Vereinfachen statt abschwächen: Ideen für bessere Deregulierung
Markus Hinterleitner
5th June 2026

Seit mehr als vierzig Jahren steht Deregulierung vielerorts auf der politischen Agenda. Regierungen in der Schweiz und im Ausland versprechen einen Bürokratieabbau, um die Arbeit von Behörden zu vereinfachen und den administrativen Aufwand für Unternehmen zu reduzieren. Doch allen Bemühungen zum Trotz nimmt die Zahl der Vorschriften weiter zu. Dieses Regulierungswachstum führt zu Kritik am Staat und lässt Bürger:innen an der Handlungsfähigkeit der Regierenden zweifeln.
Einleitung
Warum scheitern Deregulierungsvorhaben? Oft liegt es daran, dass sie zu simplistisch sind. So werden zum Beispiel Ressourcen in der Verwaltung gestrichen in der Hoffnung, dass dadurch automatisch weniger Vorschriften erlassen würden. Oder es wird versucht, die Schaffung neuer Regulierungen zu bremsen, ohne den Regulierungsbestand in die Analyse miteinzubeziehen. Diese Ansätze ignorieren jedoch eine wichtige Tatsache: Regulierungen interagieren untereinander. Einige ergänzen sich, andere überlappen sich, wieder andere widersprechen sich.
Unsere Studie präsentiert deshalb einen neuen Ansatz: Statt Vorschriften blind abzuschaffen, werden dabei inkohärente oder redundante Regeln identifiziert und gezielt angepasst.
Forschungsansatz
Um diesen Ansatz zu testen, haben wir die Entwicklung der Umweltpolitik in 21 Industriestaaten zwischen 1976 und 2020 betrachtet, darunter auch jene der Schweiz. Die Umweltpolitik ist ein ideales Feld, um das Regulierungswachstum zu untersuchen, da in diesem Bereich zahlreiche Instrumente zum Einsatz kommen, vielfältige Ziele verfolgt werden, sowie starker politischer Druck besteht, Unternehmen zu entlasten.
Der erste Schritt bestand darin, die Gesamtheit der Regulierungen zu katalogisieren. Für jedes Land erfassten wir die verfolgten Ziele (Emissionsreduktion, Schutz der Biodiversität, Energieeffizienz etc.) und die dazu eingesetzten Instrumente (Steuern, Subventionen, technologische Normen, Informationskampagnen etc.).

In einem zweiten Schritt identifizierten wir potentielle Redundanzen – also jene Fälle, in denen mehrere Instrumente dasselbe Ziel verfolgten. Einige davon stärken die gewünschte Wirkung, andere hingegen schaffen Doppelspurigkeiten und verursachen zusätzliche Kosten.
Zuletzt analysierten wir die Kohärenz der politischen Massnahmen. Gewisse Kombinationen von Instrumenten erweisen sich oft als nützlich, beispielsweise die Einführung einer Steuer, die von einer Informationskampagne begleitet wird. Andere sind kontraproduktiv, wie zum Beispiel Steuern, die keinen Anreiz mehr bieten, wenn bereits eine bestimmte Technologie vorgeschrieben wird. Instrumente, die im Widerspruch zueinander stehen, können in einem weiteren Schritt und nach gründlicher Einzelfallprüfung evtl. abgeschafft bzw. vereinfacht werden.
Ergebnisse und Diskussion
Unsere Studie ergab, dass im Durchschnitt 36 % der untersuchten Instrumente Deregulierungspotenzial aufweisen. In gewissen Ländern liegt das Deregulierungspotenzial bei fast 50 %, in anderen bei lediglich rund 15 %. Die Schweiz befindet sich in der Mitte dieses Spektrums, was zeigt, dass die stete Zunahme an Vorschriften ein Phänomen ist, das fast alle Industrieländer betrifft.
Aus unserer Analyse lassen sich drei allgemeine Schlüsse ziehen:
- Deregulierung gelingt besser, wenn sie gezielt statt blind stattfindet. Zahlenbasierte Ziele wie «20 % der Vorschriften abschaffen» sind politisch attraktiv, bergen jedoch die Gefahr, dass dadurch besonders nützliche Instrumente verschwinden. Ein Ansatz, der auf inkohärente Regulierungen fokussiert, erlaubt es, jene Instrumente zu erhalten, die einen Mehrwert liefern.
- Die systematische Katalogisierung aller Regulierungen ist ein wertvolles Werkzeug, um eine faktenbasierte Diskussionsgrundlage zu schaffen. Sie macht Redundanzen sichtbar und erlaubt es, jene Massnahmen zu identifizieren, die es anzupassen gilt.
- Deregulierung kann sogar die Wirkung von Regulierungen stärken, sofern sie auf eine Verbesserung der Kohärenz abzielt und nicht bloss eine quantitative Reduktion darstellt. Die Beseitigung von Widersprüchen vereinfacht den Regulierungsrahmen und stärkt gleichzeitig die Verständlichkeit und die Legitimität politischer Massnahmen.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass unsere Resultate darauf hinweisen, dass eine intelligente Deregulierung möglich ist. Diese besteht nicht darin, bestehende Regulierungen einfach loszuwerden, sondern sie kohärenter zu gestalten. In einem Kontext, in dem die regulatorische Komplexität häufig als Hindernis wahrgenommen wird, bietet dieser Ansatz eine pragmatische Lösung, um Regeln zu vereinfachen, ohne gleichzeitig ihre Wirkung zu schwächen.
Referenz
Steinebach, Yves, Xavier Fernández-i-Marín, Markus Hinterleitner, and Christoph Knill (2025). Towards “Better Deregulation”: From Crude-Cost Cutting to the Targeted Pruning of Policy Activities. Journal of European Public Policy, DOI: 10.1080/13501763.2025.2548350.
Bild: unsplash.com
Bemerkung: Dieser Beitrag stammt aus dem 11. IDHEAP Policy Brief.
