Zwischen Alarm und Evidenz: Desinformation im Zeitalter von KI

Mark Eisenegger
16th April 2026

Desinformation wird im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz als grosse Bedrohung für Demokratien wahrgenommen. Doch empirische Befunde zeichnen ein differenzierteres Bild: Nicht nur die Verbreitung von Falschinformationen, sondern vor allem auch der starke Rückgang des Konsums von verlässlichen Nachrichten sollte im Fokus stehen

Aarauer Demokratietage

Desinformation wird gegenwärtig in Politik, Medien und internationalen Organisationen als eine der zentralen Gefahren für demokratische Systeme diskutiert. Im Global Risks Report des World Economic Forums wird die Desinformation als eines der grössten Risiken für die Stabilität bezeichnet. Der öffentliche Diskurs ist dabei häufig von einer stark problemorientierten Perspektive geprägt.

Es stellt sich die Frage, inwiefern diese Wahrnehmung durch empirische Evidenz gestützt wird und ob Desinformation tatsächlich das zentrale Problem für die demokratische Öffentlichkeit darstellt. Ohne das Problem der Desinformation bagatellisieren zu wollen, argumentiert der vorliegende Beitrag, dass eine differenzierte Betrachtung erforderlich ist und dass ein anderes strukturelles Phänomen mehr in den Fokus rücken sollte: die News-Deprivation, d.h. die zunehmende Unterversorgung mit Nachrichten.

Wahrnehmungsstudien: Desinformation als grosses Problem

Repräsentative Befragungen zeigen, dass Desinformation in der Bevölkerung als weit verbreitet und gesellschaftlich folgenreich wahrgenommen wird. Auch für die Schweiz belegen entsprechende Studien eine ausgeprägte Problembewusstheit, insbesondere im Kontext sozialer Plattformen (Vogler et al., 2021). Vergleichbare Befunde liegen auch für andere westliche Demokratien vor (Van der Meer & Hameleers, 2024). Gleichzeitig wird Desinformation mit erheblichen Konsequenzen für demokratische Prozesse und Institutionen assoziiert, etwa im Hinblick auf demokratisches Vertrauen und Legitimität (McKay & Tenove, 2021). Wahrnehmungsstudien deuten also auf eine hohe subjektive Relevanz des Phänomens hin.

Tracking-Studien: Begrenzte Exposition gegenüber Desinformation

Studien, die sich auf härtere Messverfahren abstützen, zeigen ein deutlich nüchterneres Bild. Verhaltensbasierte Tracking-Studien belegen konsistent, dass der Anteil von Inhalten aus als unzuverlässig klassifizierten Quellen im digitalen Informationsumfeld vergleichsweise gering ist. Erfasst wird je nach Ansatz entweder die Exposition gegenüber solchen Quellen – also Inhalte, die Nutzerinnen und Nutzer in ihrem Feed potenziell sehen – oder deren tatsächliche Nutzung, etwa in Form von Klicks oder Besuchen auf desinformative Websites.

Für die USA liegen die Anteile im Nachrichtenbereich im niedrigen einstelligen Prozentbereich und variieren je nach Messmethode und untersuchter Plattform (z.B. Twitter, Facebook) zwischen ein bis sechs Prozent (Grinberg et. Al., 2019; Guess et al., 2020; Acerbi et al., 2022). Fokussiert man nicht nur auf Nachrichten, sondern betrachtet den gesamten Medienkonsum, so macht die Nutzung von desinformativen Websites gar nur 0,15 Prozent der täglichen Mediennutzung aus (Allen et al., 2020).

Auch für europäische Länder zeigen Tracking-Daten niedrige Werte. In Frankreich entfallen je nach Zeitraum rund vier bis sechs Prozent der Besuche auf desinformative News-Websites, in Deutschland knapp ein Prozent (Altay et al., 2022). Für die Schweiz fehlen solche Daten bisher.

