10-Millionen-Schweiz: Warum die Politmuffel den Ausschlag geben könnten

Line Rennwald, Lukas Lauener
2nd April 2026

Eine Analyse der Selects-Panelbefragung zeigt, dass die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» im Lager derjenigen, die sich Sorgen um ihre persönliche finanzielle Situation machen und die Zuwanderung als wichtigstes politisches Problem sehen, auf mehrheitlichen Zuspruch stösst. Ob die SVP-Initiative an der Urne einen Erfolg erzielen wird oder nicht, hängt auch davon ab, inwiefern diejenigen, die Wahlen und Abstimmungen im Allgemeinen (meist) fernbleiben, mobilisiert werden können – stimmen nur die regelmässigen Urnengänger:innen ab, wird die Initiative am 14. Juni Schiffbruch erleiden.

Die Abstimmungskampagne zur SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» wird zweifellos sehr intensiv, emotional und kontrovers geführt werden. Die Panelbefragung der Schweizer Wahlstudie Selects, bei der seit Juni 2023 dieselben Personen zu ihren Entscheiden anlässlich der eidgenössischen Wahlen 2023 sowie elf Abstimmungsvorlagen (hauptsächlich die Abstimmungen im Juni und September jedes Jahres) befragt wurden, liefert aufschlussreiche Erkenntnisse. Die fünfte und jüngste Erhebungswelle, die von Ende September bis Mitte November 2025 durchgeführt wurde und bei der mehr als 4’600 Personen teilnahmen, enthielt eine Frage zur Zustimmung oder Ablehnung der SVP-Initiative, falls der Urnengang am kommenden Sonntag stattfinden würde. Die Verteilung der Antworten lässt auf ein knappes Abstimmungsergebnis schliessen. Der Anteil der Personen, die angaben, die Initiative sicher zu befürworten, belief sich auf 28%, der Anteil derjenigen, die sie eher befürworteten, auf 18%, während auf der anderen Seite diejenigen, die die Initiative sicher ablehnten, 27% und diejenigen, die sie eher ablehnten, 17% der Befragten ausmachten. Nur jede zehnte befragte Person wusste noch nicht, wie er oder sie abstimmen würde.

Abbildung 1: Wahlteilnahme 2023Daten: Selects, Autor:Innen · Abbildung: Sophie De Stefani, DeFacto

In den Reihen der SVP ist die Unterstützung für die Initiative besonders stark: Fast 90% ihrer Wählerschaft von 2023 sprechen sich bestimmt oder eher für die Annahme der Initiative aus. Zwei Drittel der Wähler:innen kleinerer Rechtsaussen-Parteien (EDU, Lega, MCG) stehen der Initiative ebenfalls positiv gegenüber. Umgekehrt sind fast 80% der Wählerschaft der SP und der Grünen bestimmt oder eher gegen die Initiative, gefolgt von den Grünliberalen mit 70%. Das Lager der Initiativgegner ist in der Wählerschaft der Mitte von 2023 (52% Nein-Stimmen) und vor allem in der Wählerschaft der FDP (48% Nein- gegenüber 42% Ja-Stimmen – der Rest ist unentschlossen) sowie der EVP (46% Nein- gegenüber 41% Ja-Stimmen) bedeutend kleiner. Zu berücksichtigen sind auch diejenigen, die nicht an den eidgenössischen Wahlen von 2023 teilgenommen haben (immerhin mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten). Die Zustimmung zur SVP-Initiative (54%) ist in dieser Gruppe doppelt so hoch wie die Ablehnung (26%), jedoch ist auch der Anteil der Unentschlossenen besonders ausgeprägt in dieser Gruppe (20%).

Abbildung 2: Wahlentscheid 2023
Daten: Selects, Autor:Innen · Abbildung: Sophie De Stefani, DeFacto

Die in der Selects-Panelbefragung im Herbst 2025 geäusserte Stimmabsicht zur SVP-Initiative ähnelt am ehesten dem Abstimmungsverhalten beim Klimagesetz (Abstimmungsvorlage vom Juni 2023). Die Befürworter:innen der Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» haben sich damals klar gegen das Klimagesetz ausgesprochen (sie wurden in einer früheren Panel-Erhebungswelle zu ihrem diesbezüglichen Stimmentscheid befragt), während die Gegner:innen der SVP-Initiative grossmehrheitlich für das Klimagesetz gestimmt haben. Von den damaligen Gegner:innen des Klimagesetzes wollen heuer mehr als 80% der SVP-Initiative zustimmen. Dies ist insofern keine Überraschung, als die SVP im Juni 2023 bei der Abstimmung zum Klimagesetz gegen alle anderen etablierten Parteien antrat – eine Konstellation, die sich im Juni 2026 wiederholen wird.

