Im Schatten des Wolfes

Die Wöl­fe sind zurück in der Schweiz. Dies führt zu inten­si­ven Debat­ten und zeigt, dass die Rück­kehr die­ser Tie­re auch die Lebens­wel­ten von Men­schen aus­ser­halb der Schaf­zucht und Jagd berührt. Mit der Wolfs­fra­ge hän­gen vie­le ande­re Kon­flik­te, die die Schweiz beschäf­ti­gen, eng zusam­men.

Der Wolf ist ein Stell­ver­tre­ter­kon­flikt.“ Die­ser Aus­sa­ge begeg­net man oft, wenn man mit Men­schen in der Schweiz spricht, die sich in ihrem All­tag beruf­lich oder pri­vat mit den Wöl­fen aus­ein­an­der­set­zen. Damit wird übli­cher­wei­se erklärt, war­um die Debat­ten rund um die Rück­kehr die­ses Wild­tiers in der Schweiz so hohe Wel­len schla­gen.

Bedeu­tet die­se Aus­sa­ge, dass es bei den Dis­kus­sio­nen rund um die wil­den Rück­keh­rer eigent­lich gar nicht um Wöl­fe geht? Dass „der“ Wolf ledig­lich ein Sym­bol für ande­re Din­ge und selbst gar nicht rele­vant ist? Das Gegen­teil ist der Fall. Die zurück­keh­ren­den Wöl­fe – natür­lich auch als sym­bo­lisch auf­ge­la­de­ne und im kul­tu­rel­len Gedächt­nis fest ver­an­ker­te Tie­re – lösen hef­ti­ge Reak­tio­nen in der Gesell­schaft aus. Und dies, obwohl die Beu­te­grei­fer doch schein­bar nur für einen klei­nen Teil der Bevöl­ke­rung ein direk­tes Pro­blem dar­stel­len.

Wöl­fe: Wis­sen und Pra­xis

Eli­sa Frank und Niko­laus Hein­zer sind Pro­jekt­mit­ar­bei­ten­de des durch den Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­fonds geför­der­ten, am Insti­tut für Sozi­al­an­thro­po­lo­gie und Empi­ri­sche Kul­tur­wis­sen­schaft (ISEK) – Popu­lä­re Kul­tu­ren (Uni­ver­si­tät Zürich) ange­sie­del­ten und von Prof. Dr. Bern­hard Tschofen gelei­te­ten For­schungs­pro­jekts «Wöl­fe: Wis­sen und Pra­xis. Eth­no­gra­phi­en zur Wie­der­kehr der Wöl­fe in der Schweiz» (Nr. 162469). Das Pro­jekt inter­es­siert sich für die Wolfs­rück­kehr als sozia­len und kul­tu­rel­len Pro­zess und unter­sucht in die­sem Zusam­men­hang gesell­schaft­li­che Umgangs­wei­sen mit Natur.

Im Rah­men ihrer Pro­mo­ti­on füh­ren Frank und Hein­zer eine auf qua­li­ta­ti­ven Metho­den (Feld­for­schung, Inter­views, Dis­kurs- und Medi­en­ana­ly­se) basie­ren­de eth­no­gra­fi­sche Stu­die von Wis­sens­be­stän­den und Prak­ti­ken durch. Auf einer pra­xeo­lo­gi­schen und rela­tio­na­len theo­re­ti­schen Grund­la­ge auf­bau­end wird das soge­nann­te „Wolfs­ma­nage­ment“ als ein kom­ple­xes Akteur-Netz­werk kon­zep­tua­li­siert. Es wer­den sowohl die offi­zi­el­le, insti­tu­tio­na­li­sier­te Ver­wal­tung der Wöl­fe als auch weni­ger nahe­lie­gen­de Berei­che wie z.B. Tou­ris­mus, Hun­de­hal­tung oder Tier­prä­pa­ra­ti­on sowie indi­vi­du­el­le, popu­lä­re und all­täg­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Wöl­fen kul­tur­wis­sen­schaft­lich erforscht.