Verteilung und Wirkung: Konzentration und Kontextabhängigkeit

Insgesamt ergibt sich somit eine deutliche Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen Allgegenwart von Desinformation und ihrer mittels Tracking-Studien gemessen, tatsächlichen Verbreitung. Die Exposition gegenüber Desinformation ist zudem stark ungleich verteilt und konzentriert. Eine vergleichsweise kleine Gruppe von Nutzerinnen und Nutzern ist oft für einen grossen Teil des Kontakts und der Interaktionen mit entsprechenden Inhalten verantwortlich (Budak et al., 2024; Christner et al., 2025). Dies zeigt sich auch in einer eigenen Studie zu Interaktionen mit Desinformation während der COVID-19-Pandemie: Lediglich 0,3 bzw. 1,9 Prozent der erfassten Twitter-Nutzenden interagierten mit den desinformativen Inhalten, wobei korrigierende Reaktionen (Debunking) häufiger waren als unterstützende (Rauchfleisch et al., 2020).

Häufig wird auch implizit angenommen, dass der Kontakt mit Desinformation zwangsläufig zu Einstellungs- oder gar Verhaltensänderungen führt. Die empirische Evidenz spricht jedoch dagegen. Reaktionen auf entsprechende Inhalte sind nicht selten von Ignoranz oder Skepsis geprägt (Rauchfleisch et al., 2020). Dies auch deshalb, da das Misstrauen gegenüber digitalen Plattformen – wo Misinformation häufiger vorkommt – ausgeprägt ist und im KI-Zeitalter tendenziell zunimmt (Camila et al., 2022).

Vulnerabilität: Individuelle und gesellschaftliche Faktoren

Auch wenn die Wirkung und Verbreitung von Desinformation insgesamt häufig überschätzt werden, bedeutet dies nicht, dass das Phänomen unproblematisch ist. Die Relevanz ist aber stark kontextabhängig und nimmt insbesondere dort zu, wo spezifische individuelle oder gesellschaftliche Anfälligkeiten bestehen.

Auf individueller Ebene spielt insbesondere motiviertes Denken – also die Tendenz, Informationen im Einklang mit bestehenden Überzeugungen zu interpretieren – eine wichtige Rolle (Zeng & Brennen, 2023; Osmundsen et al., 2021). Wenn Desinformationen zu bestehenden Einstellungen passen, ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass sie die Nutzerinnen und Nutzer glauben oder weiterverbreiten. Empirische Studien zeigen auch eine erhöhte Vulnerabilität bei Gruppen mit extremistischen politischen Orientierungen (Törnberg & Chueri, 2025). Desinformation wird dabei nicht immer aus Überzeugung geteilt, sondern auch strategisch eingesetzt, um politischen Gegnern zu schaden (Petersen et al., 2018).

Auf gesellschaftlicher Ebene wird Vulnerabilität wesentlich durch strukturelle Rahmenbedingungen geprägt. Zu solchen gesellschaftlichen Vulnerabilitätsfaktoren zählen gesellschaftliche Polarisierung, geringes Vertrauen in Nachrichtenmedien, fragmentierte Mediennutzung, eine hohe Bedeutung sozialer Medien als Nachrichtenquelle, aber insbesondere auch die Prävalenz etablierter Eliten, die Falschinformationen verbreiten. Auf Basis solcher Faktoren unterscheiden sich die Länder deutlich in ihrer Resilienz gegenüber Desinformation. Während die Schweiz vergleichsweise resilient ist, sind andere Länder wie die USA deutlich vulnerabler (Humprecht et al., 2020).

