ein Dauerbrenner auf der politischen Agenda. Ein neuer Beitrag untersucht die Entwicklungen des Stimm- und Wahlrechtsalters 16 in der Schweiz und leitet Erkenntnisse für die aktuelle politische Debatte ab. Die Analyse zeigt, dass das Stimmrechtsalter 16 bescheidene direkte Auswirkungen auf Abstimmungsresultate und Parteistärken hätte. Das Potenzial des Stimmrechtsalters 16 liegt aus Sicht der Autoren eher in der früheren politischen Sozialisierung der Jugendlichen.
Debatte vor dem Hintergrund einer alternden Bevölkerung
Am 27. September 2026 entscheiden die Bürgerinnen und Bürger im Kanton Graubünden über die Einführung des aktiven Stimm- und Wahlrechts ab 16 Jahren. Bei einer Annahme wären rund 3’000 16- und 17-jährige Bündnerinnen und Bündner auf kantonaler und kommunaler Ebene neu stimm- und aktiv wahlberechtigt (Grosser Rat des Kantons Graubünden 2026).
Damit wäre Graubünden nach Glarus erst der zweite Kanton mit Stimmrechtsalter 16. Bisher scheiterten solche Vorlagen auf nationaler Ebene im Parlament und auf kantonaler Ebene zehn Mal an der Urne. Zuletzt haben die Bürgerinnen und Bürger im Kanton Luzern das Anliegen im Februar 2025 mit 79,1 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Auf internationaler Ebene haben Argentinien, Brasilien, Ecuador, Kuba, Malta, Nicaragua und Österreich das nationale Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt. In mehreren europäischen Staaten gilt das Wahlalter 16 zudem auf regionaler oder lokaler Ebene, oder bei EU-Wahlen (Kopf 2026). In der Schweiz könnten die Jugendlichen ihre neuen politischen Rechte deutlich öfter ausüben als in diesen Ländern: 16- und 17-Jährige dürften nicht nur alle vier Jahre wählen, sondern könnten mehrmals jährlich an Volksabstimmungen teilnehmen.
Die Debatte fällt in eine Zeit, in der das Stimmvolk immer älter wird. Das Medianalter der tatsächlich Abstimmenden in der Schweiz liegt heute bei knapp 60 Jahren. Bis 2050 dürfte das Medianalter der Abstimmenden auf 61 bis 62 Jahre steigen, und die 60- bis 80-Jährigen werden die grösste Gruppe an der Urne stellen (Rühli 2026).
Befürworterinnen und Befürworter sehen im Stimmrechtsalter 16 ein Mittel gegen dieses Ungleichgewicht an der Urne. Politisch interessierte Jugendliche sollen ihre Zukunft mitgestalten können, gerade bei Fragen, die sie am längsten betreffen. Gegnerinnen und Gegner bezweifeln dagegen, dass 16- und 17-Jährige politisch reif genug sind. Sie stören sich auch daran, dass Jugendliche politisch mitentscheiden könnten, obwohl sie zivilrechtlich erst mit 18 mündig werden (Grosser Rat des Kantons Graubünden 2026).
Effekt politisch bescheiden, individuell relevant
In einem demnächst erscheinenden Beitrag (Gut, Ezzaini und Kübler, im Erscheinen) haben wir die Entwicklung des Stimmrechts in der Schweiz sowie mögliche Auswirkungen des Stimmrechtsalters 16 vertieft untersucht.
Historisch hat sich das Stimmrecht in der Schweiz langsam und in kleinen Schritten ausgedehnt, vom Zensuswahlrecht des 19. Jahrhunderts über das Frauenstimmrecht (1971) bis zum Stimmrechtsalter 18 (1991). Dies liegt aus unserer Sicht am Zusammenspiel von Föderalismus und direkter Demokratie. Weil die Stimmberechtigten selbst über die Ausdehnung des Stimmrechts auf weitere Bevölkerungsgruppen entscheiden, brauchte es oft mehrere Anläufe. Kantone und Gemeinden dienten dabei als politische Versuchslabore. Wie das Frauenstimmrecht benötigte auch das Stimmrechtsalter 18 viele Abstimmungen, bis es auf nationaler Ebene eingeführt wurde. Demgegenüber war das Stimmrechtsalter 16 an der Urne bisher chancenlos.
Unsere Analyse der Zürcher Volksabstimmung von 2022 zeigt, dass die Unterstützung für das Stimmrechtsalter 16 primär parteipolitisch geprägt ist. Der Ja-Stimmenanteil einer Gemeinde hängt stark mit dem Wähleranteil linker Parteien zusammen, sozioökonomische Faktoren wie das Durchschnittsalter spielen hingegen kaum eine Rolle. Die Stimmberechtigten scheinen das Anliegen somit in erster Linie aus einer parteipolitischen Perspektive zu beurteilen.
Unsere Befragung von 4’000 Schweizer Bürgerinnen und Bürgern zwischen 16 und 25 Jahren zeigt, dass 16- und 17-Jährige politisch ebenso reif sind wie junge Erwachsene (Gut, Ezzaini und Kübler 2025). Sie sind gleich stark an Politik interessiert, trauen sich gleichermassen zu, Politik zu verstehen und sich zu beteiligen, empfinden Abstimmen sogar stärker als Pflicht und konsumieren mehr politische Informationen. Die vorliegenden Daten deuten daher nicht auf mangelnde politische Reife hin.