Doch beim Wolf geht es um mehr. Im Wind­schat­ten des Wol­fes wer­den alte und neue Kon­flik­te aus­ge­spielt, Pro­ble­me refor­mu­liert und poli­ti­sche For­de­run­gen gestellt, Inter­es­sen defi­niert und Gren­zen aktua­li­siert, demo­gra­fi­sche Ent­wick­lun­gen und gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se neu the­ma­ti­siert. Der Beu­te­grei­fer hält die Schweiz auf Trab.

Wenn der Wolf aus Bern kommt

Das Pla­kat einer im Wal­lis ein­ge­reich­ten Initia­ti­ve namens „Für einen Kan­ton Wal­lis ohne Gross­raub­tie­re“ zeigt die Umris­se des Kan­tons. Inner­halb die­ser Umris­se sind weis­se Scha­fe – kei­ne Unbe­kann­ten auf poli­ti­schen Pla­ka­ten – zu sehen. Die nörd­li­che Kan­tons­gren­ze, die das Wal­lis vom Rest der Schweiz, der „Üsser­schwiiz“, trennt, ist durch eine weiss-rote Schran­ke ver­stärkt. Der grim­mi­ge, blut­rüns­ti­ge Wolf sitzt auf der ande­ren Sei­te die­ser Bar­rie­re: im Unter­land, in Bern, im Macht­zen­trum.

Pla­kat der im Wal­lis ein­ge­reich­ten Initia­ti­ve namens „Für einen Kan­ton Wal­lis ohne Gross­raub­tie­re“

Quel­le: bazonline.ch

Das Gefühl der poli­ti­schen Bevor­mun­dung von „oben“, das hier zum Aus­druck kommt, wird oft ver­knüpft mit For­de­run­gen, den Kan­to­nen mehr Kom­pe­ten­zen in Bezug auf Gross­raub­tie­re zu über­tra­gen. Sol­che For­de­run­gen refe­rie­ren nicht zufäl­lig immer wie­der auf das föde­ra­lis­ti­sche „Schwei­zer Erfolgs­mo­dell“, das hel­fen soll, die Kon­flik­te rund um Wöl­fe zu ent­schär­fen, indem je nach kan­to­na­lem Kon­text unter­schied­li­che, regio­nal ange­pass­te Lösun­gen gefun­den wer­den sol­len. Dem­ge­gen­über ste­hen Posi­tio­nen, die beto­nen, dass ein so mobi­les und gross­räu­mig leben­des Tier wie der Wolf nicht sinn­voll inner­halb von Kan­tons­gren­zen gema­nagt wer­den kön­ne. So wer­den, ange­stos­sen durch die Wöl­fe, auch Sinn und Unsinn des Schwei­zer Föde­ra­lis­mus neu aus­ge­han­delt.

(Alpine) Zukunftsszenarien

Die Schran­ke auf dem Pla­kat der Wal­li­ser Initia­ti­ve trennt jedoch nicht nur einen Kan­ton von der Bun­des­haupt­stadt, son­dern eben­so Unter­land und Berg­ge­biet. Damit betritt man ein sozi­al und ideo­lo­gisch beson­ders sen­si­bles Ter­rain, sind doch die Alpen seit lan­gem eine Pro­jek­ti­ons­flä­che für die Sehn­süch­te moder­ner Gesell­schaf­ten. Gera­de in der Schweiz spie­len sie für das natio­na­le Selbst­ver­ständ­nis eine spe­zi­fi­sche Rol­le. Die Dis­kus­sio­nen ver­lau­fen dabei jedoch nicht aus­schliess­lich kon­fron­ta­tiv, son­dern es wird eben­so auf die Tra­di­ti­on der Soli­da­ri­tät des Unter­lan­des mit den Berg­re­gio­nen rekur­riert. Der Wolf bie­tet eine fokus­sier­te Per­spek­ti­ve auf Dyna­mi­ken zwi­schen peri­phe­rem Alpen­raum und urba­nen Macht­zen­tren und auf die aktu­el­le Rol­le des Berg­ge­biets in der Schweiz.

