Wählende und Kandidierende der SVP, SP und Grünen: Geringere Verbundenheit mit der Demokratie und stärkere Unzufriedenheit mit ihrer Funktionsweise

Annika Lindholm, Lukas Lauener
29th July 2026

In der Schweiz ist das Bekenntnis zur Demokratie insgesamt stark ausgeprägt. Aber nicht bei allen gleichermassen: Wählende und Kandidierende der SVP, SP und Grünen sind im Vergleich zu den anderen Parteien nicht nur weniger verbunden mit der Demokratie, sondern auch weniger zufrieden mit ihrer Funktionsweise. Ausserdem bringt unsere Analyse eine Kluft zwischen der Wählerschaft und den politischen Eliten zutage: Letztere sind der Demokratie stärker verbunden und mit ihrer Funktionsweise zufriedener als gewöhnliche Bürger:innen.

Demokratien werden heutzutage oft als fragil oder instabil beschrieben (Foa & Mounk, 2016; Lührmann & Lindberg, 2019). Man spricht von Misstrauen, Polarisierung und manchmal sogar von einem Rückgang der Demokratie. Doch wie sieht es in der Schweiz aus? Und vor allem: Nehmen Kandierende, welche sozusagen dazu berufen sind bzw. zumindest danach streben, mittels Parlamentsmandat politische Macht auszuüben, die Demokratie genauso wahr wie gewöhnliche Bürger:innen?

Um diese Fragen zu beantworten, vergleichen wir die Antworten von Wählenden und Kandidierenden, die im Rahmen der Schweizer Wahlstudie «Selects» befragt wurden, miteinander. Die zugrundeliegenden Befragungen sind repräsentativ für die Schweizer Stimmbürgerschaft respektive die politischen Eliten und wurden im Nachgang der eidgenössischen Wahlen 2023 durchgeführt. Unser Ziel war es, bei Wählenden und Kandidierenden die Unterstützung der Demokratie als politisches System und die Zufriedenheit mit ihrer Funktionsweise in der Schweiz zu erfassen.

Überaus grosser Zuspruch für die Demokratie

Erster Befund: Die Demokratie geniesst in beiden Gruppen ausserordentlich grosse Unterstützung. Über 70% der Befragten – Kandidierende und Wählende – bringen ein sehr starkes Bekenntnis zur Demokratie als Regierungsform zum Ausdruck. Unterschiede zeigen sich vor allem, wenn man die Parteiwahl bzw. -zugehörigkeit genauer betrachtet. Wählende und Kandidierende der Mitte und der FDP zeigen ein besonders hohes Mass an Unterstützung der Demokratie. Im Gegensatz dazu zeigen sich diejenigen der SP, Grünen und SVP teilweise etwas kritischer, auch wenn ihr Bekenntnis zur Demokratie insgesamt ebenfalls sehr stark ist.

Abbildung 1. Verteilung der Unterstützung der Demokratie nach Gruppe der Befragten und Partei.

Die Ergebnisse sind gewichtet, um Verzerrungen aufgrund der kantonalen Verteilung, der Wahlbeteiligung und der Parteiwahl (Wählende; N=2837) bzw. der kantonalen Verteilung, der Parteizugehörigkeit und des Wahlerfolgs (Kandidierende; N=1941) der Befragten zu korrigieren.

Kandidierende sind zufriedener mit Demokratie als Wählende

Die Zufriedenheit mit der konkreten Funktionsweise der Demokratie schwankt stärker. Die Mehrheit der Befragten gibt an, «eher zufrieden» zu sein, wobei die Kandidierenden sich positiver äussern als die Wählenden: Der Anteil derjenigen, die «sehr zufrieden» mit der Funktionsweise der Demokratie in der Schweiz sind, ist unter Ersteren bedeutend höher als unter Letzteren.

Dieser Unterschied ist bei bestimmten Parteien besonders deutlich zu erkennen. Bei der SVP beispielsweise sind die Kandidierenden deutlich zufriedener als ihre eigene Wählerschaft. Auf der linken Seite ist hingegen das Gegenteil zu beobachten: Die Kandidierenden der SP und Grünen zeigen sich weniger zufrieden als ihre Wählerschaften.

