Räume zum Leben, für alle
Urs Hafner
14th April 2026

Menschen leben in Räumen, die vorgegeben sind, die sie aber auch selber gestalten. Die Covid-19-Krise hat gezeigt, wie essenziell Lebensräume gerade für Gruppen am Rand sind. Zu diesem Schluss kommen zwei Projekte des Nationalen Forschungsprogramms «Covid-19 in der Gesellschaft» (NFP 80).
Nach der Pandemie ist vor der Pandemie. Die Covid-19-Krise hat die Schweiz zwischen 2020 und 2022 hart getroffen. Die Menschen konnten sich den mit der Pandemie verbundenen Gefahren nicht gleich gut entziehen, manche waren ihnen besonders ausgesetzt: Neben den Alten die Geringverdienenden und Jugendlichen. Denn die Gefahren waren, wie sich im Nachhinein zeigt, nicht nur epidemischer Natur. Es drohten Isolation, Depression und Prekarität, trotz Hilfe vom Staat.
Die Schutzmassnahmen der Behörden übergingen manche Gruppen oder bewirkten sogar das Gegenteil: Sie exponierten Menschen, statt sie zu schützen. Das geschah nicht aus mangelndem oder schlechtem Willen, sondern aus Unkenntnis der Lebensrealitäten – und Lebensräume. Lebensräume sind mehr als Geometrie und Parameter. Dies ist eine Erkenntnis, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Nationalen Forschungsprogramms «Covid-19 in der Gesellschaft» (NFP 80) gewonnen haben.
«Bleiben Sie zu Hause, retten Sie Leben!» So lautete einer der ersten Aufrufe des Bundesamts für Gesundheit, der sich an die Bevölkerung richtete. Auf diejenigen, die ihn befolgten, hatte er unterschiedliche Auswirkungen. Wer ins Home Office wechseln konnte, wer über ein eigenes Haus oder vielleicht sogar eine Ferienwohnung verfügte, die oder der war komfortabel geschützt. Manche Jugendlichen dagegen fanden sich während Wochen allein oder mit Geschwistern in ihrem kleinen Zimmer wieder. Und mit Smartphone und Laptop.
«Anfangs fanden die Jugendlichen das nicht schlimm, sie konnten ja ausschlafen und hatten mehr Zeit für sich», sagt Anke Kaschlik von der Zürcher Hochschule für Angewandte Forschung. «Mit der Zeit aber machte ihnen die Isolation zu schaffen. Die Freundinnen und Freunde, aber auch der Austausch in der Schule fehlten ihnen.» Anke Kaschlik ist Stadtforscherin am Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe. Im NFP 80 hat sie das Projekt «Städtische Räume für Jugendliche» geleitet. Sie und ihr Team führten mit Zürcher Schulklassen Workshops durch und sprachen dabei mit über zweihundert Jugendlichen, dazu kamen Interviews mit Fachpersonen unter anderem von Jugendarbeit und Polizei.
Parkplätze und Bushaltestellen als Jugendtreffs
Für viele Jugendliche, das zeigt die Arbeit der Forschenden, war die Pandemie einschneidend. Denn Jugendliche brauchen öffentlich zugängliche Räume, die sie erkunden, nutzen und sich aneignen können. Zuhause bleiben zu müssen, ist für viele nicht nur unangenehm, es schränkt ihre Entwicklung ein. «Gut zugängliche Erfahrungs-, Rückzugs- und Freiräume sind essenziell für Prozesse des Ausprobierens, für Selbstinszenierung und den Gewinn von Unabhängigkeit», sagt Kaschlik.
Schon in gewöhnlichen Zeiten ist es für Jugendliche nicht einfach, zu eigenen Räumen zu kommen. Sowohl die Raumplanung als auch die Raumnutzung der Gesellschaft laufen oft an ihnen vorbei. Zwar gibt es Jugendtreffs, doch die erfüllen nur einen Teil ihrer Bedürfnisse. So suchen Jugendliche Parkplätze und Bushaltestellen auf, um gemeinsam abzuhängen. Wenn sie sich dagegen auf Spielplätzen oder in Familiengärten und Parks treffen, kommt es oft zu Konflikten mit Erwachsenen, die sich über Lärm und Abfall beklagen. Nach zehn Uhr abends rufen Anwohner sogleich die Polizei.
In der Pandemie verschärfte sich die Lage. «Die Machtverhältnisse in der Raumnutzung verschoben sich noch einmal zu Ungunsten der Jugendlichen, da ihre Bedürfnisse zum Schutz anderer Gruppen zurückgestellt und vernachlässigt wurden», sagt Kaschlik. Bisher zugängliche Orte wurden gesperrt, Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt, gut erreichbare Treffpunkte durch die Polizei kontrolliert.
