Politische Bildung im Zeitalter der KI
Manuel Hubacher
4th June 2026

Spätestens im Frühjahr 2023 verdeutlichten die KI-generierten Bilder von Papst Franziskus in einer weissen Daunenjacke, die in den sozialen Medien viral gingen,1 was die Konsequenzen generativer KI-Bilder sein können:2 eine Medienlandschaft, in der unechte kaum noch von echten Inhalten zu unterscheiden sind. Unter diesem Vorzeichen stellt sich die Frage, was die Auswirkungen darauf sind, wie in demokratischen Gesellschaften Informationen produziert, verbreitet und bewertet werden. Welche Kompetenzen und Strategien benötigen demokratische Bürger*innen, um sich in dieser veränderten Informationsumwelt zu orientieren und ihre Gesellschaft mitzugestalten?
Drei Herausforderungen für den demokratischen Diskurs
Die wachsende Verbreitung von KI-Systemen stellt demokratische Gesellschaften vor mindestens drei grundlegende Herausforderungen:
- Desinformation:3 Noch nie war es so einfach, täuschend echte Falschinformationen in grossem Massstab zu produzieren. Insbesondere die langfristigen Auswirkungen für das Vertrauen in demokratische Institutionen sind problematisch.
- Das Blackboxproblem:4 Häufig ist kaum nachvollziehbar, wie ein KI-System zu einer Entscheidung gelangt. Dies erschwert transparente Prozesse und Entscheide.
- Solutionismus und technischer Determinismus: Um gesellschaftliche Probleme zu lösen, die mitunter durch KI-Systeme verursacht wurden, ist die Reaktion oft, noch mehr Technologie einzusetzen. KI-Systeme sind aber nicht «neutral», sondern weisen spezifische Werte und Zielvorstellungen auf.5 Hinterfragt man diese normativen Annahmen nicht, übernimmt man Werte und Zielvorstellungen ohne Diskurs und ohne Prüfung, ob diese mit einer demokratischen Gesellschaft vereinbar sind.
Soll Politische Bildung mehr Skepsis oder mehr Vertrauen fördern?
Diese Herausforderungen legen den Schluss nahe, dass Bürger*innen noch mehr Skepsis und Misstrauen benötigen. Zu viel davon kann aber das Vertrauen in vertrauenswürdige Institutionen untergraben und den epistemischen Minimalkonsens zerstören. Diese geteilte Grundlage, was faktisch oder wahr ist, ist aber eine Voraussetzung für eine funktionierende demokratische Deliberation. Zu wenig Skepsis und Misstrauen begünstigt hingegen unkritischen Gehorsam und macht Bürger*innen potenziell leichter manipulierbar. Die Herausforderung liegt folglich darin, ein Gleichgewicht zu finden. Deshalb plädiere ich dafür, dass Politische Bildung im Zeitalter der KI auf epistemische Wachsamkeit und eine kritisch-transformative Perspektive setzt.
Epistemische Wachsamkeit und kritisch-transformative Perspektive kombinieren
Epistemische Wachsamkeit verbindet dabei Vertrauen und kritisches Denken und wirkt auf zwei Ebenen.6 Die direkte Ebene zielt auf die Bewertung einzelner Inhalte, Argumente und Behauptungen. Vertrauen ist die Grundeinstellung, sofern die Information von einer vertrauenswürdigen Quelle kommt. Skepsis und vertiefte Kritik sind die Reaktion auf begründete Zweifel. Die indirekte Ebene fragt, ob eine Quelle vertrauenswürdig ist. Dafür ist unter anderem unerlässlich, über politisches Wissen zu verfügen, ein Verständnis von der Funktionsweise von Mediensystemen zu besitzen oder ein Konzept von Wahrheit oder Faktizität zu haben. In der Praxis setzt epistemische Wachsamkeit damit politische Kompetenz, Medien- und Digitalkompetenz sowie domänenspezifisches Fachwissen voraus. Ohne dieses Fundament ist es schwer zu erkennen, wann Skepsis und Misstrauen angezeigt sind.
