Wie Emotionen evidenzbasiertes Lernen in der Politik beeinflussen
Moulay Lablih, Pirmin Bundi, Lea Portmann
2nd June 2026

Politikerinnen und Politiker sind täglich einer Flut von Informationen und Bildern ausgesetzt, die Emotionen auslösen. Doch beeinflussen diese Gefühle auch, wie politische Entscheidungsträgerinnen und -träger wissenschaftliche Evidenz verarbeiten und ihre Überzeugungen anpassen? Eine neue Studie zeigt: Angst fördert politisches Lernen, aber starke bestehende Überzeugungen und die Wahrnehmung von Komplexität können diesen Effekt bremsen.
Stellen Sie sich vor, Sie sind Mitglied der Gemeindeexekutive und müssen über die Umweltpolitik Ihrer Gemeinde entscheiden. Auf Ihrem Schreibtisch liegt ein wissenschaftlicher Bericht über die Dringlichkeit der Dekarbonisierung. Gleichzeitig haben Sie gerade ein erschütterndes Bild einer Naturkatastrophe gesehen. Lesen Sie den Bericht nun aufmerksamer? Passen Sie Ihre bisherige Haltung an?
Genau dieser Frage sind wir in unserer Studie «Does anxiety increase policy learning?» nachgegangen, die 2024 im Policy Studies Journal veröffentlicht wurde. Im Zentrum stand dabei eine bislang weitgehend vernachlässigte Dimension des politischen Lernens: die Rolle von Emotionen, insbesondere von Angst.
Politisches Lernen als Voraussetzung für evidenzbasierte Politik
Politisches Lernen – also die Fähigkeit, bestehende Überzeugungen anhand neuer Informationen zu überprüfen und anzupassen – gilt als eine der zentralen Voraussetzungen für evidenzbasierte Politik. Wer lernt, kann auf neue Herausforderungen reagieren, politische Massnahmen anpassen und Fehlentscheidungen vermeiden. Die bisherige Forschung hat dabei vor allem auf institutionelle Rahmenbedingungen, parteipolitische Faktoren und sozioökonomische Merkmale fokussiert. Emotionen spielten kaum eine Rolle, obwohl sie in der politischen Praxis allgegenwärtig sind.
Die politische Psychologie hingegen liefert Erklärungsansätze, wie Emotionen Entscheide beeinflussen können. Das sogenannte Affective Intelligence Model (AIM) geht davon aus, dass Angst als ein Zustand erhöhter Wachsamkeit die Bereitschaft fördert, Informationen intensiver zu verarbeiten. Wenn sich Menschen bedroht fühlen, verlassen sie gewohnte Denkmuster und suchen aktiver nach neuen Informationen. Umgekehrt begünstigt Begeisterung das Festhalten an vertrauten Überzeugungen.
Angst fördert politisches Lernen
Die Ergebnisse bestätigen unsere zentrale Hypothese: Befragte, die den angstauslösenden Bildern ausgesetzt waren, passten ihre Überzeugungen signifikant häufiger an die präsentierten wissenschaftlichen Informationen an als jene in der Kontrollgruppe ohne Bilder. Besonders aufschlussreich ist dabei ein Detail: In der Kontrollgruppe (ohne Angststimulus) aktualisierten die Befragten ihre Überzeugungen im Schnitt sogar entgegen der wissenschaftlichen Evidenz. Der Angststimulus dreht diesen Effekt um und führt zu einer Anpassung in Richtung der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Dies ist ein starkes Indiz dafür, dass Angst die Aufmerksamkeit erhöht und eine vertiefte kognitive Auseinandersetzung mit neuen Informationen begünstigt.
Starke Überzeugungen als Lernbremse
Neben diesem Hauptbefund liefert die Studie weitere interessante Erkenntnisse. So zeigen die Analysen, dass die Stärke der bestehenden Überzeugungen einen erheblichen Einfluss auf das Lernen hat: Je überzeugter Politikerinnen und Politiker in ihrer bisherigen Position waren, desto weniger waren sie bereit, diese auf der Grundlage neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse anzupassen. Dieses Phänomen ist in der Forschung als «kognitive Konservativität» bekannt und entspricht den Erwartungen der bayesianischen Lerntheorie: Schwache Überzeugungen lassen sich leichter durch neue Informationen verändern als stark verankerte Überzeugungen. Ob die Angst diesen Effekt abschwächen kann, besonders bei Personen mit starken bestehenden Überzeugungen, lässt sich anhand unserer Daten nicht abschliessend bestätigen.
Wahrgenommene Komplexität hemmt das Lernen
Überraschend ist zudem der Befund, dass entgegen unserer Ausgangserwartung die wahrgenommene Komplexität einer Politik das Lernen nicht fördert. Sie bremst es sogar. Je komplexer Politikerinnen und Politiker ein Thema einschätzen, desto weniger passen sie ihre Überzeugungen an neue Informationen an. Dies lässt sich mit der Heuristik-Theorie von Tversky und Kahneman erklären, die davon ausgeht, dass Menschen bei grossen wahrgenommenen Unsicherheiten dazu neigen, auf vereinfachende Denkmuster zurückzugreifen, anstatt neue Informationen intensiv zu verarbeiten. Die politische Kommunikation steht damit vor einer doppelten Herausforderung: Komplexe Themen sind nicht nur schwer zu vermitteln, sondern können das Lernen aktiv behindern.
Was das für die Praxis bedeutet
Unsere Ergebnisse haben konkrete Implikationen für die politische Kommunikation und Verwaltungspraxis. Erstens zeigt die Studie, dass die Art der Informationsvermittlung entscheidend ist. Fakten allein reichen nicht aus. Dringlichkeit und Relevanz müssen spürbar sein, um Lernprozesse anzustossen. Zweitens erfordert die Bearbeitung komplexer Themen besondere Unterstützung: Politikerinnen und Politiker brauchen gut aufbereitete, klar strukturierte Informationen, um inhaltlich anspruchsvolle Politikfelder erfassen und produktiv bearbeiten zu können. Drittens verdeutlicht die Studie, dass Emotionen auch in der Elitepolitik eine Schlüsselrolle spielen. Politisches Lernen ist nicht allein eine Frage von Wissen oder Ideologie, sondern wird massgeblich durch psychologische Mechanismen geprägt.
Gleichzeitig mahnen die Befunde zur Vorsicht: Wenn emotionale Rahmungen politisches Lernen beeinflussen, können sie auch zur Manipulation genutzt werden. Interessengruppen könnten emotionale Strategien gezielt einsetzen, um Politikerinnen und Politiker in eine bestimmte Richtung zu drängen. Die Qualität der Informationen, sowohl in wissenschaftlicher Hinsicht als auch in Bezug auf ethische Standards, spielt daher eine entscheidende Rolle.
Referenz:
- Lablih, Moulay, Pirmin Bundi und Lea Portmann (2024). Does anxiety increase policy learning? Policy Studies Journal, 52(3), 603–622. https://doi.org/10.1111/psj.12529
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