Viele Jugendliche gerieten in ein Dilemma, manche litten unter psychischen Problemen. Sie wichen in stadtnahe Wälder, grosse Parks oder an den See aus. Spazieren, Joggen oder Alleinsein in der Natur wurden zu ihren Routinen. «Die Erfahrungen veränderten ihre Wahrnehmungen und die Formen des sozialen Miteinanders der Jugendlichen», sagt Kaschlik. Einige wenige lieferten sich Techtelmechtel mit der Polizei. Die Forschenden deuten diese Praxis nicht nur als Protest, sondern auch als Bestehen auf eigenmächtigem Handeln.
Zynischer Behördenaufruf
Die Losung «Bleiben Sie zu Hause!» war für Jugendliche zweischneidig, gerade auch für jene, die wegen der beengten Situation daheim keine andere Wahl hatten, als nach draussen zu gehen. Für Bus-Chauffeure und Trampilotinnen, Reinigungskräfte, Lieferanten und Angestellte von Kindertagesstätten war der Aufruf eindeutig deplatziert: «In den Ohren dieser Menschen musste die Losung zynisch klingen, denn sie konnten gar nicht daheim bleiben, selbst wenn sie gewollt hätten. Sie mussten arbeiten geben», sagt David Kaufmann, Professor am Departement Bau, Umwelt und Geomatik der ETH Zürich. Der Politikwissenschaftler leitete im NFP 80 das Projekt «Systemrelevante städtische Arbeitskräfte». Mit seinem Team untersuchte er deren Lebensrealitäten in Zürich, Genf, Basel, Lausanne und Bern. Nicht berücksichtigt wurden die im Gesundheitswesen Tätigen, weil sie in der Öffentlichkeit bereits Beachtung fanden. Insgesamt sprachen die Forschenden mit knapp fünfzig Personen, worunter viele Migrantinnen und Migranten waren, sowie mit achtzehn Expertinnen und Experten.
Die Interviewten fühlen sich mehrheitlich erschöpft, ausgeschlossen und unsichtbar gemacht. Ihnen fehlt, wie sie sagten, die Wertschätzung. «Ohne die Leistungen dieser Arbeitskräfte würde die Gesellschaft nicht funktionieren, aber sie profitieren davon kaum», sagt Kaufmann. Sie haben tiefe Löhne, sie arbeiten in Kitas und reinigen Wohnungen, die sie sich nicht leisten können. Ihre Kinder werden von Verwandten betreut. Obschon sie in den Stadtzentren arbeiten, wohnen sie in der Agglomeration, wo sie erschwinglichen, aber oftmals unkomfortablen Wohnraum finden: klein, laut, schlecht isoliert.
Dabei wären gute Wohnbedingungen wichtig, damit die Betroffenen sich von ihrer Arbeit erholen und für sich und andere sorgen könnten. «Wohnraum ist nicht nur eine physische Struktur, sondern eine Form der sozialen Infrastruktur, die für die Pflege und Reproduktion von zentraler Bedeutung ist», sagt Kaufmann. Während der Pandemie verschlechterte sich die Lage der Arbeitskräfte zusätzlich. Das Zuhause wurde für sie, wenn sie dort waren, oftmals zur Falle. In Gebieten mit engem Wohnraum traten die höchsten Infektionsraten auf, und es kam vermehrt zu häuslicher Gewalt. «Die Pandemie hat Ungleichheiten und Prekaritäten nicht nur sichtbar gemacht, sondern sogar verstärkt», sagt Kaufmann.
Monitoring und Krisenplanung mit Jugendlichen
Welche Schlüsse ziehen Politikwissenschaftler Kaufmann und Stadtforscherin Kaschlik aus ihren Arbeiten? Für Kaschlik ist klar, dass künftig Vertreterinnen und Vertreter von Jugendarbeit und Schule sowie die Jugendlichen selbst miteinzubeziehen sind: «Jugendliche und ihre Bedürfnisse gehören in die Krisenplanungen auf allen Ebenen, vom Bund bis zu Städten und Gemeinden. Nur so werden ihre Interessen gleichberechtigt berücksichtigt. Im neuen Pandemieplan des Bundes fehlen die Jugendlichen schon wieder.»
Kaufmann hebt hervor, dass die Schweiz ein besseres «sozialräumliches Monitoring» braucht, also die Auswertung von Daten zu den unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsräumen: «Wo befinden sich soziale Infrastrukturen und Grünräume, wer hat welchen Zugang zu diesen Räumen, wo leben viele Menschen eng aufeinander?» Diese Daten sind vorhanden, werden aber nicht genutzt. «Das muss sich ändern. So kann man in einer nächsten Pandemie gezielte Massnahmen ergreifen, um Infektionen einzudämmen – mit Informationskampagnen, Masken und Interventionen in Schulen.» Das giesskannenmässig im ganzen Land verbreitete «Bleiben Sie zu Hause!» wird hoffentlich nicht mehr zu sehen sein.
Referenzen:
NFP 80, Forschungsprojekt «Städtische Räume für Jugendliche»
NFP 80, Forschungsprojekt «Systemrelevante städtische Arbeitskräfte»
