Abstimmen – ein Kern der Demokratie
Regula Hänggli
12th January 2026

Heute beschäftige ich mich mit einem grundlegenden Element der Demokratie: der Stimmabgabe. Diese besteht im Wesentlichen aus zwei Komponenten – der Art, wie die Stimme abgegeben wird, und der Methode, mit der die Stimmen aggregiert werden. Beide Schritte bieten unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten, was ich anhand eines partizipativen Budgetprozesses illustriere. In einem solchen Verfahren entscheiden Bürger und Bürgerinnen direkt darüber, wie öffentliche Mittel eingesetzt werden sollen. Sie stimmen über eine Auswahl unterschiedlich teurer Projekte ab.

Die Stimmabgabe lässt sich auf vielfältige Weise gestalten: Man könnte das beliebteste Projekt wählen, Projekte nach Präferenz ordnen, für jedes Projekt einzeln «Daumen hoch» oder «Daumen runter» vergeben oder Punkte auf mehrere Projekte verteilen – beispielsweise zehn Punkte auf mindestens drei Projekte verteilen, und viele mehr. Die Forschung zeigt, dass Letzteres eine gute Wahl ist. Diese Methode erlaubt es, die eigenen Präferenzen differenziert auszudrücken. Wer etwa ein Projekt besonders befürwortet, kann diesem acht Punkte geben und zwei anderen je einen. Wer mehrere Projekte ähnlich gut findet, kann die Punkte gleichmässig verteilen. Zudem ist das Verteilen von zehn Punkten auch nicht zu kompliziert.
Nach der Stimmabgabe stellt sich die Frage nach der Aggregierung. Bleiben wir bei der Punktevergabe als Form der Stimmabgabe. Eine einfache Möglichkeit, zum Gesamtresultat zu kommen, ist die Addition aller Punkte. Die Projekte mit den meisten Stimmen werden angenommen, bis das Budget aufgebraucht ist. Das wird oft so gemacht, und ich nenne es die «Standardmethode». Eine andere Möglichkeit stellt die «Methode der gleichen Anteile» dar. Sie basiert auf der Idee, dass jedem Wähler und jeder Wählerin ein gleich grosser Teil des Budgets zugeteilt wird. Dieser Anteil wird noch durch die Anzahl der vergebenen Punkte geteilt. So entspricht jeder Punkt auch einem Geldwert. Nur wenn ein Projekt genug Punkte (und damit auch finanzielle Unterstützung) auf sich vereinen kann, wird es umgesetzt. Teurere Projekte benötigen entsprechend mehr Punkte, um finanziert zu werden. (Weitere Informationen dazu finden sich auf equalshares.net oder unter https://descil.eu.qualtrics.com/jfe/form/SV_8hLLgmjomnc61Fk).
Ein praktisches Beispiel für die innovative Stimmabgabe und Methode der gleichen Anteile liefert die Stadt Aarau: Im Rahmen des Projekts «Stadtidee» im Jahr 2023 wurde direkt über die Verwendung von 50’000 Franken an öffentlichen Geldern entschieden. Dabei konnten Bürgerinnen und Bürger ihre zehn Punkte abgeben, und diese wurden weltweit erstmals mittels der Methode der gleichen Anteile aggregiert. Aufgrund des Erfolgs ist eine Wiederholung in vier Jahren geplant.
Die beschriebenen Varianten lassen sich in Mehrheits- und Verhältnisverfahren einteilen. Beide Varianten kommen bereits bei Wahlen in der Schweiz zur Anwendung. Bei den Ständeratswahlen wird in der Regel das Majorzverfahren (Mehrheitsverfahren) angewandt (Ausnahmen sind der Kanton Jura und Neuenburg). Dabei wird im ersten Wahlgang in der Regel das absolute Mehr verlangt, im zweiten Wahlgang genügt das relative Mehr. Das Proporzwahlsystem wird bei den Nationalratswahlen seit 1919 angewandt (sofern der Kanton mehr als einen Sitz hat). In Budgetentscheidungen oder auch in Entscheidungen innerhalb einer Organisation wird vorwiegend die Mehrheitswahl verwendet. Die Mehrheitswahl – in unserem obigen Beispiel etwa die Stimmabgabe via Auswahl des beliebtesten Projekts und das einfache Punktesummieren (Standardmethode) – ist leicht verständlich, führt zur Auswahl von wenigen Projekten und kann schneller umgesetzt werden. Die Variante nach dem Prinzip der Verhältniswahl hingegen, also die Punktvergabe in Kombination mit der Methode der gleichen Anteile, erlaubt feinere Abstufungen im Ausdruck persönlicher Präferenzen. Dadurch erhalten mehr Projekte eine Chance, realisiert zu werden, und die Repräsentation und damit Zufriedenheit der Wähler und Wählerinnen ist grösser. Diese Form der Stimmabgabe und -aggregation ist aber aufwendiger. Ein überschaubarer Kontext – etwa auf kommunaler Ebene oder innerhalb von Organisationen – eignet sich am besten, um sich mit dieser Methode vertraut zu machen. Abstimmen eröffnet also unterschiedliche Möglichkeiten. Man kann je nach Situation und Kontext die passenden auswählen.
Anmerkung:
Dieser Beitrag wurde am 20. Mai 2025 als Kolumne in den Freiburger Nachrichten erstveröffentlicht.
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