Schweizer Politikerinnen und Politiker überschätzen systematisch den Konservativismus ihrer Wählerschaft — ohne Auswirkung auf ihren Wahlerfolg
Léïla Eisner, Jan Rosset, Frédéric Varone
28th July 2026

Bei Abstimmungskampagnen taucht ein Argument immer wieder auf: Die Bürger*innen seien für bestimmte progressive Reformen «noch nicht bereit». Diese Vorstellung beruht auf einer impliziten Hypothese – dass die Politiker*innen ziemlich genau wissen, was ihre Wählerschaft denkt.

Wir haben diese Hypothese anhand von Daten aus den eidgenössischen Wahlen 2023 in der Schweiz überprüft. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch eine andere Realität. Die Kandidierenden aller grossen Parteien überschätzen systematisch den Konservativismus ihrer jeweiligen Wählerschaft. Diese Verzerrung führt jedoch weder zu einer Diskrepanz zwischen Politikerinnen und Politikern und den Bürger*innen noch zu einem Wahlvorteil für jene Kandidierenden, die die öffentliche Meinung besser einschätzen können.
Den Bürger*innen wurden folgende Fragen gestellt:
Sind Sie für: die Anhebung des Rentenalters (z. B. auf 67 Jahre) / die Einführung eines Mindestlohns von 4’000 CHF für eine Vollzeitstelle für alle Lohnabhängigen / die Einführung des Stimm- und Wahlrechts auf kommunaler Ebene für Ausländerinnen und Ausländer, die seit mindestens 10 Jahren in der Schweiz wohnen / dass gleichgeschlechtliche Paare in allen Bereichen die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare haben?
Die Kandidatinnen und Kandidaten haben dieselben Fragen beantwortet und geschätzt, welcher Anteil ihrer Wählerschaft die vier Vorschläge jeweils unterstützt: Bitte schätzen Sie den Prozentsatz der Wählerinnen und Wähler Ihrer Partei, die dieser Aussage zustimmen.
Wählerinnen und Wähler werden als konservativer wahrgenommen, als sie es tatsächlich sind
Bei vier Themen – der Einführung eines Mindestlohns, der Anhebung des Rentenalters, der Sicherung der Rechte gleichgeschlechtlicher Paare und der Gewährung des Stimmrechts für Ausländer – schätzen die Kandidierenden die Positionen ihrer Wählerschaft systematisch falsch ein.
Die Politikerinnen und Politiker glauben, dass ihre Wählerinnen und Wähler progressiven Reformen (Mindestlohn, Rechte gleichgeschlechtlicher Paare und Stimmrecht für Ausländer) ablehnender gegenüberstehen und konservativen Reformen (Anhebung des Rentenalters) positiver gegenüberstehen, als dies in Wirklichkeit der Fall ist. Diese Verzerrung des «wahrgenommenen Konservativismus» ist ausgeprägt und weit verbreitet. Bei bestimmten wirtschaftlichen Themen ist er besonders auffällig, während er bei kulturellen Fragen etwas geringer ausfällt.
Eine Tendenz, die allen Parteien gemeinsam ist
Dieses Ergebnis betrifft kein bestimmtes politisches Lager. Es zieht sich quer durch das gesamte parteipolitische Spektrum. Die Kandidierenden der Linken, der Mitte und der Rechten überschätzen alle den Konservativismus ihrer eigenen Wählerschaft. Die Intensität variiert zwar, doch die Richtung dieser Verzerrung bleibt konstant.
Abbildung 1. Wahrgenommene konservative Verzerrung bei den Kandidierenden mit 95%-Konfidenzintervallen
Daten: Autor*innen · Grafik: Sophie de Stefani, DeFacto · Interpretationsbeispiel: Kandidierende der Grünliberalen gehen fälschlicherweise davon aus, dass 45 % ihrer Wählerschaft die Einführung eines Mindestlohns unterstützt, während tatsächlich 72 % ihrer Wählerinnen und Wähler diesen Vorschlag befürworten. Der Balken von 27 % gibt das Ausmass der wahrgenommenen konservativen Verzerrung an.
Kandidierende, die extremer sind als ihre Wählerschaft
Abgesehen von dieser Verzerrung zeigen die Daten ausserdem, dass:
- linke Kandidierende im Durchschnitt progressiver sind als ihre Wählerschaft,
- rechte Kandidierende im Durchschnitt konservativer sind als ihre Wählerschaft.
Mit anderen Worten: Die Politiker*innen vertreten ausgeprägtere Positionen als ihre Wählerbasis.
Abbildung 2. Übereinstimmung der politischen Präferenzen zwischen den Kandidatinnen und Kandidaten und den Wählerinnen und Wählern ihrer Partei mit 95-Prozent-Konfidenzintervallen

