Generationsunterschiede bei Gründen der Nicht-Wahlteilnahme in der Schweiz

Reto Mitteregger, Thomas Jocker
21st July 2026

In der Schweiz stagniert die Wahlteilnahme bei ungefähr 45%. Bei gewissen Gruppen nimmt die Teilnahme sogar ab: Junge Schweizerinnen und Schweizer gehen immer seltener an die Urne.  Eine neue Studie geht diesem Umstand auf den Grund und wagt einen Blick in die Zukunft der Wahlteilnahme heutiger junger Menschen. 

Eines der vermutlich am besten dokumentierten empirischen Muster der Politikwissenschaft beschreibt den Fakt, dass ältere Bürger:innen mit höherer Wahrscheinlichkeit an Wahlen teilnehmen als jüngere dies tun. Ähnlich gut dokumentiert ist, dass Wahlbeteiligung auch eine Generationenkomponente aufweist: Selbst wenn Alterseffekte empirisch berücksichtigt werden, enthalten sich neuere Generationen häufiger bei Wahlen als frühere Generationen.

Generations- oder Kohorteneffekt?

Gerade für die Schweiz – wo die Wahlbeteiligung im europäischen Vergleich sehr niedrig ist und wo insbesondere Altersunterschiede in der Wahlbeteiligung immer wieder sichtbar werden – ist es zentral zu verstehen, ob sich die Gründe für die Nichtwahl über Generationen hinweg unterscheiden. Hierbei ist es entscheidend zu verstehen, ob Nicht-Teilnahmegründe durch Alterseffekte (Veränderungen infolge biologischer/psychologischer Alterung oder sozialer/ökonomischer Faktoren) oder Kohorteneffekte (resultierend aus stabilen Verhaltensmustern und Einstellungen, die im frühen Erwachsenenalter erworben wurden) bestimmt werden. Dabei handelt es sich nicht «nur» um eine methodische Frage, sondern auch um eine Frage mit erheblichen gesellschaftlichen Implikationen.

Wenn die Wahlbeteiligung und ihre zugrunde liegenden Motive hauptsächlich mit dem Alter variieren, werden sich Partizipation und ihre Motivationen zwar im Lebensverlauf verändern, jedoch über Generationen hinweg weitgehend stabil bleiben. Falls Unterschiede in der Wahlmotivation jedoch durch Generationseffekte getrieben werden, ist von einer dauerhaften und schrittweisen Veränderung der Partizipationsnormen auszugehen. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Erklärungen ist daher zentral, um zukünftige Entwicklungen der Wahlbeteiligung zu verstehen und Möglichkeiten aufzuzeigen, potenziell sinkender Partizipation entgegenzuwirken.

Gründe der Nichtteilnahme

Um zu erklären, weswegen Menschen nicht an Wahlen teilnehmen und warum dies bei jüngeren Generationen besonders ausgeprägt ist, haben existierende Studien zumeist versucht Unterschiede dies mit Blick sozioökonomische Faktoren, wie Bildung oder Einkommen, oder mit dem Sozialisationskontext zu erklären. Abwesend in dieser Literatur zur Erklärung von Generationsunterschieden bei der Wahlbeteiligung ist jedoch interessanterweise bislang die Untersuchung selbstberichteter Gründe für Wahlenthaltung.  

Unsere Studie hat deswegen versucht, die von Nichtwählenden selbst-deklarierten Gründe für die Abstinenz bei Wahlen über die Zeit zu eruieren. Für unsere empirische Analyse greifen wir auf die SELECTS Nachwahlbefragungen zurück, und analysieren eine einzigartige Datenlage, da bei allen Nationalratswahlen von 1995 bis 2023 nicht nur die Wahlteilnahme, sondern bei Nichtwählenden auch die Motive und Gründe zur Nichtwahl abgefragt wurden. Dabei gehen wir in zwei Schritten vor. Erstens beschreiben wir deskriptiv Alters- und Generationsunterschiede in der Wahlenthaltung innerhalb der Schweizer Bevölkerung. Zweitens konzentrieren wir uns spezifisch auf Alters- und Generationsunterschiede innerhalb der Gruppe der Nichtwähler:innen und analysieren ob es hier Unterschiede in der Begründung der Nicht-Teilnahme gibt.

