Wie Emotionen Entscheidungen beeinflussen

Markus Freitag
22nd January 2026

Wenn Menschen sich emotional betroffen fühlen, beeinflusst dies ihre Überzeugungen und ihr Verhalten – wobei Menschen mit linker politischer Orientierung weniger Freude und mehr Angstzustände haben als politisch Rechtsstehende.

Nicht umsonst trommelte die Schweizerische Vereinigung für politische Wissenschaft anlässlich ihrer diesjährigen Jahrestagung zum Thema «Emotionale Politik» die akademische Prominenz aus nah und fern zusammen. Mit kühlem Kopf wurde ein heisses Eisen angefasst, denn «in der Politik sind Emotionen Fakten», wie der ehemalige deutsche Politiker Heiner Geissler gerne verlauten liess. 

Gefühle und Stimmungen der Bürgerinnen und Bürger haben in der Politik nämlich oft eine ebenso entscheidende Wirkung wie reine Zahlen, Statistiken oder rationale Argumente. Wenn Menschen sich emotional betroffen fühlen, beeinflusst dies ihre Überzeugungen und ihr Verhalten. Das wiederum schafft politische Realitäten und fordert politische Entscheidungen heraus. Heute wohl noch mehr denn je. Oder sehen Sie das anders? Entscheiden Sie nicht auch hin und wieder aus dem Bauch heraus?

Emotionen werden allgemein durch das Zusammenspiel persönlicher Ziele mit den Beschränkungen und Möglichkeiten der Umgebung ausgelöst. Erreichen wir unsere Vorgaben, stellen sich Freude, Hoffnung oder Stolz ein. Das Erleben dieser positiven Emotionen zementiert unsere bisherigen Ansichten und Handlungen. Sind die gesteckten Ziele hingegen in Gefahr, kriegen wir es mit der Angst zu tun. In diesem Zustand setzen wir die bisherigen Routinen aus und suchen nach neuen Informationen, um die Bedrohung und die damit einhergehende Unsicherheit zu verringern. 

Weniger Freude und Wut, dafür häufiger Angstzustände

Bleiben unsere Erwartungen hingegen sogar unerfüllt, empfinden wir Gefühle wie Wut, Verachtung, Frustration oder Ekel. Im Gegensatz zur Angst werden diese negativen Emotionen durch Ereignisse ausgelöst, die uns zwar herausfordern, aber nicht völlig unbekannt sind. Zur Bewältigung suchen wir daher nicht nach neuen Botschaften, sondern beharren auf unseren festgefahrenen Meinungen. Gerade deshalb kann Angst auch den Weg zum Kompromiss ebnen, während Wut die Aussicht auf Verständigung oft verbaut.

Laut den Zahlen des Schweizer Haushalt-Panels empfinden die Menschen hierzulande weitaus häufiger Freude als Wut und Angst. Allerdings ist das Lächeln in den letzten Jahren etwas aus den Gesichtern gewichen. Und im Vergleich zum rechten politischen Spektrum berichten Personen, die sich links verorten, weniger Freude und Wut, dafür aber häufiger Angstzustände.

Machen wir uns jedoch nichts vor: Obwohl den Emotionen eine diagnostische Kraft zugeschrieben wird, die dem Gehirn signalisiert, was in unserer Umgebung geschieht und wie wir darauf reagieren sollen, haben Gefühlsausbrüche einen schweren Stand. Seit den Tagen der Aufklärung wird ein sorgfältig abgewogenes Urteil einem impulsiven Votum allemal vorgezogen. Der Verstand soll das Herz stets und überall in Schach halten. Der allgegenwärtige und mit den Gefühlen des Volkes spielende Populismus verstärkt das Misstrauen gegenüber Emotionen zusätzlich.

Abbildung 1: Freudig gestimmte Schweiz
Quelle: Schweizer Haushaltspanel, eigene Auswertung.
Frage: Wie häufig empfinden Sie normalerweise Angst, Wut oder Freude? Durchschnittswerte: (0= nie, 10 = immer).
Arbeitsteilung zwischen Herz und Verstand

Unsere Gefühlsregungen sind allerdings bei weitem nicht nur rohe Instinkte. Sie sind auch verdichtete Erfahrungen. Angst ist beispielsweise nicht nur eine Reaktion auf eine drohende Gefahr, sondern auch ein Sammelbecken früherer Verletzlichkeit. Freude spiegelt wiederum nicht nur Erfolg, sondern auch Hoffnung und Sinn wider. Gefühle zeigen uns zudem auch, was wichtig ist. Ohne Emotionen gäbe es keine Werte, keine Prioritäten und letztlich auch keine Motivation zum Denken und Handeln. 

Deshalb teilte der schottische Philosoph David Hume der Welt bereits vor ein paar Jahrhunderten seine Auffassung zur Arbeitsteilung zwischen Herz und Verstand mit. Demnach entscheiden Emotionen darüber, welche Fragen wir stellen, während die Vernunft sich dann an deren Beantwortung macht. Mit anderen Worten: Ihre Leidenschaften spuren vor, was Sie im neuen Jahr angehen werden. Und Ihre Klugheit sorgt dann dafür, dass Sie keine falschen Entscheidungen treffen. Viel Erfolg!


Hinweis: Dieser Beitrag wurde am 7. Januar 2026 als Kolumne im Tages-Anzeiger erstveröffentlicht. 

Referenzen:

  • Under Attack: How Threats Push Negative Beliefs About Scientists in Germany, in: German Politics, 2026 https://doi.org/10.1080/09644008.2026.2612933 (together with Marta Antonova and Daniel Auer).
  • Angry Politics: Populism and the Erosion of Political Support during Hard Times, Public Opinion Quarterly, 2025. https://doi.org/10.1093/poq/nfae056 (together with Daniel Auer)
  • Divided by vaccination? Evaluating the intergroup conflict between pro- and anti-vaccination groups in the post-pandemic era, Humanities Social Science Communication 12, 253, 2025. https://doi.org/10.1057/s41599-024-04016-y  (together with Maximilian Filsinger)
  • Divided by morality? Moral foundations of affective polarisation during hard times, Politics, 2025. https://doi.org/10.1177/026339572513150 (together with Victoria Haerter and Maximilian Filsinger)

Abbildung: unsplash.com