Darf ein CEO dreihundertmal mehr verdienen?
Markus Freitag
4th August 2026

Wer in Schule oder Studium aufgrund einer Beeinträchtigung in Prüfungen benachteiligt ist, hat Anspruch auf einen Nachteilsausgleich – etwa eine ruhigere Umgebung, mehr Zeit oder mündliche statt schriftliche Prüfungsformen. Werden hierzulande derartige Massnahmen diskutiert, schlagen die Wogen hoch. Denn es geht ums Eingemachte. Es geht um das Gesetz der Fairness, das vielen unter den Nägeln brennt. Können Sie das nachvollziehen? Wie stehen Sie eigentlich zu diesem Prinzip? Was halten Sie für fair?
Fairness gehört in unserem Alltag zu der am häufigsten geschwungenen moralischen Keule. Kinder fordern sie auf dem Spielplatz ein, Richterinnen und Richter ringen in ihren Urteilen mit ihr und Politikerinnen und Politiker führen sie im Wahlkampf ins Feld. Sollen Sozialleistungen stärker an individuelle Leistung oder Eigenverantwortung geknüpft werden? Sollten alle Mitarbeitenden den gleichen Lohn erhalten, unabhängig von ihrer Leistung oder Verantwortung? Ist es fair, wenn ein CEO dreihundertmal mehr verdient als die durchschnittlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Sollen gutverdienende Mieterinnen und Mieter in Genossenschaften einen zusätzlichen Solidaritätszuschlag bezahlen, um neue Wohnprojekte zu unterstützen?
Antworten auf Fragen wie diese bringen uns deshalb regelmässig in Wallung, weil je nach Standpunkt mit unterschiedlichen Vorstellungen jongliert wird. Zwar berufen sich die jeweils vertretenen Positionen auf denselben Begriff, doch verbinden sie mit Fairness oftmals etwas grundlegend Verschiedenes. Für die einen geniesst etwa Gleichheit die höchste Priorität. In diesem Zusammenhang bedeutet Fairness, allen Menschen gleiche Chancen einzuräumen und strukturelle Vor- oder Nachteile auszugleichen. «Fair» meint damit auch nicht zwingend, alle gleich zu behandeln, sondern allen die Möglichkeit zu geben, unter vergleichbaren Bedingungen erfolgreich zu sein. Kurzum: Es soll Gerechtigkeit hergestellt werden.
Für Andere bedeutet Fairness, dass man bekommt, was man verdient und dass in erster Linie Leistung belohnt wird. Man darf behalten, was man sich im Schweisse seines Angesichts erarbeitet hat, und geht leer aus, wenn man die Hände in den Schoss gelegt hat. Die Fleissigsten, Gewissenhaftesten und Begabtesten sollten in dieser Perspektive aufgrund ihrer Eigen- und Errungenschaften mehr haben als die Bequemen, Gleichgültigen und Untalentierten.
Dem gegenüber steht die dritte Vorstellung: Demnach sollten diejenigen, die mehr zu geben haben, einen grösseren Anteil von dem, was sie besitzen, abgeben, um anderen zu helfen, die selbst wenig oder gar nichts beitragen können. In dieser Lesart ist Fairness eng mit Verantwortung und Mitgefühl verbunden. Es wird berücksichtigt, dass Menschen Verpflichtungen gegenüber anderen haben und dass diejenigen, die mehr besitzen, auch stärker in der Pflicht stehen, zum Gemeinwohl beizutragen. Sehen Sie das auch so? Ist Ihre Auffassung von Fairness eher gerechtigkeits-, leistungs- oder bedarfsorientiert?
Eigenen Umfragen zufolge ist es für fast zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung bei ihren Entscheidungen relevant, ob einige Menschen anders behandelt werden als andere. Das sind zwar weit mehr als in Frankreich, jedoch weniger als in Spanien und Italien. Und wenn die Regierung hierzulande Gesetze erlässt, sollten diese nach Meinung von über 80 Prozent stets so ausfallen, dass alle fair behandelt werden.
Grafik 1: Wie relevant ist die Ungleichbehandlung von Menschen für Sie, wenn Sie entscheiden, ob etwas “richtig” oder “falsch” ist?
Abbildung: Sophie De Stefani, DeFacto. Quelle: Freitag et al. (2022)
Weitere Auswertungen zeigen, dass dem Prinzip der Fairness in der Schweiz mit zunehmendem Alter eine immer grössere Bedeutung beigemessen wird. Männer gewichten diesen Grundsatz aber weniger hoch als Frauen. Fairness ist zudem auch eine Charakterfrage und besonders wichtig für Menschen, die sich selbst als gewissenhaft, verträglich oder offen beschreiben. Ob sich die Menschen links oder rechts im politischen Spektrum bewegen, macht hingegen keinen Unterschied. Fair enough.
Bild: Unsplash
Markus Freitag ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bern. Er schreibt monatlich über die Befindlichkeiten und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in der Schweiz.