Die Finanzialisierung von Rücküberweisungen und das Regieren durch Emotionen

Rahel Kunz, Julia Maisenbacher, Lekh Nath Paudel, Grégoire Rieder
7th July 2026

Rücküberweisungen von Migranti:innen an ihre Herkunftsfamilien gelten als private, solidarische Transfers – doch im Zuge ihrer Finanzialisierung werden sie zunehmend zu Instrumenten der Kapitalmobilisierung und Entwicklungsstrategie. Dieser Beitrag zeigt auf, wie auf Grund dieser Entwicklungen neue Erwartungen, Verantwortlichkeiten und Machtverhältnisse entstehen.

Als globales Phänomen übt die Finanzialisierung einen immer stärkeren Einfluss auf Gesellschaft und Politik aus und verwandelt Individuen in Investor:innen, die den Marktlogiken unterworfen sind. Dieser Prozess betrifft inzwischen auch Rücküberweisungen, d.h. das Geld, das Migrant:innen an ihre Familien und Gemeinschaften in ihrem Herkunftsland senden.

Durch die sogenannte Finanzialisierung der Rücküberweisungen werden diejenigen, die Geld senden und empfangen, dazu angeregt, Spar- und Anlageprodukte abzuschliessen, die angeblich zur Armutsbekämpfung und Entwicklungsförderung beitragen. Diese Entwicklung zeigt das Eindringen des neoliberalen Modells in die intimsten und am weitesten von der globalen Finanzwelt entfernten Lebensbereiche und fördert die Integration transnationaler Familien in den globalen Finanzmarkt. Welche problematischen Aspekte bringt diese Finanzialisierung der Rücküberweisungen mit sich? Dieser Frage widmeten wir uns in einem Forschungsprojekt an der Universität Lausanne (siehe Box unten).

Die Finanzialisierung von Rücküberweisungen: eine globale Agenda mit lokaler Ausprägung

Es wird geschätzt, dass weltweit 800 Millionen Menschen von Rücküberweisungen leben, die von mehr als 200 Millionen Migrant:innen getätigt werden. Seit zwei Jahrzehnten ziehen diese Geldtransfers die Aufmerksamkeit zahlreicher Akteure auf sich. Im Zusammenhang mit der globalen Initiative zur finanziellen Inklusion wurden Rücküberweisungen mit dem Ziel der Entwicklungsförderung finanzialisiert. Durch die Finanzialisierung werden Rücküberweisungen mit Programmen des Finanzbildung, Finanzdienstleistungen und finanzieller Innovation verknüpft. Diese Agenda wird von verschiedenen Akteuren vorangetrieben – darunter internationale Finanzinstitutionen sowie staatliche, nichtstaatliche und private Akteure.

Die Finanzialisierung zeigt sich insbesondere im Imperativ der Finanzbildung, der auf der Vorstellung beruht, dass transnationale Familien nicht über genügend Wissen verfügen, um ihre Finanzen richtig zu verwalten. Zudem sollen Rücküberweisungen formalisiert werden (um informelle Transfers, persönliche Übergaben oder Bargeldtransfers zu verhindern) und mit digitalen sowie finanziellen Produkten verbunden werden – sowohl auf individueller als auch auf staatlicher Ebene. Dadurch können Rücküberweisungen als Sicherheiten genutzt werden, um Kapital auf den Finanzmärkten aufzunehmen.

Die Finanzialisierung der Rücküberweisungen ist zwar eine weltweit verbreitete Agenda, ihre Umsetzung variiert jedoch je nach lokalem Kontext. In Nepal bietet die Regierung beispielsweise Diaspora-Anleihen an, und Kampagnen zur Finanzbildung richten sich an Mitglieder transnationaler Familien im Herkunftsland, um sie zum Sparen und Investieren zu bewegen. In Mexiko werden Migrant:innen und Empfänger:innen von Rücküberweisungen gezielt mit Angeboten für Mikrokredite und Versicherungen angesprochen. In Kenia erfolgt die Finanzialisierung der Rücküberweisungen vor allem über die Digitalisierung, etwa durch mobile Anwendungen für Geldtransfers und den Abschluss von Finanzdienstleistungen.

Rücküberweisungen finanzialisieren, um Frauen zu emanzipieren?

Die finanzielle Inklusion von Frauen über Rücküberweisungen wird von der internationalen Gemeinschaft häufig als Mittel zu ihrer Emanzipation dargestellt. Eine kritische Analyse zeigt jedoch, dass der Zugang von Frauen zu traditionellen und digitalen Finanzdienstleistungen ihre Emanzipation oder eine Verringerung geschlechtsspezifischer Ungleichheiten nicht zwangsläufig fördert (Kunz und Maisenbacher 2021). Im Gegenteil gehen die Finanzialisierung von Rücküberweisungen und der Zugang zu Finanzdienstleistungen in manchen Kontexten mit einer Verstärkung von geschlechtsbezogenen und rassistischen Stereotypen und Machtverhältnissen sowie mit neuen Formen der Diskriminierung einher (Kunz und Paudel 2026). Darüber hinaus basiert diese Sichtweise oft auf einem engen Verständnis von Emanzipation, das vor allem auf die wirtschaftliche Dimension fokussiert ist.

Rücküberweisungen durch Emotionen regieren

Doch wie funktioniert die Finanzialisierung konkret, um das Verhalten transnationaler Familien zu beeinflussen? Im Rahmen dieses Projekts analysierten wir eine besondere Strategie im Zentrum der Finanzialisierung von Rücküberweisungen: das Regieren durch Emotionen (Kunz, Maisenbacher und Paudel 2020). Diese Strategie mobilisiert Emotionen, um das Verhalten transnationaler Familien zu beeinflussen. Migrant:innen werden dazu ermutigt, formelle Finanzinstrumente zu nutzen, wobei Diskurse über Liebe, Patriotismus und Altruismus mobilisiert werden. Dies zeigt sich etwa in der Formulierung „mit Liebe umhüllte Dollars“, die vom Weltbank-Ökonomen Dilip Ratha verwendet wurde oder im Herzlogo des Transferunternehmens Monito.