Eine kritische politische Medienkompetenz ist folglich eine Voraussetzung für demokratische Bürger*innen. Politik ist zudem ein zukunftsgerichtetes Unterfangen. Dies spricht dafür, daneben auch jene Kompetenzen in den Blick zu nehmen, um über mögliche Zukünfte nachzudenken und damit verbundene normative Fragen anzugehen. Jugendliche sollten, anders gesagt, lernen, normative, auf die Zukunft gerichtete Fragen zu bearbeiten: Z. B. welche KI-Systeme wollen wir? Wie sollten Mediensysteme und das politische System gestaltet sein, damit sie unser Vertrauen verdienen? Oder was macht eine Institution vertrauenswürdig? Dies ist der Kern einer kritisch-transformativen Perspektive.7
Fazit: analytische und politische Kompetenzen, Future Literacy sowie relevantes Wissen
Bürger*innen brauchen im Zeitalter der KI Skepsis – aber nur dann, wenn es dafür konkrete Gründe gibt. Die Grundeinstellung sollte Vertrauen gegenüber verlässlichen Institutionen und Quellen bleiben. Politische Bildung soll dazu befähigen, epistemisch wachsam zu sein und darüber nachzudenken, wie technologische, politische und institutionelle Systeme gestaltet sein müssen, um unser Vertrauen zu verdienen. Dies erfordert analytische und politische Kompetenzen, Future Literacy – also die Kompetenz, Zukunft bewusst als Werkzeug zu nutzen, um besser mit der Komplexität und Unsicherheit unserer Welt umzugehen – sowie sowohl systemisches als auch technisches Wissen.
Hinweis: Dieser Beitrag beruht auf dem Referat „Digital Citizenship Education in the Age of AI “, gehalten von Dr. phil. Manuel Hubacher an den Aarauer Demokratietagen vom 12. und 13. März 2026.
Quellen:
[1] James Vincent, «The Swagged-Out Pope Is an AI Fake — and an Early Glimpse of a New Reality», The Verge, 27. März 2023, https://www.theverge.com/2023/3/27/23657927/ai-pope-image-fake-midjourney-computer-generated-aesthetic.
[2] Dieser Beitrag basiert auf dem Vortrag «Digital Citizenship Education in the Age of AI», den ich am 13.03.2026 an den Aarauer Demokratietagen zum Thema Vertrauen und Demokratie im Panel «Trust and Misinformation in the Age of AI and Digitalization» gehalten habe.
[3] Robin Mansell, Flavia Durach, Matthias Kettemann, u. a., Information Ecosystem and Troubled Democracy: A Global Synthesis of the State of Knowledge on News Media, AI and Data Governance (Observatory on Information and Democracy, 2025), https://observatory.informationdemocracy.org/report/information-ecosystem-and-troubled-democracy/.
[4] Frank Pasquale, The Black Box Society: The Secret Algorithms That Control Money and Information (Harvard University Press, 2015), https://doi.org/10.4159/harvard.9780674736061.
[5] Rainer Mühlhoff, Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus, Reclams Universal-Bibliothek 962455 (Reclam, 2025).
[6] Vgl. Rico Hauswald, «Caveat usor: Vertrauen und epistemische Wachsamkeit gegenüber künstlicher Intelligenz», Zeitschrift für Praktische Philosophie 11, Nr. 1 (2024): 367–94, https://doi.org/10.22613/zfpp/11.1.15; C. Thi Nguyen, «Trust as an Unquestioning Attitude», Oxford Studies in Epistemology 7 (2022): 214–44.
[7] Dass junge Menschen sich nicht nur mit komplexen, umstrittenen Fragen zu KI, Demokratie und der Zukunft auseinandersetzen sollten, sondern dazu in der Lage sind, zeigte beispielsweise das Projekt Stories of the Future des Albert Hirschman Centre on Democracy am IHEID in Genf.
Abbildung: Reddit (KI-Generiert)