Abbildung 2. Verteilung der Zufriedenheit mit der Demokratie nach Gruppe der Befragten und Partei.

Die Ergebnisse sind gewichtet, um Verzerrungen aufgrund der kantonalen Verteilung, der Wahlbeteiligung und der Parteiwahl (Wählende; N=2848) bzw. der kantonalen Verteilung, der Parteizugehörigkeit und des Wahlerfolgs (Kandidierende; N=1989) der Befragten zu korrigieren.

Alter und Geschlecht spielen ebenfalls eine Rolle

Unsere Analysen zeigen zudem Unterschiede hinsichtlich verschiedener soziodemografischer Merkmale. Junge Erwachsene unterstützen die Demokratie weniger stark als ältere Menschen. Und Frauen sind mit ihrer Funktionsweise im Durchschnitt weniger zufrieden als Männer. Demgegenüber spielt das Bildungsniveau in einem multivariaten Modell keine signifikante Rolle für die Unterstützung der Demokratie oder die Zufriedenheit mit ihrer Funktionsweise.

Warum diese Unterschiede zwischen Kandidierenden und Wählenden?

Ein Teil der Erklärung liegt zweifellos in den unterschiedlichen politischen Lebensläufen beider Gruppen. Kandidierende sind generell stärker in die politischen Institutionen eingebunden, besser mit den Spielregeln der Politik vertraut und oft fester im politischen System verankert. Bis zu einem gewissen Grad haben sich Kandidierende gewissermassen «selbst auserlesen»: Diejenigen, die am stärksten an die Demokratie glauben, sind wohl auch diejenigen, die sich am ehesten dazu bereit erklären, für ein politisches Amt zu kandidieren.

Die Unterschiede zwischen den Parteien erzählen eine andere Geschichte. Sowohl innerhalb der SVP als auch bei den Linken (SP und Grüne) mag die vergleichsweise grössere Unzufriedenheit mit der Demokratie real sein, jedoch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Erstere stellen bestimmte Grundsätze der heutigen liberalen Demokratie stärker in Frage, während Letztere eine Stärkung ebendieser Grundsätze fordern.

Das eigene Verhältnis zur Demokratie hängt auch davon ab, welchen Platz man auf dem politischen Spielfeld einnimmt. So ist die Linke im Parlament und im Bundesrat oft in einer Minderheitsposition, was ihre Zufriedenheit mit dem politischen Output des Systems beeinträchtigen dürfte.

Ein eher ermutigender Befund

Das wichtigste Ergebnis unserer Studie lässt jedoch keinen Zweifel: In der Schweiz gibt es weder bei den Bürger:innen noch bei den Kandidierenden Anzeichen für eine breite Ablehnung der Demokratie. Im Gegenteil: Die Unterstützung ist ausserordentlich gross und die Kandidierenden treten sogar als führende Verfechter:innen der Schweizer Demokratie in Erscheinung.

Dies schliesst Spannungen sowie Unterschiede je nach Alter, Geschlecht oder politischer Ausrichtung nicht aus. Doch in einem globalen Umfeld, das für Demokratien heutzutage oft als düster beschrieben wird, gibt der Schweizer Fall eher Anlass zu einem gewissen Optimismus: Die Demokratie ruht hier noch auf sehr solidem Fundament.

Schweizer Wahlstudie Selects
Dieser Artikel ist Teil einer Sonderausgabe der Schweizerischen Zeitschrift für Politikwissenschaft, die den eidgenössischen Wahlen 2023 gewidmet ist. Die Beiträge stützen sich im Wesentlichen auf Daten der Schweizer Wahlstudie Selects, die das Wahlverhalten der Schweizer Bürgerinnen und Bürger bei den nationalen Wahlen seit 1995 untersucht. Selects wird vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert und von FORS in Lausanne durchgeführt. Alle Daten sind für wissenschaftliche Zwecke auf der Plattform SWISSUbase frei zugänglich. Die Sonderausgabe durchlief das übliche Peer-Review-Verfahren für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Artikel.

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