Künstliche Intelligenz: Ambivalente Effekte

Wir haben gesehen, dass Desinformation weniger verbreitet ist, als angenommen. Es ist ein stark auf bestimmte Gruppierungen konzentriertes Phänomen, bei dem Länderunterschiede beachtet werden müssen. Die generative künstliche Intelligenz verändert allerdings die Rahmenbedingungen der Informationsproduktion und -verbreitung. Einerseits senkt sie die Kosten und technischen Hürden für die Erstellung manipulativer Inhalte, etwa in Form von Deepfakes (Karaboga et al., 2024). Zudem eröffnen KI-gestützte Systeme neue Möglichkeiten für die koordinierte und skalierte Verbreitung von Desinformation (Schroeder et al., 2026). Experimentelle Studien zeigen zudem, dass KI-generierte Inhalte persuasiv d.h. überzeugend wirken können und somit das Potenzial haben, Meinungen zu beeinflussen (Goldstein et al., 2024).

Andererseits bietet KI auch Potenziale für Gegenmassnahmen, etwa im Bereich der automatisierten Faktenprüfung oder der dialogischen Korrektur von Falschinformationen (Lee & Fussell, 2025).

Ein grösseres Problem? News-Deprivation

Desinformation sollte nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Kontext umfassender Veränderungen der Informationsnutzung. Dabei tritt ein weiteres Problem besonders hervor: In vielen westlichen Demokratien ist bei der Bevölkerung ein starker Rückgang der Nachrichtennutzung zu beobachten (Toff et al., 2023; Skovsgaard & Andersen, 2020).

Weltweit zählen inzwischen rund 40 Prozent der Bevölkerung zu den sogenannten «News Avoidern» (Newman et al., 2025). In der Schweiz gehören aktuell sogar bereits 46 Prozent zu den «News-Deprivierten», also zu Personen, die dauerhaft unzureichend mit Nachrichten versorgt sind (Eisenegger et al., 2025). Die Negativfolgen dieser News-Deprivation für demokratische Gesellschaften sind gross: Eine geringe Exposition gegenüber journalistischen Inhalten korreliert mit geringerem politischen Wissen, reduzierter demokratischer Partizipation sowie einer schwächeren Identifikation mit demokratischen Systemen (Eisenegger et al., 2025).

Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass für viele Demokratien nicht primär der Kontakt mit Falschinformationen das grösste Risiko darstellt, sondern der rückläufige Konsum von verlässlichen Informationen, wie sie von professionellen Nachrichtenmedien bereitgestellt werden.

Fazit: Grösserer Fokus auf News-Deprivation nötig

Die Verharmlosung von Desinformation ist ebenso dysfunktional wie eine übersteigerte alarmistische Perspektive. Eine unbegründete Dramatisierung kann die Zufriedenheit mit der Demokratie verringern (Jungherr & Rauchfleisch, 2024).

Desinformation stellt zweifellos ein relevantes Problem dar, dessen Bedeutung durch technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz weiter zunehmen kann. Zugleich zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede zwischen Ländern und Plattformen: Bestimmte Kontexte sind besonders vulnerabel, und einzelne Plattformen exponieren Nutzerinnen und Nutzer stärker gegenüber problematischen Inhalten. Zudem handelt es sich um ein zeithistorisch variables Phänomen, das insbesondere in Krisenzeiten an Intensität gewinnt (Christner et al., 2025).

Vor diesem Hintergrund erscheint eine differenzierte Betrachtung wichtig. Neben der Auseinandersetzung mit Desinformation sollte ein weiteres, möglicherweise für viele westliche Demokratien noch grösseres Problem stärker berücksichtigt werden: das der News-Deprivation. Für die Qualität der Informationsumgebungen scheint es in vielen Ländern prioritärer, die Exposition gegenüber verlässlichen, journalistischen Inhalten zu stärken und damit gesellschaftliche Resilienz zu fördern, als sich nur auf die Bekämpfung von Desinformation zu konzentrieren (Altay, 2026; Acerbi et al., 2022).


Hinweis: Dieser Beitrag beruht auf dem Referat «Beyond Misinformation: Perception, Reality, AI, and the Challenge of News Deprivation», gehalten von Mark Eisenegger an den Aarauer Demokratietagen vom 12. und 13. März 2026.

Referenzen

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