Eine Fra­ge, die dabei im Zen­trum steht, ist jene nach der Rol­le von Wild­nis. Für man­che steht Wild­nis im Wider­spruch zur stark genutz­ten Kul­tur­land­schaft sowie zur dich­ten und klein­räu­mi­gen Besie­de­lung der Schweiz. Könn­te die von Wöl­fen ver­kör­per­te Wild­nis aber womög­lich in aus­ge­wie­se­nen Zonen exis­tie­ren, wie der Ver­ein Lebens­raum Schweiz ohne Gross­raub­tie­re vor­schlägt, oder kann sie in Natur­parks erhal­ten wer­den? Oder zeu­gen im Gegen­teil die sich in der Schweiz nie­der­las­sen­den Wolfs­ru­del gera­de von einer Wild­nis, die der Zivi­li­sa­ti­on gar nicht so gegen­läu­fig ist, son­dern ihr viel­mehr folgt, sich ihr anpasst und ihren Weg zu fin­den weiss, wenn man sie nur lässt?

Bei die­sen Fra­gen geht es letzt­lich auch dar­um, wie sich die Schweiz über ihren Umgang mit der Natur als fort­schritt­li­che, (post-)moderne Nati­on dar­stellt, die auf der Höhe ihrer Zeit ist. Für die einen bedeu­tet Fort­schritt, das Wachs­tum der Wolfs­be­stän­de zu kon­trol­lie­ren, um das dro­hen­de Ende der Schaf-Alp­wirt­schaft zu ver­hin­dern und die befürch­te­te Ver­wil­de­rung der Alpen auf­zu­hal­ten; denn dies wür­de den Ver­lust alpi­ner Bio­di­ver­si­tät und die Ent­völ­ke­rung der Berg­re­gio­nen vor­an­trei­ben. Für die ande­ren wäre es in Zei­ten von Kli­ma­wan­del und Anthro­po­zän zeit­ge­mäss, der Natur ihren Platz ein­zu­räu­men und eine Koexis­tenz mit ihr anzu­stre­ben.

Aushandlungen des Sozialen

Es ist viel­leicht etwas über­spitzt zu sagen, dass sich über die Wolfs­po­li­tik ein gan­zes Land defi­niert. Doch auf dem Rücken des Wol­fes wird Gesell­schaft aus­ge­han­delt. Dabei geht es nicht nur um inter­ne sozio-poli­ti­sche Ver­hält­nis­se, nach­hal­ti­ge Tra­di­tio­nen und um Fra­gen der Selbst­be­stim­mung und -reprä­sen­ta­ti­on, son­dern auch um den Umgang mit dem Ande­ren, dem Frem­den, das von aus­sen kommt oder gar auf­ge­zwun­gen wird: Kon­trol­le oder Koexis­tenz, Aus­schluss oder Inte­gra­ti­on, Grenz- oder Will­kom­mens­po­li­tik? Der Wolf erhöht dabei die Sicht­bar­keit von Akteu­ren und gibt ihnen eine lau­te Stim­me, ihrem Wort Gewicht. Er ermög­licht es, öko­lo­gi­sche und öko­no­mi­sche, poli­ti­sche und kul­tu­rel­le, gesell­schaft­li­che und his­to­ri­sche Zusam­men­hän­ge zuzu­spit­zen und in einer pro­mi­nen­ten Are­na mög­li­che Zukünf­te der Schweiz mit unmit­tel­ba­rer Dring­lich­keit zur Dis­kus­si­on zu stel­len. Im Schat­ten des Wol­fes wird unser Land also wei­ter­hin in Bewe­gung blei­ben.

 


 

Bild: Felix Brön­ni­mann

Print Friendly, PDF & Email