Das Regieren durch Emotionen zielt darauf ab, die wirtschaftlichen Praktiken transnationaler Familien zu steuern und Vertrauen in Finanzinstitutionen aufzubauen. Zugleich fördert es Verantwortungsgefühle innerhalb transnationaler Familien. Das Regieren durch Emotionen geht auch mit Druck und Formen der Kontrolle einher. In Mexiko äußert sich dieser Druck beispielsweise in aggressiven Praktiken von Finanzinstitutionen bei der Auszahlung von Rücküberweisungen: Menschen werden dazu gedrängt, Sparkonten zu eröffnen oder Konsumkredite abzuschließen, während Bargeldabhebungen eingeschränkt werden – in einer subtilen, aber disziplinierenden Kontrolllogik (Kunz und Ramírez 2022).

Kurzfilm
Entdecken Sie unseren Kurzfilm zum Thema: Kunz, R., Duboux G., Fournier, N. and Paudel LN. (2021) ‘Financialisation of remittances: governing through emotions’: https://rec.unil.ch/permalink/v1261c9c2cd5480bx5vf/iframe/

Problematische Aspekte und Widerstand

Unsere Forschung zeigt, dass die Finanzialisierung von Rücküberweisungen zahlreiche problematische Aspekte mit sich bringt. Diese Agenda trägt dazu bei, transnationale Familien in die globale Finanzwelt einzubinden, was häufig zu Überschuldung führt. Zudem werden transnationale Familien zunehmend für Entwicklung verantwortlich gemacht, während sich der Staat gleichzeitig seiner Verantwortung entziehen kann. Dies erscheint umso problematischer, als die Hindernisse für Mobilität weltweit weiter zunehmen und es sich oft um vulnerable Personen handelt – teilweise ohne legalen Status und mit niedrigem Einkommen.

Gleichzeitig ist festzuhalten, dass das Regieren durch Emotionen und die Finanzialisierung von Rücküberweisungen nicht in allen Kontexten erfolgreich sind. Es existieren zahlreiche Formen des Widerstands gegen die Integration transnationaler Familien in die globale Finanzwelt (Kunz, Maisenbacher und Paudel 2022). In Mexiko beispielsweise entscheiden sich transnationale Familien häufig dafür, informelle Finanzkanäle zu nutzen oder lehnen Kredite zur Aufnahme einer unternehmerischen Tätigkeit ab.

Forschungsprojekt „Finanzialisierung von Rücküberweisungen“, unterstützt vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) (10001A_172945) und durchgeführt an der Universität Lausanne (2017–2021)
Im Kontext der globalen Agenda der finanziellen Inklusion werden Rücküberweisungen mit Initiativen der Finanzialisierung verknüpft. Dieses Phänomen stösst sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik auf grosses Interesse. Die wissenschaftliche Literatur hat diese Agenda bislang vor allem auf makroökonomischer Ebene und mit Fokus auf industrialisierte Länder untersucht – entweder aus einer wirtschaftlichen Perspektive, die Finanzialisierung befürwortet, oder aus einer kritischen Perspektive, die sie als neue neoliberale Form kapitalistischer Ausbeutung transnationaler Familien versteht.

Dieses Projekt hatte zum Ziel, die politischen Implikationen dieser Agenda kritisch zu analysieren und anhand von drei Fallstudien in Kenia, Mexiko und Nepal die vielfältigen empirischen Erscheinungsformen dieses globalen Phänomens eingehend zu untersuchen. Unser Forschungsansatz legte den Schwerpunkt auf die soziokulturellen, institutionellen und diskursiven Elemente, welche die Agenda der Finanzialisierung in diesen spezifischen Kontexten prägen. Durch die Verbindung foucaultscher und feministischer Theorien mit einem alltagsbezogenen Ansatz der internationalen politischen Ökonomie zielte das Projekt darauf ab, eine neue Konzeptualisierung der Finanzialisierung zu entwickeln. Weitere Informationen: https://www.unil.ch/ssp/fr/home/menuinst/recherche/science-politique/crhim/projets-en-cours/projets-realises.html


Referenzen:

  • Kunz, Rahel, and Julia Maisenbacher. 2021. ‘Gender and Remittances’. In The Palgrave Handbook of Gender and Migration, edited by Claudia Mora and Nicola Piper. Palgrave Macmillan.
  • Kunz, Rahel, Julia Maisenbacher, and Lekh Nath Paudel. 2020. ‘The Financialization of Remittances: Governing through Emotions’. Review of International Political Economy, 1–25.
  • ———. 2022. ‘Remittances, Development and Financialisation beyond the Global North’. Environment and Planning A: Economy and Space 54 (4): 693–701.
  • Kunz, Rahel, and Brenda Ramírez. 2022. ‘“Cambiando El Chip”: The Gendered Constellation of Subjectivities of the Financialisation of Remittances in Mexico’. Environment and Planning A: Economy and Space 54 (4): 779–99.
  • Kunz, Rahel, and Paudel, Lekh Nath. 2026. ‘Migration, Remittances and “Good Financial Subjects”’, in: Yurdakul, G. Beaman, J., Mügge, L., Scuzzarello, S. and Sunanta, S. (eds) Oxford Handbook of Intersectional Approaches to Migration, Gender & Sexuality, OUP.

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