Die Emotionalität der Reden im Schweizer Parlament (1999 bis 2025)

Hugo Subtil
14th October 2026

Die emotionale Rhetorik nimmt in den öffentlichen Debatten vieler westlicher Demokratien einen immer grösseren Stellenwert ein. Wut, Angst und Empörung prägen zunehmend den politischen Diskurs, sowohl in den Parlamenten als auch in den Medien. Bildet die Schweiz eine Ausnahme von diesem Trend? Im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen Le Temps, der Universität Zürich und der Plattform DemoSquare haben wir alle Reden analysiert, die zwischen 1999 und 2025 im Bundeshaus gehalten wurden – insgesamt 187’403 Redebeiträge. Der vorliegende Text stellt die wichtigsten Ergebnisse vor.

Methodischer Rahmen
Die automatische Erkennung von Emotionen in einem mehrsprachigen Korpus birgt erhebliche Schwierigkeiten. Die emotionale Bedeutung einer Äusserung hängt vom Kontext ab, variiert je nach Sprache (Deutsch, Französisch, Italienisch) und lässt sich mit rein wörterbuchbasierten Ansätzen häufig nicht erfassen. Wir haben uns für eine Triangulationsstrategie entschieden, die drei Verfahren kombiniert. Erstens wurde eine Stichprobe der Reden von Politikwissenschaftsstudierenden manuell annotiert, um einen Referenzdatensatz zur Validierung zu erstellen. Zweitens haben wir die von Gennaro und Ash (2022) entwickelten semantischen Wörterbücher herangezogen, die an die drei Sprachen des Parlaments angepasst und algorithmisch angereichert wurden. Drittens stufte ein Sprachmodell (GPT-4o-mini) jeden Redebeitrag als emotional oder argumentativ ein und identifizierte gegebenenfalls die vorherrschende Emotion aus acht Kategorien: Wut, Begeisterung, Angst, Hoffnung, Stolz, Traurigkeit, Ekel und Freude. Jeder Redebeitrag wurde zudem mit strukturierten Metadaten verknüpft: Kammer, Fraktion, Geschlecht der Redner*in, Datum, Gesetzgebungsthema und gegebenenfalls Mitgliedsstatus.

Der internationale Vergleich basiert auf einem länderbezogenen, normalisierten Index, der die Abweichung jedes Parlaments von der eigenen historischen Praxis misst.

Relative Stabilität und Schweizer Besonderheit

In mehreren der untersuchten Parlamente (USA, Vereinigtes Königreich, Frankreich, Europäische Union) hat der Anteil der von negativen Emotionen geprägten Reden im betrachteten Zeitraum deutlich zugenommen. In der Schweiz verläuft die Entwicklung anders. Zwischen Beginn und Ende des Beobachtungszeitraums bleibt der Gesamtanteil emotionaler Reden relativ stabil. Diese Konstellation bedeutet nicht, dass es im Schweizer Parlament keine Konflikte gäbe; sie deutet vielmehr darauf hin, dass der deliberative Stil dort bis zu einem gewissen Grad der anderswo beobachteten Logik der Polarisierung widersteht.

Mehrere institutionelle Faktoren können dazu beitragen, diese Besonderheit zu erklären. Das Konkordanzmodell und die direkte Demokratie verlagern einen Teil der Konflikte aus der Bundesversammlung heraus. Die im Vergleich zu ihren ausländischen Amtskolleginnen und Amtskollegen geringere Exposition der Schweizer Parlamentsmitglieder in den sozialen Netzwerken schränkt die Anreize für eine mobilisierende Rhetorik ein. Schliesslich ist die parlamentarische Kultur der Schweiz nach wie vor auch auf die Überzeugung der Ratskolleginnen und Ratskollegen ausgerichtet und weniger auf die Kommunikation an ein breites Medienpublikum.

Abbildung 1: Affektive Polarisierung in verschiedenen Parlamenten

Entwicklung nach Kammer und nach Fraktion

Hinter der allgemeinen Stabilität verbergen sich kontrastreichere interne Dynamiken. Im Nationalrat steigt der Anteil emotionaler Reden von etwa 17,9 % (Durchschnitt 1999 bis 2003) auf 21,6 % (Durchschnitt 2019 bis 2024), was einem moderaten Anstieg um 3,7 Prozentpunkte entspricht. Im Ständerat bleibt die Emotionalität deutlich geringer: Sie steigt im gleichen Zeitraum von 7,5 % auf 9,8 %, was etwa der Hälfte des im Nationalrat beobachteten Niveaus entspricht. Dieser Unterschied zwischen den beiden Kammern steht im Einklang mit der ausgeprägteren deliberativen Funktion des Ständerats und mit einer geringeren Mitgliederzahl, die einen weniger performativen Austausch begünstigt.

Die Analyse nach Fraktionen zeigt unterschiedliche Entwicklungen. Die SVP verzeichnet den stärksten Anstieg: Der Anteil emotionaler Reden stieg von etwa 16 % zu Beginn der 2000er Jahre auf 29 % in der jüngsten Zeit, was einem Anstieg von etwa 76 % gegenüber dem Referenzzeitraum entspricht, wobei Wut die anderen Emotionen deutlich dominiert. Dieses Profil unterscheidet die SVP nicht nur von den Parteien der Mitte – die die niedrigsten und stabilsten Werte aufweisen (zwischen 10 und 13 %) –, sondern auch von den linken Parteien, bei denen Empörung eher mit Begeisterung oder Hoffnung einhergeht.

