Warum berufliche Bildung weiterhin wirtschaftliche und soziale Vorteile bietet

Niccolo Durazzi, Patrick Emmenegger, Matthias Haslberger
13th May 2026

KI und technologischer Wandel verändern die Arbeitsmärkte. Nach wie vor gilt die Hochschulbildung sicherer Weg zum Erfolg. Unsere Forschung zeigt nun aber, dass hochwertige duale Berufsbildungssysteme genauso starke wirtschaftliche Perspektiven bieten und zudem zur Verringerung von Ungleichheit beitragen können.

Die Frage, wie Menschen in Arbeitsmärkten, die zunehmend durch technologischen Wandel geprägt sind, erfolgreich sein können, beschäftigt die Sozialwissenschaften seit Langem. Seit den 1990er-Jahren, als die Revolution der Informations- und Kommunikationstechnologien zu einem Massenphänomen wurde, erhält sie erneute Aufmerksamkeit. In jüngerer Zeit hat sie in Debatten über die Rolle künstlicher Intelligenz weiter an Dringlichkeit gewonnen.

Um die Jahrhundertwende lautete die typische Antwort: Ausbau der Hochschulbildung. Die Begründung war, dass dieser Qualifikationsweg jene anspruchsvollen kognitiven Fähigkeiten vermittelt, die technologischen Wandel ergänzen. Viele Analysen argumentierten, technologischer Wandel schaffe Beschäftigung vor allem an den Rändern der Qualifikationsverteilung – in der einprägsamen Terminologie von Maarten Goos und Alan Manning also „lovely“ und „lousy“ jobs, das heißt attraktive und schlechte Arbeitsplätze. Für leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler, die stabile Beschäftigung suchten, waren die Aussichten entsprechend ungünstig. Während die Quote der Hochschuleinschreibungen stieg – oft unterstrichen durch ambitionierte Ziele supranationaler Institutionen und nationaler Regierungen –, galt die Zukunft der beruflichen Bildung als düster. Wenn „lovely“ jobs zunehmend am oberen Ende der Qualifikationsverteilung konzentriert waren, während Tätigkeiten im mittleren Qualifikationssegment – oft mit beruflicher Ausbildung verbunden – automatisiert wurden, schien die heutige Berufsbildung kaum noch in der Lage, jene sozioökonomischen Vorteile zu erbringen, für die sie lange bekannt war.

Duale Berufsbildung zwischen wirtschaftlicher Effizienz und Prädistribution

In einer Reihe neuer wissenschaftlicher Papiere bewerten wir diese pessimistische Sichtweise neu – und stellen sie grundlegend infrage. Auf Basis länderübergreifender Evidenz auf individueller wie nationaler Ebene zeigt sich ein markant anderes Bild. Unsere Studien legen nahe, dass berufliche Bildungssysteme in heutigen Wissensökonomien weiterhin wichtige wirtschaftliche und soziale Funktionen erfüllen – sofern die berufliche Bildung hochwertig ist. Qualität erfassen wir näherungsweise über das „duale“ Modell, in dem Ausbildung sowohl in Schulen als auch in Betrieben stattfindet. Diese Struktur verbindet breit angelegtes theoretisches Wissen mit praktischen Fähigkeiten, die sich an den sich wandelnden Bedürfnissen der Unternehmen orientieren. Solche Systeme – typischerweise mit deutschsprachigen Ländern verbunden, aber auch in Dänemark und den Niederlanden präsent – erweisen sich als tragfähige politische Option, um günstige wirtschaftliche Ergebnisse und Verteilungseffekte zu erzielen. Unsere Studien zeigen, dass dies auch in heutigen Wissensökonomien gilt.

Eine aktuelle Studie im British Journal of Political Science zeigt beispielsweise, dass duale Berufsbildung anderen Bildungswegen auf Sekundarstufe II beim Übergang von der Schule in den Beruf und bei den Löhnen überlegen ist, besonders zu Beginn des Erwerbslebens. Deshalb scheinen Absolventen dualer Berufsbildung weniger besorgt über technologischen Wandel und Automatisierung zu sein. Eine Studie in der European Political Science Review kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Auf Grundlage nationaler Daten zeigt sie, dass robuste duale Berufsbildungssysteme mit einem höheren Anteil nicht universitär gebildeter junger Menschen einhergehen, die dennoch in nicht-routinehafte kognitive Berufe eintreten – also in „lovely jobs“. Dies deutet auf ein gewisses Maß an funktionaler Äquivalenz zwischen hochwertiger beruflicher Bildung und Hochschulbildung hin.

