Künstliche Intelligenz: Wirtschaft im Rampenlicht, Gesellschaft im Schatten

Regula Hänggli
10th February 2026

In den Debatten zu KI stehen Fortschritt und Ökonomie im Vordergrund, während Ethik und Gesellschaft kaum Beachtung finden.

Die öffentliche Berichterstattung prägt, wie wir die Welt sehen. Sie entscheidet, welche Themen unsere Aufmerksamkeit erhalten und welche Perspektiven wir wahrnehmen. Bürgerinnen und Bürger, Führungskräfte oder Angestellte, alle können Urteile informierter fällen und politische oder wirtschaftliche Entscheidungen ausgewogener treffen, wenn die Debatte verschiedene Akteure zu Wort kommen lässt und eine differenzierte Sichtweise auf ein Thema ermöglicht.

Ein Blick auf die Berichterstattung über Künstliche Intelligenz (KI) in den USA, im Vereinigten Königreich, in Deutschland und in der Schweiz von Januar bis September 2024 zeigt: Rund 60 Prozent der öffentlichen Aussagen stammen von Journalistinnen und Journalisten, etwa 15 Prozent von wirtschaftlichen Akteurinnen und Akteuren. Zivilgesellschaftliche und wissenschaftliche Stimmen tauchen selten auf (je um die 10 Prozent) – politische Akteure noch seltener (4 Prozent). Bei den inhaltlichen Sichtweisen dominieren die Perspektiven «Fortschritt » und «wirtschaftliche Folgen ». In beiden Fällen überwiegen die Pro-Positionen: KI gilt als Motor für technischen Fortschritt und als Treiber positiver wirtschaftlicher Entwicklungen. Das deutet auf eine wirtschaftliche Ausrichtung und überwiegend euphorische Zukunftsaussichten hin. Kritische Stimmen sind zwar vorhanden, treten jedoch nachrangig auf.

Die Perspektive der «wissenschaftlichen und technischen Unsicherheit» relativiert das Potenzial von KI-Anwendungen und verweist auf mögliche Grenzen. Ein weiterer bemerkenswerter Anteil entfällt auf die Sichtweise der «öffentlichen Rechenschaftspflicht », die Regulierung und verantwortungsvolle Nutzung fordert – und damit ein empirisches Gegengewicht zu rein techno-kapitalistischen Narrativen bildet. Aspekte wie Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, öffentliches Interesse, politische Fragen und Nachhaltigkeit bleiben dagegen weitgehend im Hintergrund.

Der Diskurs folgt damit überwiegend wirtschaftlichen Interessen, während ethische, soziale und ökologische Fragen nur punktuell vorkommen. Das geringe Vorkommen politischer Akteure deutet darauf hin, dass politische Stimmen noch am Rande des öffentlichen Diskurses zu KI stehen. Da die gesellschaftliche Relevanz von KI wahrscheinlich weiter zunehmen wird, könnte ihr Aufstieg mit einer stärkeren Politisierung ihrer Auswirkungen einhergehen – und damit auch mit einer grösseren Vielfalt an Perspektiven.

Langfristig ist eine ausgewogene Debatte über KI erwünscht. Angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutung kann die Marginalisierung ethischer Diskussionen und die Dominanz techno-kapitalistischer Narrative zu einem Mangel an Verantwortlichkeit und potenziell schädlichen Folgen für Einzelpersonen und Gemeinschaften führen. Die Förderung einer breiteren Vertretung von Stimmen – insbesondere aus der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft und ethisch orientierten Organisationen – wird entscheidend sein, um einen kritischen Dialog zu ermöglichen und sicherzustellen, dass die Entwicklung von KI im Einklang mit demokratischen Werten und dem gesellschaftlichen Wohl steht.

Durch die Einbeziehung solcher Sichtweisen können Journalistinnen und Journalisten zu einem differenzierteren Verständnis von KI beitragen, das über rein wirtschaftliche Vorteile hinausgeht – und damit eine Zukunft gestalten, in der Technologie den Interessen der Gesellschaft als Ganzes und der Menschen dient. So können wir nicht nur innovative Fortschritte erzielen, sondern auch eine nachhaltige und gerechte digitale Landschaft schaffen, die ethische Grundsätze und demokratische Ideale achtet. Auf diese Weise kann die KI-Debatte das leisten, was sie soll: die Gesellschaft auf eine Zukunft vorzubereiten, die mehr ist als ein Geschäftsmodell, und diese mitzugestalten.


Anmerkung:

Dieser Beitrag wurde am 23. August 2025 als Kolumne in den Freiburger Nachrichten erstveröffentlicht. 

Bild: unsplash.com