Persönliche finanzielle Lage wichtig für Stimmabsicht

Vor dem Hintergrund zunehmender Sorgen um die Kaufkraft ist es interessant, die diesbezüglichen Unterschiede zwischen Befürworter:innen und Gegner:innen der SVP-Initiative zu betrachten. Unter Personen, die angeben, mit ihrem Einkommen kaum über die Runden zu kommen, wollen 55% der SVP-Initiative zustimmen. Dagegen sinkt die Unterstützung der Initiative auf 47% bei denjenigen, die mit ihrem Einkommen gut zurechtkommen, und auf 34% bei denjenigen, die sehr gut von ihrem Einkommen leben können. Die Panel-Teilnehmende wurden ausserdem zu der Befürchtung befragt, dass sich ihr Lebensstandard verschlechtern könnte. Unter denjenigen, die diese Befürchtung voll und ganz teilen, finden sich deutlich mehr Initiativ-Befürworter (58%) als unter denjenigen, die gar keine Angst vor einer Verschlechterung ihres persönlichen Lebensstandards haben (30%).

Abbildung 3: Persönliche finanzielle Situation
Daten: Selects, Autor:Innen · Abbildung: Sophie De Stefani, DeFacto

Zum Zeitpunkt der Panelbefragung (Herbst 2025) wurden auf die Frage nach dem wichtigsten politischen Problem, welches die Schweiz aktuell zu lösen hätte, die folgenden Themenbereiche weitaus am häufigsten genannt: 1) «Internationale Beziehungen & Armee» (23%), 2) «Zuwanderung & Asyl» (16%) und 3) «Gesundheitswesen» (10%). Von denjenigen, die ein Problem aus dem Bereich internationale Beziehungen und Armee als am wichtigsten erachteten, wollen 42% ein Ja zur SVP-Initiative in die Urne legen, während es in der Gruppe derjenigen, welche sich prioritär um das Gesundheitswesen sorgten, 44% sind. Hingegen sprechen sich in der Gruppe derjenigen, welche Probleme im Bereich der Zuwanderung und Asyl als vordringlich erachteten, 81% für eine Annahme der SVP-Initiative aus. 

Abbildung 4: Wichtigstes politisches Problem
Daten: Selects, Autor:Innen · Abbildung: Sophie De Stefani, DeFacto
Nachhaltigkeits-Framing der Initiative überzeugt nicht

Die Bezeichnung «Nachhaltigkeitsinitiative», wie die SVP-Initiative auch genannt wird, vermag zumindest im Lager derjenigen, welche «Umwelt & Energie» als wichtigstes politisches Problem angaben, gar nicht zu überzeugen: Drei Viertel dieser Gruppe lehnt das SVP-Begehren ab. Das Abstimmungsresultat im Juni hängt zu einem wesentlichen Teil auch damit zusammen, inwiefern sich die Problemwahrnehmungen der Schweizerinnen und Schweizer bis zum Abstimmungsdatum noch entwickeln. 

Dass das Nachhaltigkeits-Framing der SVP im Lager der Umweltschützer:innen nicht verfängt, zeigt sich auch darin, dass diejenigen, welche der Umweltpolitik eine (sehr) grosse Wichtigkeit beimessen und den Umweltschutz in der Schweiz stärken möchten, überdurchschnittlich stark gegen die Initiative sind (Ablehnung von 55% in beiden Gruppen). Auf der anderen Seite stimmen gerade diejenigen, die die Umweltpolitik unwichtig finden und keinen stärkeren Umweltschutz wollen, der SVP-Initiative überdurchschnittlich stark zu (Zustimmung von 70% bzw. 73%). Umweltaffine Stimmbürger:innen vermag die SVP mit dem Betonen von Umweltschutz- und Nachhaltigkeitsargumenten demnach nicht zu überzeugen.

Abbildung 5: Wichtigkeit der Umweltpolitik und Einstellungen zum Umweltschutz
Daten: Selects, Autor:Innen · Abbildung: Sophie De Stefani, DeFacto

Interessanterweise fällt die Abstimmung über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» exakt auf einen Tag, welcher in der Schweiz in den letzten Jahren von bedeutenden feministischen Kundgebungen geprägt war. Hinsichtlich der Gleichstellungsfrage ist anzumerken, dass sich bei denjenigen, die der Meinung sind, die Massnahmen zur Gleichstellung zwischen Mann und Frau seien bereits zu weit gegangen, 72% für eine Annahme der SVP-Initiative aussprechen. Demgegenüber sinkt die Zustimmung zur Initiative auf 27% bei denjenigen, die der Ansicht sind, dass die Massnahmen zur Gleichstellung noch nicht annähernd weit genug gegangen seien. Am 14. Juni 2026 dürften sich damit zwei gegensätzliche Visionen der Schweiz besonders deutlich abzeichnen.

Letztlich wird die Frage der Mobilisierung für den Abstimmungsausgang entscheidend sein. So unterscheiden sich die Stimmabsichten deutlich zwischen Personen, die nie, selten oder gelegentlich an Abstimmungen teilnehmen (52% von ihnen beabsichtigen derzeit, die SVP-Initiative anzunehmen), und solchen, die häufig oder sogar immer an eidgenössischen Volksabstimmungen teilnehmen (44% unterstützen die Initiative).


Bemerkung: Dieser Beitrag stammt aus einer Kolumne, die zuvor in der Zeitung “Le Temps” erschienen ist. Er wurde von Robin Stähli, DeFacto, editiert.

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