Auf Papierfragebögen verzichten: eine gute Idee?

Jan-Erik Refle, Lukas Lauener, Annika Lindholm
3rd August 2026

Mittlerweile sind Online-Umfragen immer verbreiteter. Sie sind deutlich kostengünstiger als Fragebögen in Papierform und entsprechen den aktuellen Teilnahmegewohnheiten – eine Entwicklung, die durch die COVID-19-Pandemie noch verstärkt wurde. Es ist jedoch nicht mit Sicherheit bekannt, ob die Qualität der gesammelten Informationen vergleichbar bleibt. In unserem Artikel gingen wir der Frage nach, welche Auswirkungen es hätte, wenn die Möglichkeit zur Teilnahme an Umfragen in Papierform ganz wegfallen würde.  

Fragebögen in Papierform werden nach wie vor häufig verwendet, so beispielsweise von der Schweizer Wahlstudie Selects, die eine „Push-to-Web“-Strategie anwendet. Die Befragten werden zunächst gebeten, online zu antworten, und erhalten den Fragebogen in Papierform erst nach mehreren Erinnerungen. Im Allgemeinen ist bekannt, dass Personen, die Fragebögen auf Papier beantworten, eher älter und politisch weniger engagiert sind.

Was die Daten zwischen 2019 und 2023 zeigen

Der Vergleich der Umfragen von Selects nach den Wahlen von 2019 und 2023 bringt mehrere interessante Ergebnisse hervor. Einerseits bietet der Fragebogen auf Papier weiterhin einen gewissen Mehrwert, um bestimmte Zielgruppen zu erreichen. Andererseits ist die Unterrepräsentation der Personengruppen, die eine Beantwortung auf Papier bevorzugen, im Jahr 2023 deutlich geringer als im Jahr 2019. Dies wirft die Frage auf, ob die Beibehaltung des deutlich kostspieligeren Papierfragebogens wirklich noch rentabel ist. Die bestehenden Unterschiede betreffen 2023 vor allem das Alter, die Haushaltsgrösse (insbesondere Alleinlebende), das politische Wissen und, in geringerem Masse, bestimmte Wahlentscheidungen.

Das Alter : ein immer kleineres Problem 

Das Hauptargument, den Fragebogen auf Papier beizubehalten, war, dass damit älteren Menschen gedient ist. Tatsächlich sind Personen ab 75 Jahren bei online durchgeführten Umfragen weniger stark vertreten. Dieses Problem verliert jedoch mit der Zeit an Bedeutung: Ältere Menschen, die heute noch nicht 75 Jahre alt sind, nutzen das Internet zunehmend und nähern sich hinsichtlich ihrer Vertretung bei online durchgeführten Umfragen den in der Bevölkerung beobachteten Durchschnittswerten an.

Das bedeutet, dass bei den nächsten Umfragen von Selects (zum Beispiel der Umfrage nach den Wahlen im Jahr 2027) die vollständig online durchgeführte Datenerhebung für die Mehrheit der Bevölkerung zuverlässige und repräsentative Ergebnisse liefern dürfte. Der Fragebogen auf Papier dürfte vor allem für Personen ab 75 Jahren weiterhin nützlich sein, doch seine Rolle als allgemeines Instrument zur Korrektur der Unterrepräsentation älterer Menschen in online durchgeführten Befragungen wird weiter abnehmen.

Andere Gruppen sind online nach wie vor schwieriger zu erreichen

Das Alter erklärt jedoch nicht alles. Der Fragebogen auf Papier ist nach wie vor nützlich, um Haushalte mit einer alleinstehenden Person sowie Personen mit geringen politischen Kenntnissen besser einzubeziehen. Was die Wahlbeteiligung und das Wahlverhalten betrifft, sind die Unterschiede zwischen einem Fragebogen auf Papier und einer Befragung, die online durchgeführt wird, bereits heute gering. Aufschlussreich ist allerdings die SVP-Wählerschaft: In der online durchgeführten Befragung ist sie tendenziell unterrepräsentiert, während sie mit einem Fragebogen auf Papier leicht überrepräsentiert ist.

Lassen sich diese Verzerrungen auf andere Weise korrigieren?