Die Grünen weisen eine der SVP entgegengesetzte Entwicklung auf. Ihr Anteil an emotionalen Reden geht von etwa 39 % auf 29 % zurück, was auf eine fortschreitende Rationalisierung ihrer parlamentarischen Rhetorik hindeutet. Sozialdemokratische Partei (SP) und die Mitte weisen geringere Schwankungen auf. Dieser Kontrast zwischen einer Zunahme auf der rechten Seite und einer teilweisen Rationalisierung auf der linken Seite deutet darauf hin, dass sich die affektive Polarisierung an den Extremen des Spektrums nicht symmetrisch manifestiert.

Abbildung 2: Entwicklung der Emotionalität nach politischer Gruppe

Themen und Geschlecht

Die Emotionalität variiert je nach Diskussionsthema. Beiträge zu Bürgerrechten, Einwanderung und internationalen Beziehungen lösen die intensivsten emotionalen Reaktionen aus. Im Gegensatz dazu bleiben Debatten über Verkehr und Wirtschaftspolitik deutlich argumentativer.

Die Unterschiede je nach Geschlecht der Redner*innen sind sowohl auf unterschiedliche Themen als auch auf Ungleichheiten bei der Redezeit zurückzuführen. Frauen halten im Durchschnitt einen höheren Anteil an emotionalen Reden als Männer, insbesondere zu den Themen soziale Sicherheit, Gesundheit und Arbeit. Männer bringen mehr Emotionen in Bezug auf internationale Politik und Einwanderung zum Ausdruck. Wie jedoch zahlreiche Studien zu deliberativen Versammlungen gezeigt haben, führt eine zahlenmässige Vertretung nicht automatisch zu einer gleichwertigen Beteiligung an der Wortmeldung (Karpowitz und Mendelberg, 2014).

Im Nationalrat liegt der Anteil der Wortmeldungen von Frauen in fast allen Fraktionen weiterhin unter ihrem Sitzanteil, wobei die Diskrepanz bei der SVP und der FDP besonders ausgeprägt ist. Diese Konstellation mahnt zur Vorsicht bei der Interpretation der relativ höheren Emotionalität der Rednerinnen: Sie kann unterschiedliche Kommunikationsstile widerspiegeln, aber auch eine implizite Auswahl der Themen und Momente, in denen Frauen das Wort ergreifen.

Zudem führen internationale Krisen zu einer messbaren Zunahme des mit Angst verbundenen Vokabulars, insbesondere während der Covid-19-Pandemie und nach dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine. Dieses Ergebnis bestätigt, dass die Emotionalität des parlamentarischen Diskurses auf exogene Schocks reagiert, selbst in einem politischen System, das ansonsten durch seine Stabilität gekennzeichnet ist.

Abbildung 3: Repräsentation und Redebeiträge von Frauen

Diskussion

Wie andere Arbeiten zur parlamentarischen Rhetorik gezeigt haben, kann der Einsatz von Emotionen darauf abzielen, parteipolitische Loyalität zu signalisieren, die Wählerschaft zu mobilisieren oder im Gegenteil Distanz zur Gegenseite zu markieren. In der Schweiz legen die relative Dominanz der Wut bei der SVP und das Fortbestehen einer deliberativen Mitte nahe, die affektive Polarisierung nicht als einheitlichen Prozess zu betrachten, sondern als eine asymmetrische Neuzusammensetzung der Redeweisen.

Allgemeiner betrachtet eröffnet die systematische Analyse parlamentarischer Reden Perspektiven für die vergleichende Untersuchung demokratischer Systeme, ergänzend zu Ansätzen, die auf Abstimmungsergebnissen, Umfragen oder Medienanalysen basieren. Die Emotionalität des Diskurses stellt einen ergänzenden Indikator für Polarisierung dar, der Entwicklungen vorwegnehmen kann, die durch Abstimmungsergebnisse nicht immer mit derselben zeitlichen Feinheit erfasst werden.


Hinweis: Dieser Beitrag stammt aus dem Mitteilungsblatt vom September 2026 der Schweizerischen Gesellschaft für Parlamentsfragen. Er wurde von Robin Stähli, DeFacto, redigiert und von Raed Hartmann, DeFacto, ins Deutsche übersetzt.

Referenzen (Auswahl):

  • Algan, Y., Renault, T., & Subtil, H. (2025). La Fièvre parlementaire : ce monde où l’on catche ! Colère, polarisation et politique TikTok à l’Assemblée nationale. Note de l’Observatoire du bien-être du CEPREMAP, n° 2025-01.
  • Gennaro, G., & Ash, E. (2022). Emotion and Reason in Political Language. The Economic Journal, 132(643), 1037–1059.
  • Slapin, J. B., & Proksch, S.-O. (2008). A Scaling Model for Estimating Time-Series Party Positions from Texts. American Journal of Political Science, 52(3), 705–722.
  • Karpowitz, C. F., & Mendelberg, T. (2014). The Silent Sex: Gender, Deliberation, and Institutions. Princeton University Press.
  • Demszky, D., Garg, N., Voigt, R., Zou, J., Gentzkow, M., Shapiro, J., & Jurafsky, D. (2019). Analyzing Polarization in Social Media: Method and Application to Tweets on 21 Mass Shootings. Proceedings of NAACL-HLT 2019, 2970–3005.
  • Subtil, H., & Verger, V. (2024). Emotional Rhetoric and the Rise of Populism in the European Parliament. IPP Policy Brief.
  • DemoSquare, Université de Zurich, Le Temps (2026). Enquête « Sous la Coupole ». Le Temps, 4 juin 2026.

Bild: unsplash.com

Danksagung: Der Autor bedankt sich bei Laura Nathalie Platz, Patrik György, Simon Birrer und Jens Weirich für ihre Beiträge zudiesem Artikel.