Darüber hinaus scheint duale Berufsbildung ihre wirtschaftlichen Vorteile für den Einzelnen nicht nur zu bewahren, sondern mit inklusiven gesellschaftlichen Auswirkungen zu verbinden. Eine kürzlich im Journal of European Social Policy veröffentlichte Studie hebt eine wichtige prädistributive Rolle der dualen Berufsbildung hervor. Sie zeigt, dass stärkere duale Berufsbildungssysteme mit geringerer Lohnungleichheit einhergehen, vor allem weil duale Berufsbildung die Löhne in der unteren Hälfte der Lohnverteilung erhöht. Dies spricht dafür, dass leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler zu den wichtigsten Begünstigten zählen. Wichtig ist: Der Übergang zur Wissensökonomie schwächt diesen Zusammenhang nicht.

Weniger gute Nachrichten für die Umverteilung?

Wenn duale Berufsbildung weiterhin eine starke Quelle individueller wirtschaftlicher Vorteile und gerechter Prädistribution ist, befördert sie möglicherweise nicht die Nachfrage nach umverteilender Sozialpolitik – anders als in der Literatur bislang oft angenommen. Traditionell wurde duale Berufsbildung mit dem Erwerb spezifischer Fähigkeiten verbunden. Forschende betrachten solche Qualifikationen als riskanter, weil sie zwischen Arbeitsplätzen weniger gut übertragbar sind. Politische Maßnahmen wie großzügige Arbeitslosenleistungen bieten Absicherung im Fall von Arbeitsplatzverlust und verringern die Risiken, die mit Investitionen in spezifische Fähigkeiten verbunden sind. Sie sollten deshalb unter Absolventen beruflicher Bildung auf starke Unterstützung stoßen. Unser Papier im British Journal of Political Science stellt diesen Zusammenhang jedoch infrage: Duale Berufsbildung scheint die individuelle Unterstützung für kompensatorische Sozialpolitik zu dämpfen. Dieses Muster verstärkt sich zudem im Kontext technologischen Wandels: Duale Berufsbildung schwächt den Zusammenhang zwischen Automatisierungsrisiko und Nachfrage nach sozialer Absicherung, den Forschende bei Personen mit rein schulischer Ausbildung auf Sekundarstufe II beobachten. Ein Teil der Erklärung für diesen zunächst überraschenden Befund liegt im Erfolg der dualen Berufsbildung selbst. Dass duale Berufsbildung ihren Absolventen relativ hohe Löhne ermöglicht, kann umverteilungskritische Präferenzen fördern. Absolventinnen und Absolventen beruflicher Bildung könnten sich eher als Beitragszahlende denn als Begünstigte von Umverteilung wahrnehmen – und solche Politik daher ablehnen.

Ein sozioökonomischer Hoffnungsschimmer?

In einer Zeit, in der die Förderung von Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Begrenzung von Ungleichheit weit oben auf der politischen Agenda steht, geben unsere Befunde Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Sie legen nahe, dass duale Berufsbildung eine politische Option ist, die beide Ziele zugleich voranbringen kann. Sie fördert die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit im Kontext technologischen Wandels und des Übergangs zur Wissensökonomie. Zugleich wirkt sie als effektives prädistributives Instrument, indem sie Ungleichheit in der unteren Hälfte der Einkommensverteilung reduziert. Regierungen fortgeschrittener Demokratien sollten daher ernsthaft darüber nachdenken, welche Bildungswege sie Schülerinnen und Schülern in der unteren Hälfte der schulischen Leistungsverteilung anbieten. Ein gut entwickeltes und robustes berufliches Bildungssystem scheint besonders geeignet zu sein, den Fachkräftebedarf in der Wissensökonomie zu sichern und zugleich weitverbreitete sozioökonomische Ziele zu fördern.

Hinweis: Dieser Beitrag wurde am 11. Mai 2026 auch auf dem LSE Blog publiziert. 

Quellen:

Weitere Informationen finden sich in den begleitenden Open-Access-Studien der Autoren im British Journal of Political Science, in der European Political Science Review und im Journal of European Social Policy.

 

Bild: Unsplash