Bestimmte Ungleichgewichte lassen sich relativ einfach mithilfe statistischer Gewichtungen korrigieren, beispielsweise durch Berücksichtigung des Alters. Wenn das Ziel jedoch darin besteht, das Wahlverhalten bestimmter Gruppen wie beispielsweise politisch wenig engagierter Personen zu untersuchen, kann der Fragebogen auf Papier nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Entscheidend ist daher, zu unterscheiden, was statistisch korrigiert werden kann und was tatsächlich eine andere Art der Datenerhebung erfordert.

Auf dem Weg zu vollständig online durchgeführten Umfragen?

Eine Zwischenlösung könnte darin bestehen, den Fragebogen auf Papier ausschliesslich für ältere Menschen (beispielsweise ab 75 Jahren) vorzusehen. Dadurch liessen sich ein Teil der Kosten einsparen, nicht jedoch die Kosten für die Erstellung des Papierfragebogens als solchen. Alternativ könnten die durch den reduzierten Papierversand frei werdenden Ressourcen genutzt werden, um ältere Menschen sowie diejenigen, die sich weniger für Politik interessieren, gezielter anzusprechen und zur Teilnahme an der online durchgeführten Befragung zu motivieren. 

Auch wenn sich die Ergebnisse unserer Analysen auf die Schweiz beziehen und mit Vorsicht verallgemeinert werden sollten, zeigen sie doch, wie wichtig es ist, das Kosten-Nutzen-Verhältnis der verschiedenen Erhebungsmethoden regelmässig zu bewerten. Im Fall von Selects erleichtert das Vorhandensein einer zuverlässigen landesweiten Stichprobe den Einsatz ausschliesslich online durchgeführter Erhebungen.

Tabelle 1: Gruppen von Antwortenden mit einer statistisch signifikant höheren Wahrscheinlichkeit, den Fragebogen auf Papier auszufüllen
  2019 2023

Anteil der Personen, die die Papierversion verwendet haben

18.2% 10.4%

Altersgruppen

45–54 ; 55–64  ; 65–74 ; 75+

55–64 ; 75+

Geschlecht
Frauen
Bildung

Niedriges Bildungsniveau

Haushaltsgrösse

1 Person

Zu Hause gesprochene Sprache

Französisch

Wahlentscheidung (Parteien)

Nichtwähler ; SVP ; übrige Kleinparteien

Übrige Kleinparteien

Politisches Wissen

Niedriges Niveau Niedriges Niveau

Hinweis: Die Tabelle basiert auf den Regressionen aus Tabelle 3 des Artikels.

Ein Blick in die Zukunft

Einige Unsicherheiten bestehen: Es ist nicht klar, ob sich die Beliebtheit der Online-Umfragen fortsetzen wird oder ob ein Teil der Befragten auch in Zukunft an Fragebögen auf Papier festhalten wird. Jedoch hat auch die Diversifizierung der Datenerhebungsmethoden ihre Grenzen. Angesichts der möglichen Einsparungen durch rein online durchgeführte Umfragen könnte es effizienter sein, mehr Ressourcen in andere Strategien zu investieren, wie beispielsweise bessere Anreize zur Teilnahme zu setzen oder gezieltere Einladungen zu verschicken. Vor diesem Hintergrund könnten die Vorteile von rein online durchgeführten Umfragen – insbesondere bei einer zuverlässigen landesweiten Stichprobe – diejenigen von Umfragen im gemischten Erhebungsmodus überwiegen.

Schweizer Wahlstudie Selects
Dieser Artikel ist Teil einer Sonderausgabe der Schweizerischen Zeitschrift für Politikwissenschaft, die den eidgenössischen Wahlen 2023 gewidmet ist. Die Beiträge stützen sich im Wesentlichen auf Daten der Schweizer Wahlstudie Selects, die das Wahlverhalten der Schweizer Bürgerinnen und Bürger bei den nationalen Wahlen seit 1995 untersucht. Selects wird vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert und von FORS in Lausanne durchgeführt. Alle Daten sind für wissenschaftliche Zwecke auf der Plattform SWISSUbase frei zugänglich. Die Sonderausgabe durchlief das übliche Peer-Review-Verfahren für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Artikel.

Dieser Artikel ist eine Kurzfassung von:


Bild: Selects