Daten: Autor*innen · Grafik: Sophie de Stefani, DeFacto
Kein direkter Einfluss auf das Wahlergebnis
Ein besonders überraschendes Ergebnis betrifft die Auswirkungen dieser wahrgenommenen konservativen Verzerrung und der Nichtübereinstimmung der Präferenzen auf den Wahlkampf selbst: Weder die Genauigkeit der Einschätzungen der öffentlichen Meinung durch die Kandidatinnen und Kandidaten noch die Übereinstimmung ihrer Positionen mit denen ihrer Wählerschaft haben einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, ins Bundesparlament gewählt zu werden.
Die Determinanten des Wahlerfolgs liegen woanders: Die Listenposition, die politische und berufliche Erfahrung sind ausschlaggebend. Ein besseres Verständnis der eigenen Wählerschaft scheint keinen direkten Wahlvorteil zu bieten.
Eine Tendenz zur politischen Vorsicht?
Diese Ergebnisse werfen eine weiterreichende Frage für die repräsentative Demokratie auf: Was passiert, wenn Kandidierende sowie Gewählte die Präferenzen ihrer Wählerschaft nicht richtig einschätzen? Die konservative Verzerrung erscheint hier als ein strukturelles Phänomen, das in allen Parteien vorhanden ist. Eine mögliche Interpretation ist, dass sie eine indirekt stabilisierende Rolle spielt.
Indem Politikerinnen und Politiker den Konservativismus ihrer Wählerschaft überschätzen, rechnen sie mit einem stärkeren Widerstand gegen progressive Reformen. Dies kann dazu führen, dass sie ihr Reformtempo oder ihre Kommunikationsstrategie anpassen. Aus dieser Perspektive erzeugt die Verzerrung eine Form der politischen Vorsicht, die in die Funktionsweise des Systems integriert ist.
Eine heikle Frage bleibt jedoch offen: Was verursacht und erhält diese Verzerrung aufrecht? Hängt sie mit den Kontakten der Politikerinnen und Politiker zu bestimmten, lautstärkeren konservativen Gruppen zusammen, mit den Interaktionen zwischen den politischen Eliten selbst oder mit allgemeineren kognitiven Mechanismen wie der sozialen Projektion?
Fazit: Ein Paradoxon der Repräsentation
All diese Ergebnisse zeichnen ein Paradoxon nach. Schweizer Politikerinnen und Politiker täuschen sich systematisch über den Grad des Konservativismus ihrer Wählerschaft, doch dieser Irrtum führt nicht zu einer Wahlstrafe für diejenigen, die am weitesten von der Realität entfernt sind.
Die repräsentative Demokratie erscheint somit weniger als ein System, das auf einer genauen Wahrnehmung der Präferenzen der Bürger*innen beruht, sondern vielmehr als ein Geflecht von Mechanismen, in dem verzerrte Wahrnehmung, ideologische Positionierung und wahltaktische Überlegungen nebeneinander bestehen, ohne sich gegenseitig aufzuheben.
Dieser Artikel ist eine Kurzfassung von:
Eisner, Léila, Jan Rosset & Frédéric Varone (2026). Perceptual Accuracy, policy congruence and electoral success of candidates. Swiss Political Science Review, Vol. 32, Issue 2.
Bild: Unsplash
