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Die Qualität der Stimmentscheide ist auf kantonaler Ebene höher als auf nationaler

Gabriel Hofmann
6th September 2021

Eine Untersuchung im Kanton Aargau zeigt, dass die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger relativ gut informiert sind und die gefällten Stimmentscheide mit den eigenen Präferenzen übereinstimmen. Das sogenannte «correct voting» ist bei kantonalen Abstimmungen ausgeprägter als bei nationalen. Insgesamt können rund drei Viertel der untersuchten Stimmentscheide als «korrekt» bezeichnet werden in dem Sinne, dass sie den Werthaltungen und Interessen der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger entsprechen.

Im Nachgang zu konfliktreichen und emotionalen Abstimmungen wird oft die Qualität der Stimmentscheide in Frage gestellt. Die Kritiker werfen einem Teil der Stimmberechtigten vor, uninformiert und entgegen den eigenen Präferenzen abgestimmt zu haben. Wie eine neue Untersuchung des Zentrums für Demokratie Aarau (ZDA) zeigt, sind die Bürgerinnen und Bürger jedoch überraschend gut informiert und können sich eine eigene Meinung bilden. Anhand von Daten aus den Umfrage-Reihen FOKUS Aargau und VOTO konnte gezeigt werden, dass die Qualität der Stimmentscheide sehr hoch sein kann, vor allem bei emotionalen und konfliktreichen Vorlagen.

Ein überraschender Befund ist, dass die untersuchten kantonalen Entscheide eine leicht höhere Qualität aufweisen als die nationalen. Das könnte zwei Ursachen haben: Einerseits ist das durchschnittliche Interesse an Politik und die durchschnittliche Informiertheit bei Teilnehmenden an kantonalen Abstimmungen höher, da kantonale Vorlagen aus verschiedenen Gründen wie zum Beispiel geringer medialer Aufmerksamkeit in der Regel ein geringeres Mobilisierungspotenzial haben. Dadurch nehmen eher stark interessierte oder betroffene Stimmberechtigte teil. Andererseits sind die Inhalte bei kantonalen Vorlagen näher am Alltag der Abstimmenden, wodurch sie eher mit den Inhalten der Vorlage vertraut, stärker betroffen und besser informiert sind. Alle diese Faktoren erleichtern eine qualitativ hochwertige Stimmentscheidung.

Zur Untersuchung der Qualität des Stimmentscheides wurde das Konzept des correct voting verwendet. Dabei wird die korrekte Stimmentscheidung als eine nahezu vollständig informierte Stimmentscheidung definiert. Konkret wurde correct voting mit Umfragedaten gemessen, indem die Stimmentscheidung mit der Zustimmung respektive Ablehnung von vier inhaltlichen Argumenten verglichen und bei einer Übereinstimmung der Stimmentscheidung mit dieser Argumentposition als korrekt gewertet wurde. 

Zusammengefasst legen die Befunde dieser Studie nahe, dass Aargauer Bürgerinnen und Bürger grundsätzlich in der Lage sind auch bei kantonalen Vorlagen eigenständig eine Meinung zu bilden und so die Stimmentscheidung anhand der eigenen Präferenzen auszurichten. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende direkte Demokratie.


Referenz:

  • Gabriel Hofmann (2021): Kompetent oder Manipulierbar? Empirische Befunde zu correct voting aus fünf kantonalen und elf nationalen Vorlagen im Kanton Aargau. FOKUS Aargau Special. Aarau, Zentrum für Demokratie Aarau. fokus.ag/special_3