Die Auswirkungen des Stimmrechtsalters 16 wären voraussichtlich bescheiden. Dies, weil die 16- und 17-Jährigen eine heterogene Gruppe mit diversen politischen Meinungen sind und einen geringen Anteil des erweiterten Stimmkörpers ausmachen würden. Im Kanton Glarus konnten wir weder Effekte auf die politische Beteiligung noch Verschiebungen der Parteistärken aufgrund der Einführung des Stimmrechtsalters 16 feststellen. Auf nationaler Ebene zeigt unsere Simulation des Referendums über die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge (2020), dass die 16- und 17-Jährigen selbst bei einer äusserst knappen Volksabstimmung mit altersspezifischem Stimmverhalten das Resultat zwar knapper gemacht, den Ausgang aber in den meisten simulierten Szenarien nicht verändert hätten. Politisch dürften am ehesten jene Parteien profitieren, denen es gelingt, die Anliegen der jungen Wählerinnen und Wähler aufzunehmen.
Nicht zu unterschätzen sind hingegen mögliche individuelle Effekte. So deutet anekdotische Evidenz aus dem Kanton Glarus darauf hin, dass seit der Senkung des Stimmrechtsalters vermehrt junge Bürgerinnen und Bürger an der Landsgemeinde teilnehmen und dort auch als Rednerinnen und Redner das Wort ergreifen. Ebenfalls ist es möglich, dass das Stimmrecht ab 16 die politische Beteiligung längerfristig erhöht. Dies, weil Wählen als gewohnheitsbildend gilt. Wer erstmals abstimmen und wählen darf, während er oder sie noch in Schule und Elternhaus eingebunden ist, könnte eher dauerhafte Beteiligungsgewohnheiten entwickeln.
Kompetente Bürgerinnen und Bürger sind gefragt
Unsere Befunde legen nahe, dass die direkten Auswirkungen des Stimmrechtsalters 16 bescheiden wären. Die 16- und 17-Jährigen haben unterschiedliche politische Ansichten und machen einen zu kleinen Anteil des Stimmkörpers aus, um Mehrheiten zu verändern oder die Alterung des Stimmvolks aufzuhalten. Wer sich vom Stimmrechtsalter 16 ein Gegengewicht zur Dominanz der älteren Generationen an der Urne erhofft, wird vermutlich ebenso enttäuscht wie jene, die eine Destabilisierung der Politik befürchten.
Mehr Gewicht haben aus unserer Sicht die möglichen individuellen Auswirkungen des Stimmrechts ab 16 Jahren. Mit 16 Jahren würde der Einstieg in die politische Teilnahme in einer Lebensphase erfolgen, in der die Jugendlichen noch stärker im sozialen Umfeld von Schule und Elternhaus eingebettet sind. Ihre ersten Urnengänge würden dadurch in einem stabilen, partizipationsfördernden Kontext stattfinden, anstatt in die Umbruchphase nach der Volljährigkeit zu fallen. Dadurch liesse sich unter Umständen die heute niedrige Partizipationsrate junger Stimmbürgerinnen und Stimmbürger erhöhen, da sich Abstimmen und Wählen früher als Gewohnheit etablieren könnten. Ob dieser Effekt im Schweizer Kontext häufiger Abstimmungen eintritt, ist offen und sollte im Falle einer Einführung des Stimmrechtsalters 16 in einem Kanton wissenschaftlich untersucht werden.
Unabhängig vom Stimmrechtsalter ist die halbdirekte Demokratie in der Schweiz auf Bürgerinnen und Bürger angewiesen, die sich zu Sachfragen ein begründetes Urteil bilden können. Die Diskussion um das Stimmrechtsalter 16 erinnert deshalb auch daran, wie wichtig die politische Bildung für alle jungen Menschen ist, auch für jene ohne Schweizer Pass.
Referenzen:
- Grosser Rat des Kantons Graubünden (2026): Teilrevision der Verfassung des Kantons Graubünden (Stimmrechtsalter 16). Erläuterungen des Grossen Rats.
- Gut, Robin (2024): Herr Gut, sind 16-Jährige bereit für das Stimmrecht? DeFacto.
- Gut, Robin; Ezzaini, Juri; Kübler, Daniel (2025): The Political Maturity of Youths and Young Adults: Empirical Evidence from Switzerland. In: Swiss Political Science Review 31 (4), S. 771–788. DOI: 1111/spsr.12662.
- Gut, Robin (2025): Sweet Sixteen – reif genug für Abstimmungen und Wahlen? DeFacto.
- Gut, Robin; Ezzaini, Juri; Kübler, Daniel (im Erscheinen): Stimm- und Wahlrechtsalter 16 in der Schweiz. Entwicklungen und neue Erkenntnisse. In: Jörg Siegmund und Hermann K. Heußner (Hg.): Wählen ab 16. Mehr Demokratie oder mehr Unsinn? Erwartungen, Bedenken, Erfahrungen. Baden-Baden: Nomos (Tutzinger Studien zur Politik, 25).
- Kopf, Julia (2026): Stimmrechtsalter 16. Dachverband Schweizer Jugendparlamente.
- Rühli, Lukas (2026): Das alte Stimmvolk. Neue Berechnungen zeigen: Die Hälfte der Abstimmenden ist 60 Jahre alt oder älter. Avenir Suisse.
Abbildung: flickr.com