Unsere Analyse zeigt zu allererst, dass ältere Schweizer:innen sich mit höherer Wahrscheinlichkeit an Wahlen beteiligen, dass es also einen signifikanten Alterseffekt gibt. Wir zeigen jedoch auch auf, dass neben diesem Altersunterschied in der Schweiz auch ein Generationsunterschied besteht: So nimmt die Wahlwahrscheinlichkeit in der Schweiz über Generationen hinweg signifikant und stark ab: Während Menschen, die in den 1950er Jahren geboren wurden, im Mittel zu etwa 55% an Wahlen teilnehmen, sinkt dieser Wert auf fast 30% bei den jüngsten Generationen, die nach 1990 geboren wurden.

Abbildung 1: Wahlbeteiligung nach Generation

Abbildung: Sophie De Stefani, DeFacto.

Bezüglich der angegebenen Gründe für die Nichtwahl finden wir ebenfalls einen signifikanten Generationsunterschied: Neuere Generationen von Nichtwählerinnen und Nichtwählern geben häufiger Motive an, die «politische Apathie» andeuten. Generell beobachten wir einen starken Rückgang des politischen Interesses über Generationen von Nichtwählern hinweg. Auch begründen neuere Generationen deutlich stärker als frühere Generationen ihre Nichtwahl, weil sie Politik als «zu kompliziert» erachten. Interessanterweise finden wir auch einen Effekt bezüglich der Relevanz von Wahlen: Neuere Generationen begründen ihre Wahlabstinenz deutlich häufiger mit der Aussage, dass diese keinen Einfluss auf die Regierungszusammensetzung hätten.

Abbildung 2: Generationeneffekte

Abbildung: Sophie De Stefani, DeFacto.

Diese Befunde zeigen auch, dass für die Schweizer Demokratie Handlungsbedarf besteht, wenn verhindert werden soll, dass Generationsunterschiede in der Wahlteilnahme nicht noch grösser werden. Unsere Analyse unterstreicht gleichzeitig die strukturellen Schwierigkeiten, zukünftige Generationen politisch zu mobilisieren, da die Resultate hindeuten, dass insbesondere politisches Interesse als wichtiger Erklärungsgrund für Nichtwahl über das Leben von Menschen hinweg grossmehrheitlich stabil bleibt.

Politische Akteure, welche eine grössere Wahlbeteiligung junger Generationen anstreben, sollten sich daher insbesondere darauf konzentrieren, wie sich diese Generationen wieder stärker für Politik interessieren können und auch, wie die durchaus komplexe Schweizer Politik für diese Generationen verständlicher vermittelt werden kann. Gelingt es der Schweizer Politik nicht, Lösungen für die in unserer Studie dargestellten Entwicklungen anzubieten, besteht die reale Gefahr, dass zukünftige Nationalratswahlen von einer noch kleineren Gruppe politisch aktiver Bürger:innen dominiert werden und dass Anliegen junger Generationen von den politischen Entscheidungsträgern in Zukunft (noch) weniger berücksichtigt werden.

Schweizer Wahlstudie Selects
Dieser Artikel ist Teil einer Sonderausgabe der Schweizerischen Zeitschrift für Politikwissenschaft, die den eidgenössischen Wahlen 2023 gewidmet ist. Die Beiträge stützen sich im Wesentlichen auf Daten der Schweizer Wahlstudie Selects, die das Wahlverhalten der Schweizer Bürgerinnen und Bürger bei den nationalen Wahlen seit 1995 untersucht. Selects wird vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert und von FORS in Lausanne durchgeführt. Alle Daten sind für wissenschaftliche Zwecke auf der Plattform SWISSUbase frei zugänglich. Die Sonderausgabe durchlief das übliche Peer-Review-Verfahren für die Veröffentlichung wissenschaftlicher Artikel.

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